Bela Lugosi's dead
Undead undead undead
Oh Bela
Bela's undead
Es könnte wahrlich keinen passenderen, ehrlicheren und zu gleich auch schwerwiegenderen Filmhistorischen Hintergrund geben um mit dem unvergesslichen und mittlerweile selber unsterblich gewordenen Song von Bauhaus in „The Hunger“ zu starten. Denn so wie Bela Lugosi seit langem tot ist, ist er und das Horrorfilmgenre für das er stand doch unsterblich. Und da man die Toten ruhen lassen soll ist es auch kein klassischer Vampirfilm an dem sich Tony Scott versucht, sondern ein Versuch das Genre weiterzuführen. Dass er dabei teilweise Rückschritte in Kauf nimmt und doch in so manchem Bereich weiter geht als es notwenig wäre muss man in Kauf nehmen. Überhaupt ist es wohl das falscheste was man machen kann wenn man diesen Film mit der Erwartung ansieht einen Horrorfilm zu sehen.
Tony Scott, kleiner Bruder von Ridley Scott hat mit seinem ersten großen Film gleich ein Stück geschaffen, dass er in solcher inszenatorischer Schönheit nie mehr erreicht hat. Wie ein roter Faden zieht sich die optische Brillianz durch alle Filme von Scott, egal ob es nun Top Gun, True Romance oder zuletzt „Man on fire“ ist. Sie alle sind außergewöhnliche optische Erlebnisse, wie sie selten sind im Mainstream Kino Hollywoods. Hochglanz und perfekte Szenenausleuchtung stehen an oberster Stelle. Und doch ist „The Hunger“ der einzige Film von Scott, der auch über das optische Hinaus funktioniert, allerdings nur insofern man sich darauf einlässt.
Scott erzählt seine Geschichte nahezu ausschließlich über die Optik, über Bilder die mehr Inhalt transportieren als es die Worte vermögen. Oftmals vergehen Minuten ohne das ein Wort gesprochen wird. Das Risiko bei dieser Art des Films ist groß, das Publikum muss sich Zeit nehmen, muss sich selber viel erarbeiten, Erwartungen werden enttäuscht. Schon in den ersten 10 Minuten definiert Scott die Grenzen in denen der Film sich bewegen wird. Zu den Klängen des Eingangs zitierten „Bela Lugosi´s dead“ von den gigantischen Bauhaus, deren Mastermind Peter Murphy auch einen kurzen Auftritt absolviert sehen wir einen in dunklen kühlen Bilder getauchten von Kunstnebelschwaden durchzogenen Club, dem immer wieder Catherine Deneuve und David Bowie gegengeschnitten werden. Beide auf der Jagd, beide verführen sie ein Opfer und beide töten sie es, dabei entsteht durch den Schnitt immer wieder der Eindruck es sind die beiden die miteinander Sex haben, getrennt nur durch den Tod den sie bringen.
Die Story entwickelt sich langsam, wird immer weiter weggehen vom ursprünglichen Thema das sich durch die Jahrzehnte des Vampirfilms zieht. Der Film wird letztlich zu einer Metapher über das Altern, über die Dauer des Lebens und auch die Seitenhiebe auf eine Gesellschaft die sich auch Anfang der 80er Jahre schon über Jugendwahn und Schönheitskriterien definierte. So ist das grausame Schicksal das dem Begleiter der Jahrtausende alten ägyptischen Vampirin zu teil wird, dann auch das Altern. Eindrucksvoll in Szene gesetzt von den Maskenbildnern die David Bowie über mehrer Stadien des Alterns hinwegführen, bis er am Ende nicht mehr ist als ein gebrechlicher Greis, mehr Tod als Lebendig. Diese Szenen strotzen nur so vor inszenatorischer Wucht. Hier gewinnt der Film an Tempo, gleichzeitig wie Bowie in wenigen stunden um Jahrzehnte altert wird auch der Film schneller, entlädt sich letztlich in einer (auch für damalige Verhältnisse sehr gewagten) Tat, die voller Verzweiflung steckt, wenn Bowie die jungen Musikschülerin tötet und sich erhofft von ihr die Jugend, die ewige, die ihm versprochen wurde, zurück zu erlangen.
Noch während der Tote Begleiter seinem endgültigen Schicksal, unsterblich und doch tot in einer Kiste vor sich hinzu vegetieren, zugeführt wird ist bereits das nächste Opfer auserkoren. Doch die Wissenschaftlerin die sich mit dem Phänomen des Alterns befasst wird letztlich selber zur Nemesis der unsterblichen Vampir, die in einer letzten Verzweifelten tat von ihren Geliebten die sie über die Jahrtausende gesammelt hat in den Tod geschickt. Einzig hier wäre eine kleine Erklärung innerhalb des Films dann doch nicht unangebracht gewesen, hier wollen die Bilder allein nicht ausreichen um nachzuvollziehen wie sich das Schicksal wendet und die Wissenschaftlerin selber es schafft ihre Geliebte zu töten.
Doch auch dieses kleine Ärgernis innerhalb der Geschichte ändert nichts an der optischen Brillanz mit der Scott erzählt. Optisch ganz klar ein Produkt der kühlen 80er Jahre Optik schafft er immer wieder durch die Ausleuchtung und den Einsatz weicher fließender Stoffe, die vor der Kamera wehen den Bilder etwas traumhaftes zu verleihen, alles wirkt losgelöst aus der Zeit, wirkt wirklich als ob es Alterslos wäre. Insbesondere in den Zimmern des Hauses wird man diesen Eindruck nicht los. Dazu kommen durch den Einsatz verschiedener Filter und Kameraeffekte verfremdete Bilder die das Gefühl des unwirklichen noch verstärken. In der Darstellung von Gewalt hält sich Scott zurück. Es fließt Blut, aber selbst das scheint optisch perfekt abgestimmt auf die gesamte Szenerie, wirkt nie selbstzweckhaft sondern immer wie ein weiteres Stilmittel um die Bilder noch deutlicher zu machen. Kameramann Stephen Goldblatt leistet hier ganze Arbeit um die Geschichte in ansprechende Bilder zu packen.
Berühmtheit hat der Film sicherlich auch durch die Liebesszenen zwischen Catherine Deneuve und Susan Sarandon erlangt. Auch wenn diese heute wenig explizit wirken, so sind sie doch absolut ästhetisch und gefühlvoll inszeniert und wirken keineswegs aufgesetzt. Die Darsteller sind überhaupt ein großer Trumpf des Films. David Bowie spielt herausragend, macht auch abseits der Masken die Wandlung vom jungen Mann zum Greis perfekt und als einziges Manko mag man sein frühes Ableben anführen. Catherine Deneuve , in der Originalfassung dank des französischen Akzents noch mit zusätzlichem Exotenbonus ausgestattet verleiht ihrer Rolle, ebenso wie Susan Sarandon eine enorme Präsenz und beide lassen etwas tragisches und vorbestimmtes in die Darstellung einfließen.
„The Hunger“, dem auch noch eine eher bescheidene TV Serie folgte, ist ein ungewöhnliches Filmexperiment, das zwar geglückt ist, aber nicht immer ganz glücklich wirkt. Optisch atemberaubend schön und immer wieder faszinierend anzusehen braucht man doch etwas Einfühlungsfähigkeit um sich auf den ruhigen, wortlos Inszenierungsstil von Tony Scott einlassen zu können. Wenn man sich jedoch dran gewöhnt hat, wird man mit einem Film belohnt, der trotz der zunächst so wirkenden Oberflächlichkeit einiges an Tiefgang bietet und sich die Oberflächlichkeit selber zum Thema macht. Sicherlich kein Meisterwerk und keineswegs so unsterblich wie Bela Lugosi, aber für Komplettisten im Vampirgenre absolut unverzichtbar, da hier ein nahezu neuer Weg beschritten wird. Am ehesten ist der Film inhaltlich sicherlich noch mit „Daughters of Darkness“ zu vergleichen, aber der hat ja auch eher zwiespältige Meinungen hervorgerufen. Für mich persönlich ist und bleibt „The Hunger“ Tony Soctts bisher bester Film und eine echte Bereicherung für das oftmals sehr ausgelutscht (oder doch ausgesaugt?) wirkende Genre des Vampirfilms. 7 von 10 Punkten.