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„Begierde“ des britischen Regisseurs Tony Scott ist entstanden im Jahre 1983, also noch bevor er mit „Top Gun“ zunächst gefällige Mainstream-Wege einschlug, und Scotts erste Arbeit in Spielfilmlänge überhaupt. Scotts grundsätzlich ja vorhandenes Talent, das ihn später einen Kracher wie „True Romance“ gelingen ließ, wird in diesem Debüt mehr als deutlich, denn „Begierde“ ist eine gewagte, kreative Neuinterpretation der klassischen Vampirthematik und gleichsam ein Kind seiner Zeit wie auf spezielle Weise zeitlos.

Denn die Vampirgeschichte, die ohne spitze Eckzähne, Bisse, Fledermäuse und Holzpflöcke auskommt und neben sexuellen Obsessionen und zwischenmenschlichen Abhängigkeiten die Angst vor dem Altern, der Sterblichkeit eines jeden Geschöpfs thematisiert, wurde getaucht in einen formvollendeten 80er-Gothic-Schick inkl. „Bauhaus“-Kurzauftritt und von der ersten bis zur letzten Sekunde in jenem Sinne durchästhetisiert. Dieser ganz eigene Look inkl. all seiner Stilelemente wirkt trotz seiner Inspiration durch die natürlich zeitlich einordbare Gothic-Kultur so artifiziell, kühl und „anorganisch“, dass er sich gänigen chronistischen Zügen weitestgehend enzieht und für ein eigenständiges Filmerlebnis bürgt. Auch die gelegentlich blutigen Szenen wurden in diese Ästhetik eingebettet, in die sich auch David Bowie hervorragend einfügt – wenn er ab einem gewissen Punkt auch lediglich als Objekt für die äußerst geschickte Arbeit der Maskenbildner fungiert, die aus Bowie einen rasend schnell alternden Mann gemacht haben, den ein böses Schicksal erwartet. Bowies relativ schnelles Ausscheiden aus der Handlung kommt überraschend; manch Zuschauer mag es dem Drehbuch nicht verziehen haben, dass fortan Susan Sarandon dessen Part als Liebesgespielin Catherine Deneuves übernimmt, jedoch eröffnete dies die gern genutzte Möglichkeit zur erotischen Darstellung gleichgeschlechtlicher Liebe.

Nicht unerwähnt bleiben sollte aber vor allem das für die 1980er – insbesondere in Horrorfilmen – ungewöhnlich langsame, verträumte Erzähltempo, die zeitweise völlige Vernachlässigung von Horrorcharakteristika und die emotionale Distanz des Zuschauers zu jener fremdartigen Atmosphäre, die aber durchaus beabsichtigt scheint und dann und wann durch aufwühlende Sequenzen wie das Aufeinandertreffen Johns (David Bowie) mit einer Musikschülerin aufbrochen wird. Das große Finale begibt sich letztendlich dann aber doch wieder eindeutig auf Horrorterrain und strahlt eine morbide Faszination aus, die zumindest mich vollauf befriedigt hat.

Fazit: Für die 1980er ungewöhnlich experimentell, für Genrefans vermutlich zu sehr „Kunstfilm“, für Arthouse-Freunde hingegen evtl. dann doch zu konventionell. Wer aber unbequemen Filmen, die sich gern mal zwischen die Stühle setzen, offen gegenübersteht, sollte sich nicht von manch negativer Kritik abschrecken lassen und „Begierde“ unvoreingenommen eine Chance geben. Schade, dass Tony Scott den Weg, den er mit „Begierde“ begonnen hat, nicht weitergegangen ist, sondern sich zunächst für politische Propagandafilme hat missbrauchen lassen.

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