Dabei hatte ich doch dem Oeuvre des Doktors abgeschworen…
Nun ja, man soll nie die Macht der Negativfaszination unterschätzen, und da es sich nun an einem regnerischen Herbstabend begab, dass der Autor dieser Zeilen mit einer Handvoll Getreuer via Videothek in den Genuss des neuesten Bollwerkes kam, sieht er es als seine Pflicht an, ein paar Zeilen aus der ganzen Sache herauszuschinden, denn, um das mal gleich vorwegzunehmen, sonderlich viel nimmt man aus „Bloodrayne“ nicht mit. Eher sehr wenig. Eigentlich gar nichts.
Nach der Totalkatastrophe „Alone in the Dark“ noch von einer Erwartungshaltung zu sprechen, wäre euphemistisch zum Quadrat, aber erstens stirbt die Hoffnung bekanntlich zuletzt und zweitens war ich diesmal auch nicht vom Fan-Standpunkt vorbelastet. Bei der Vorlage ist generell nicht viel zu ruinieren; „Bloodrayne“ bezieht seine Spannung aus der trashigen Konstruktion einer Dhampirin (halb Mensch, halb Vampir, ich weiß doch auch nicht), die im Auftrag einer Geheimorganisation gegen Nazis kämpft, welche im Verlaufe des Spiels auch schon mal Kriegsgefangene in Häckselmaschinen entsorgen. Diese Geschmackssicherheit sorgte dann auch gleich dafür, dass das Spiel hierzulande nie das Licht der Elektronikmärkte erblickte. Manchmal vielleicht auch besser so, denn so wurde den deutschen Kiddies neben einem doch recht fragwürdigen Inhalt obendrein ein abwechslungsarmes Hack&Slay-Spielchen mit dürftiger Grafik erspart.
Dass Boll inhaltliche Veränderungen vornahm, sollte in diesem Zusammenhang niemanden überraschen. Der Charakter der Rayne blieb unverändert, auch die mysteriöse „Brimstone“-Organisation existiert noch, nur wurde alles in ein politisch wasserdichtes Mttelalter-Irgendwann transferiert. Soll ja der Zielgruppe Schaden nicht sein, die will eh nur ´ne Blutsuppe sehen, und in welchem Zeitalter die geköchelt wird, ist ja Banane. Als Boll dann auch noch ankündigte, Kunstblut-König Olaf Ittenbach werde für die Splattereien verantwortlich zeichnen, durfte im Fanlager schon mal eifrig mit den Hufen gescharrt werden. Darüber hinaus sollte auch der Charakter der Rayne nicht ins Hintertreffen geraten, was zur Verpflichtung der Drehbuchautorin Guinevere Turner führte, die schon Bücher für „American Psycho“ und „The L Word“ verfasst hatte und Indie-Fans auch als Schauspielerin (unter anderem in Kevin Smiths Filmen) und, formulieren wir es mal so flapsig, „Vorzeigelesbe“, bekannt ist. Sie wird immer gern herangezogen, wenn Drehbüchern der gewisse feminine Dreh verpasst werden soll. Boy-Splatter meets Girl-Power, na, wenn das mal nicht Zielgruppen erschließt, dann weiß ich auch nicht. Der Erfolg des Projektes schien mit dem Setzkasten planbar zu sein, malen nach Zahlen mit Bolle. Beim Cast wurde dann auch gleich aus allen Rohren geballert: Kristanna „Terminatrix“ Loken in der Hauptrolle, Michael Madsen, Michelle Rodriguez, Billy Zane, Geraldine Chaplin, Meat Loaf und Sir Ben Kingsley himself gaben sich die Ehre. Gut, wenn man etwas länger drüber nachdenkt, dann hat aus dieser illustren Reihe zuletzt niemand etwas Großes gerissen (hat da gerade jemand „Michael Madsen in Kill Bill und Sin City“ gebrüllt? Okay, angenommen), aber die Namen lassen schon aufhorchen. Zudem ist Fantasy momentan angesagt, da muss doch einfach etwas bei herumkommen.
Jetzt würde man doch liebend gerne sein Fazit in etwa so formulieren: „Jawoll, und wieder hat unser Mann in Übersee Hollywood gezeigt, was eine Harke ist. Für den Bruchteil eines Studio-Budgets hat Uwe Boll eine kleine Genreperle mit coolen Effekten, flotter Dramaturgie und fantastischen Schauspielern inszeniert“. Ja, das würde man gern.
Oops, he did it again.
Boll hat es einfach nicht drauf. Man könnte ihm Budgets von Fluch-der-Karibik-Dimensionen in die Hand drücken, Hollywoods Top-Schreiberlinge dransetzen und ihm haufenweise Oscar-Preisträger vor die Linse pflanzen, er würde immer noch filmische Rohrkrepierer produzieren. „Bloodrayne“ stinkt an allen Ecken und Enden, da weiß man gar nicht, wo man anfangen soll. Doch, weiß man, bei der Dramaturgie. Diese schwurbelt vage um „erfülle dein Schicksal“-Allgemeinplätze herum und schickt ihre Protagonistin von einem geheimnisvollen Artefakt zum nächsten, ohne dass diese dabei je entscheidende Rollen spielen. Von den anderen Charakteren, bösen Vampiren oder freundlichen Helfershelfern ganz zu schweigen. Alle gurken da durch die osteuropäische Pampa, ihren Gesichtern ist deutlichst abzulesen, dass sie keine Ahnung haben, was sie da tun (naja, in einigen Augen meint man gelegentlich „Lohnscheck! Lohnscheck!“ leuchten zu sehen), und man kann es ihnen nicht mal übel nehmen, denn wenn sich nicht einmal dem Zuschauer bei Ansicht des fertigen Werks der Sinn erschließt, dann kann er nicht erwarten, dass für ein paar Drehtage herangekarrte Cameo-Fratzen mehr Planung haben. Und hier liegt der Hase doch schon im Pfeffer. Ohne vernünftige Dramaturgie, ohne sinnvoll verbundene Szenen, ohne Charaktermotivation kann es mit dem Rest schon einmal gar nichts mehr werden. Hierzu würde mich mal sehr ein Statement von Miss Turner interessieren, wie viel von ihrem Drehbuch denn nun Verwendung im fertigen Film gefunden hat. Ihr bissiger Humor, der die Gewaltszenen in „American Psycho“ so kongenial ergänzte, ist hier nicht einmal in Ansätzen erkennbar. Spannungsaufbau? Fehlanzeige. Wie man aus einer so schlichten Handlung, einer simplen Rachegeschichte, ein so kompliziertes Geflecht entstehen lässt, das verdient schon fast Hochachtung.
Hieran lässt sich auch schön demonstrieren, wie viel Anstrengung und gewollte Täuschung hinter einem guten Film steht. Am Ende eines anstrengenden Vorgangs werden aus scheinbar zusammenhanglosen Szenen durch den Schnitt Rhythmus, Logik und Dramaturgie geformt. Die Macher manipulieren so lange an ihrem Werk herum, bis der Zuschauer nicht mehr über das „Wie“ nachdenkt. Und wenn dann einer wie Boll ganz ehrlich und stumpf drauflosfilmt und im Schnitt einfach Szene an Szene reiht, ist das Ergebnis total konfus. Das beweist uns, wie viel Künstlichkeit in der Machart notwendig ist, um Künstlichkeit im fertigen Film zu vermeiden. Hierbei ist wirklich keine Ehrlichkeit gefragt.
Die legt Boll an den Tag, wenn es zu den deftigen Elementen kommt. Da spritzt das Blut aus Kehlen wie Wasser aus der Bismarckquelle, da wird immer wieder in Großaufnahme verstümmelt und da darf die Hauptdarstellerin halfway through the film ihre Hupen auspacken. Zwar geschieht das alles natürlich stets eher hineinmontiert als motiviert, aber man kann dem Regisseur nicht vorwerfen, seiner Zielgruppe nichts bieten zu wollen. Hi giffs se ordiänz wott se ordiänz wonts. Sogar mehr als nötig, denn dass man kurz vor dem Abspann noch einmal ein Medley der Grausamkeiten gezeigt bekommt, wäre nun wirklich nicht mehr nötig gewesen, insbesondere im Sinne der Dramaturgie, aber dass es mit selbiger eh Essig ist, erwähnte ich ja schon.
Die Schauspieler ringen förmlich um die Lustlos-Trophäe, bis zum Schluss ist durchaus offen, wer sie mit nach Hause nimmt (wobei ich Michael Madsen da ganz vorne sehe, so teilnahmslos, wie der aus der Wäsche guckt, als er erstochen wird, das hat man einfach noch nicht gesehen). Loken verkörpert zu keiner Zeit die nötige Wildheit, die diese Rolle nun einmal verlangt, sondern schlafwandelt mehr durch das Ganze. Billy Zanes "Ich diktier ´nen Brief" ist für mich jetzt schon in den heiligen Hallen der überflüssigsten Filmszenen platziert, und bei Ben Kingsley weiß ich gar nicht, wie oft ich mir „Without a clue“ angucken muss, um diesen Stuss hier zu vergessen. Lediglich Boll-Spezi Will Sanderson zieht sich hier halbwegs glücklich aus der Affäre, aber der hatte ja auch keinen guten Ruf zu verlieren. Dafür fällt er in einer Szene, in der er im langen Ringgeist-Gedächtnis-Mantel über einen Bergkamm reitet, fast vom Pferd, was einfach unglaublich lustig ist, wenn man dazu die dramatische Musik im Ohr hat…
Nun, da der Film so viele Zielgruppen im Auge hatte, muss ich mein Fazit etwas auffächern.
Das weibliche Publikum? Vergesst es. Rayne ist keine Lara Croft, es fehlt ihr an Charisma, Antrieb und vernünftigen Klamotten. Die im voraus angepriesene Girlpower transportiert der Film überhaupt nicht, spätestens, wenn Miss Loken zaghaft mit ihren Schwertern losfuchtelt und dabei guckt, als würde ihr gleich der Kajal verschmieren, ist der Ofen ganz aus.
Splatterfans dürfen mal hereinschauen, Onkel Olaf spläddert da schon ordentlich drauflos, aber der Schnitt demontiert diese Szenen durchaus gekonnt, so dass nur die laue Ahnung einer Pappgeisterbahn zurückbleibt. Sonstiger Horror? Spannung? Nö.
Fantasyfans und Rollenspielern lässt sich sagen, dass „Bloodrayne“ wunderbar mit einem Rollenspiel-Abend zu vergleichen ist, bei dem der Spielleiter keinen Plan hat, wie es weitergehen soll. Das läuft dann ähnlich ab: „Ja, dann geht doch mal dahin, da findet ihr das geheimnisvolle Amulett von Scheißegal, damit könnt ihr, müsst aber nicht, habe ich euch schon gesagt, dass ihr da auch linksherum… nein, habe ich nicht?“ Hier kann man sich durchaus Anregungen dafür holen, wie man es NICHT macht.
Actionfans sollten um diesen Film erst recht einen großen Bogen machen, es sei denn, sie sind an Geheimbündlern und Vampiren interessiert, die lahm choreographierte Kämpfe mit Dönermessern austragen. Kein Scherz. Ich weiß nicht mehr, wer es war, aber irgendwer kämpfte da mit einem Dönermesser.
Und die Videospieler? Hm, nur weil man gerne Videospiele spielt, heißt das ja noch lange nicht, dass man „Bloodrayne“ mag. Ich sage es mal so: Wer die in allen Belangen durchschnittliche Vorlage schon mochte, der kann sein Herz vielleicht auch für dieses an RTL-Movies gemahnende Spektakel erwärmen.
Als letztes Bonbon nun noch die positiven Seiten: Boll hat seine Bullet-time-Spielereien endgültig ad acta gelegt. Und seine CGI-Fritzen wissen, was sie tun. Das sollte mal auf ihren Chef abfärben.
Ein Kritiker sagte einmal über Ed Wood: „Egal, wann man seine Filme anschaut, man fühlt sich immer wie um 3 Uhr morgens“.
Fazit: Halb vier, Uwe. Halb vier.