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„Jarhead – Willkommen im Dreck“ – der Titel suggeriert bereits einen Film, der vermutlich noch nicht näher definierbare Misstöne platziert. Und genau so verhält es sich mit Sam Mendes’ neuestem Streich. Ein Film über den Krieg, oder besser gesagt, über die Omnipräsenz des Massenleidens in einem Konflikt - bei gleichzeitiger Abwesenheit des tatsächlichen Kriegsgeschehens. Vom (Golf-)Krieg sieht man in „Jarhead“ denn auch meist nur die Trümmer. Somit kann der Terminus „Kriegsfilm“ nicht hergenommen werden, um diesen Film zu titulieren. Das verwundert auch nicht weiter, denn „Jarhead“ ist nichts anderes als ein waschechter Anti-Kriegsfilm.

Wir werden Zeugen einer Gruppe junger Soldaten, die den zweiten Golfkrieg (fast) hautnah erleben. Sie bzw. ihre Kameraden treten gegen jene irakischen Soldaten an, die sich fast die gesamten 80er Jahre hindurch im ersten Golfkrieg mit den Iranern keilten. Doch der Gegner ist unsichtbar oder bereits von den Kameraden anderer Einheiten überwunden. Vom Kriegsspektakel selbst sieht man hier nichts. Doch, obwohl sie selbst nie Feindkontakt haben, sehen sich die Soldaten zunehmender geistiger Paralyse anheim fallend. Dabei schwindet beim nervenaufreibenden Warten auf den Einsatz und durch die späteren Kriegseindrücke der Bezug zur Wirklichkeit.

Es gibt fantastische Antikriegsfilme aus Amerika. Denken wir nur an den famosen Platoon oder den brilliant irrealen Apocalypse Now. Beides Meisterwerke der Filmkunst, und – und das ist im Folgenden wichtig – der Professionalität. Um zu kritisieren, muss man zunächst verstehen. Um auf Missstände hinzuweisen, zuerst die Matrix geistig durchdrungen haben, in der sich der Wahnsinn bewegt. Aber genau diesen wichtigen Aspekt hat Mendes außer Acht gelassen. Er zieht die Karikatur dem authentischen Bericht vor. Hier wird geweint und infantil gestritten, dass man meint, man sei in der Primary School. Die Einheit, der wir bei Jarhead eineinhalb Stunden folgen dürfen, wäre in einem reellen militärischen Konflikt noch nicht einmal im Stande, einen Kaugummi aus dem Automaten zu ziehen. Und genau das wollte der Regisseur darstellen. Eine Karikatur, einen Verriss der bitteren Realität! Das, was Stone mit Platoon schaffte, eine perfekte Kopie der damaligen Geschehnisse, bei gleichzeitigem Draufpochen auf die Authentizität der militärischen Komponente des Films, misslang Mendes vollkommen. Der Antikriegsfilm „Jarhead“ schildert nicht realer oder irrealer das Kriegsgeschehen als die Kriegsfilme Pearl Harbor oder Windtalkers. Er stellt die Aussage in den Vordergrund und vergisst allzu oft die Realität. Darüber können auch die formidablen Kamerafahrten durch die apokalyptisch wirkenden Rauchsäulen der brennenden Ölfelder und die geliehenen Panzerfahrzeuge der US-Army nicht hinwegtäuschen.

Ob dieser Film gefällt, hängt wohl von der Frage ab, was man erwartet. Erwartet man eine durch und durch detailgetreue Adaption von militärischem Geschehen oder den inneren Konflikten junger Soldaten im Gefecht bzw. im Kriegsgebiet, ist Mendes' Film nur ein dünnes, nicht weiter erwähnenswertes Abziehbild von Filmen wie „Black Hawk Down“, die den Fleischwolf Krieg nicht nur wesentlich brutaler, sondern auch viel wirklichkeitsgetreuer wiedergeben. Ist man an – oft übertriebener – Darstellung der Demütigungen, Obszönitäten und Widerwertigkeiten der Ausbildung in der US-Armee interessiert, dann hat man womöglich endlich einen Nachfolger für „Full Metal Jacket“ gefunden. Denn hier wird ebenfalls ein flaues Gefühl in der Magengegend generiert, wenn die Ausbilder schreien, grölen, prügeln und erschießen. Und damit sind wir wieder bei unserer verzerrten Skizze der Realität. Ein erschossener Rekrut wäre das Ende der Karriere eines Ausbilders – auch in der Armee der Vereinigten Staaten. Erst recht, wenn der Tod des Soldaten so leichtfertig aufs Spiel gesetzt wurde. Klischees wie diese durchdringen den Film zu sehr, als dass man ihn als eine Art Dokumentation betrachten könnte. Dafür sind auch die Charaktere der Beteiligten viel zu überzeichnet. Ihr einziges Ziel im Leben scheint die tägliche Masturbation und der lang erwartete Feindkontakt zu sein. Die 8-9 Protagonisten dieses Films wirken tatsächlich meist wie eine Gruppe junger Männer, die frisch der psychiatrischen Anstalt entflohen, und obendrein - beim Sprung aus dem Fenster - auf den Kopf gefallen sind.

Ich für meinen Teil bevorzuge professionelle Antikriegskost. Und auf diesem Sektor gibt es nun wirklich wahre Meisterwerke.

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