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Ja. Man war in der Scheiße. So richtig tief. Erst eine unbarmherzige Ladung "Full Metal Jacket", physischer und verbaler Terror in der Grundausbildung. Dann ein orgiastischer Rausch "Apokalypse Now" im militäreigenen Lichtspielhaus, die unbewusste Kapitulation vor der psychischen Manipulation. Und schließlich - in der saudi-arabischen Wüste - das große Nichts, das zum Wahnsinn mutiert. Der Dreck, das ist kein in dokumentarisch eingefangenen Materialschlachten lauerndes Grauen. Das ist die Hitze, die flimmernde Luft. Das ist die latente Angst vor dem Nervengasangriff. Das ist die Qual des Nichtstuns. Das ist das Warten auf das Gefecht, auf den Einsatz im zweiten Golfkrieg oder - wie es ein Amerikaner sagen würde - das Warten darauf, Saddam endlich in den Arsch treten zu dürfen.

"Jarhead", die gleichnamige Verfilmung von Anthony Swoffords autobiografischem Roman, ist, genau genommen, überhaupt kein Antikriegsfilm, kein Film über den Krieg. Irgendwo, nur nicht hier, findet er statt. Als Klammer, als peripheres Geschehen, das US-Marine Swofford (Jake Gyllenhaal) höchstens tangiert. Im Fokus steht gerade nicht das traumatische Kriegserlebnis, sondern das traumatische Nicht-Kriegserlebnis. Eine authentische Erfahrung aus der Ich-Perspektive Swoffords ist Mendes' drittes Werk dabei sicherlich nicht. Kann es gar nicht sein, denn sonst würden wir einen Film über Soldaten sehen, die sich den ganzen Tag lang die Eiern schaukeln. Weil das langweilig wäre, ist "Jarhead" nun eine Satire. Und sie lässt nur Leere zurück, das Gefühl, immer noch in der Wüste zu sein; und sie pervertiert das Bild des für Freiheit, Vaterland oder sonst was kämpfenden Soldaten. Überflüssig ist hier der Infanterist oder genauer: der Scharfschütze. Zu effektiv funktioniert der moderne Kriegsapparat. Er zeugt von Präzision, doch nicht von Unfehlbarkeit, und nennt seine Fehler gerne verhüllend: friendly fire oder Kollateralschaden.

Wer Mendes dabei politische Neutralität unterstellt, der muss wirklich etwas anderes als ich gesehen haben. Ich zumindest sah einmal einen nicht vom US-Militär finanzierten Film über Soldaten, deren Aufgabe es war, Ölfelder zu schützen. Ich sah Ironie, wenn in den Untertiteln dokumentiert wurde, wie viel Zeit verging, während nichts passierte. Aber nein, das stimmt ja nicht ganz: Denn die Zahl der stationierten Soldaten, die stieg. Stieg auf über 500.000; und mit ihr meine Vorstellung von den Rüstungsausgaben, die da in der Wüste versandeten. Auch sah ich Soldaten, wie sie sich indoktrinieren ließen und sich an Coppolas "Apokalypse Now" berauschten oder besser: am berühmten Hubschrauberangriff, den Richard Wagners "Walkürenritt" begleitet. Ich verstand, was Woody Allen damit meinte, als er sagte: "Jedesmal wenn ich Wagner höre, habe ich das Bedürfnis in Polen einzumarschieren." Ich sah diese leuchtenden und blitzenden Marine-Augen, wie sie sich von einer Hubschrauberformation in Erregung versetzen ließen. Wie der Geruch von Napalm am Morgen in der Luft lag, als die Bomben dann auf der Leinwand fielen. Und ich sah den Orgasmus in ihren Pupillen.

Ich fühlte etwas Seltsames, als ich wie Swofford den verkohlten Kollateralschaden sah. Ich fühlte etwas Surreales, als schwarze Rauchsäulen brennender Ölfelder in die fotorealistischen, blendenden Panoramabilder drangen und ein mit Öl beschmiertes Pferd plötzlich wie in einem David-Lynch-Film vor Swofford auftauchte. Ich fühlte, wie das Ventil am Ende platzte, der unterdrückte Trieb freigelegt wurde, als der Krieg vorbei war und die Scharfschützen um ein Feuer tanzten, selbst Staff Sergeant Sykes (Jamie Foxx) oberkörperfrei, und sie ihre Gewehre gen Himmel richteten und die Magazine leer ballerten. Wieder im Rausch. Denn das Gewehr ist schließlich alles, ist der Götze. Ohne das Gewehr ist man nichts. Dabei sah ich doch Soldaten, die nicht einen Schuss auf einen Gegner abfeuerten.

Stattdessen sah ich sie warten und warten und warten und warten. Und Scheiße bauen. Ich sah den Irrsinn. Den Zirkus der Tollheit, in dem der Staff Sergeant wie ein Dompteur seine heißblütigen Schäfchen zur Disziplin ermahnte. Aber die Clowns fackelten Zelte ab - versehentlich beim Würstchengrillen - und feierten Partys, ganz exzessiv. Sie wollten "The Deer Hunter" sehen, doch bekamen den Porno, in dem sich die Freundin eines Marines von einem anderen durchficken lässt. Und der Marine bekam die Ironie des deutschen "The Deer Hunter"-Titels zu spüren: "Die durch die Hölle gehen". So drehten die Soldaten auch durch und offenbarten ihre psychische Fragilität; und manchmal schien es sogar, als ob sie weinten. Aber ein Marine weint nicht. Er lässt höchstens sein Auge tränen.

Und dann machten sie wieder das Übliche: masturbieren, transpirieren, Waffen reinigen. Schlafen und sehnsüchtig von der Freundin daheim träumen und sich im schlimmsten Albtraum ausmalen, wie sie es mit einem anderen treibt. Dann wieder masturbieren. Wasser trinken, Wasser lassen. Feiern, sich langweilen, Kamele erschießen, Skorpione wie Gladiatoren gegeneinander kämpfen lassen und auf Interviewfragen wie vorher abgesprochen ideologisch korrekt antworten - oder es gleich ganz sein lassen. Und wieder transpirieren und warten und Wasser trinken und Wasser lassen und mit aufgesetzten Gasmasken im Wüstensand Football spielen. Und masturbieren. Linkshändig masturbieren, rechtshändig masturbieren. Und diskutieren über das Für und Wider der links- und rechtshändigen Masturbation. Am Ende dann eine Party feiern und schließlich nach Hause fahren, um in stolzer Uniform von der Heimat pathetisch empfangen und gefeiert zu werden. Hurray, man hat dem Vaterland aufrichtig gedient. Für Swofford muss es wirklich eine unvorstellbare Ehre gewesen sein.

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