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Es hat ja ganz schön lange gedauert, aber nun ist das Genre endlich einen Schritt weitergekommen. Der 2. Weltkrieg und speziell Vietnam haben ihre filmische Aufarbeitung zu genüge hinter sich. Nun ist endlich der Golfkrieg dran, der abseits von „Three Kings“ bisher noch gar nicht großartig thematisiert worden ist und dessen Strategie nun mit „Jarhead“ seine kritische Hinterfragung auf der Ebene des einfachen Soldaten erfährt.
Ausgerechnet Sam Mendes („American Beauty“, „Road to Perdition“), dessen Universaltalent es ihm erlaubt, sich erfolgreich quer durch alles Genres zu bewegen, drehte den besten Antikriegsfilm der letzten Jahre, wobei diese Bezeichnung den Kern gar nicht richtig trifft, denn „Jarhead“ zeigt kaum den Krieg selbst, sondern konzentriert sich auf das, was abseits der Kampfhandlungen passiert. Die involvierende Intensität der drei großen Klassiker „Apocalypse Now“, „Full Metal Jacket“ und „Platoon“ zu erzeugen, gelingt ihm zwar nicht, doch er erreicht mit seinem ehrlichen Drama den Zuschauer und zitiert das nach wie vor unerreichte Referenz-Trio als seine inspirierenden Vorbilder.

„Jarhead“ ist die Verfilmung des von William Broyles Jr. („Apollo 13“, „Entrapment“) adaptierten, gleichnamigen Romans von Anthony Swofford, der seine Rekrutenausbildung, die Operation Desert Shield und später Desert Storm laut eigener, subjektiver Schilderung tatsächlich so erlebte und, wenn man das als Außenstehender so beurteilen darf, sich auch relativ nah an der bitteren Realität hält.
Swofford (Jake Gyllenhaal, „Donnie Darko“, „The Day After Tomorrow“), von allen nur Swoff genannt, gehört zu einer heranwachsenden Generation von Amerikanern, die noch zu jung waren, um den Vietnam-Krieg und seine Folgen richtig zu begreifen, der aber Einfluss auf die ein oder andere Weise hatte. Der Vater gehört als Kriegs-Veteran zu den vielen, seelisch ausgehöhlten Wracks, die nach ihrer Rückkehr kaum mehr dem entsprachen, was sie vor dem Antritt ihres Militärdienstes darstellten. Daran hatte auch Swoffs Familie zu kauen, die nie eine familiäre, idyllische Geborgenheit kannte.
Geschult durch die, aus den Fehlern des Vietnam-Kriegs lernende und den Kalten Krieg beispielhaft als ideologische Basis nutzende, manipulative Regierung und in dem Glauben gelassen auf den Krieg vorbereitet zu sein, treten Ende der Achtziger junge, amerikanische Rekruten ihren Dienst in der U.S. Army an, ohne davon eine Vorstellung davon zu haben, was sie erwartet. Hätten sie sich doch einmal „Full Metal Jacket“ angesehen.

Denn Mendes beginnt mit einer Hommage des Kubrick-Klassikers und siehe da, seit gut 20 Jahren hat sich am militärischen Drill nichts geändert. Kontinuierliche Abstumpfung, blinder Gehorsam und die radikale Erziehung zu einem selbstverständlich kahl rasierten Soldaten, der sich ohne Fragen zu stellen auf sein Ziel ausrichtet und abdrückt, stehen auf dem Plan, um das wartende Grauen des Krieges erträglich werden zu lassen. Nur die Instinkte bleiben ihnen noch, um die Belastungen zu ertragen. Lyrik wird von Ausbilder Sykes gar indirekt verboten.
Der starrsinnige Dummfick ist Programm, um die Rekruten zu brechen, sie zu einem Kollektiv zu formen und sie als Individuen auf ihre einfachste Funktion herunterzutransformieren.
Wenn endlich alle zu „Apocalypse Now“, den vielleicht bedeutendsten Antikriegsfilm aller Zeiten, lauthals jubeln, ist der Militärapparat sich dann endlich sicher: Ihre Erzeugnisse haben den Test bestanden, indem sie den Film nicht verstanden haben. Sie wollen Krieg, ihn führen und sie wollen dorthin, wo er stattfindet. Sie haben ihr Schicksal endgültig akzeptiert, selbst wen es den Tod bedeutet.
„Jarhead“ zeigt hierbei nichts Neues, denn neu erfinden lässt sich die Realität auch nicht. Die cholerischen, in „ihre“ Army verliebten Ausbilder mit den Evergreen-Onelinern, die gnadenlose Auslese, die hier tödlich wie nüchtern endet, der alle körperlichen Kraftreserven fordernde, körperliche Drill und natürlich die exakten Schießübungen sind auch hier das grundlegende Fundament, um den Soldaten auf seinen Einsatz vorzubereiten.
Swoff schluckt dies alles ohne gegen seinen Staff Sgt. Sykes (schon wieder beängstigend gut: Jamie Foxx, „Collateral“, „Miami Vice“) zu rebellieren oder gar auszusteigen. Er erlebt schlicht und akzeptiert ohne Murren.

Die totale Fehlkalkulation dieser Ausbildung soll erst in Saudi-Arabien, Kuwait und Irak bemerkt werden, denn die Marines wurden grundsätzlich gezielt auf den Kampf gegen Saddam Husseins ohnehin technisch hoffnungslos unterlegenen Truppen geschult, doch die sind nie in Reichweite. Zaghafte Kontakte mit Nomaden sind das Äußerste.
Die innere Leere, die fehlende Beschäftigung und die eintönige Wiederholung immer identischer Manöverübungen fordern alsbald jeden der jungen Männer, die sich vor ihrer Ankunft noch auf einem Kurztrip wähnten, an seine mentalen Grenzen. Denn für Verwundungen oder den Tod kennt das Militär klare Dienstanweisungen, für den Verlust des Verstands haben sie keine Patentlösung. Was also tun?

Sam Mendes grundiert diesen unabwendbaren Lagerkoller sehr satirisch und schlägt dabei auch verdammt böse Töne an. Das ewige, verdammte Warten auf den ersten Schuss staut Aggressionen auf, die nicht abgebaut werden können. Masturbation mit der rechten oder linken Hand, Wasser trinken nach Vorschrift, Schiffen, Briefe schreiben, Videos anschauen, Waffe reinigen, Langeweile und die Sehnsucht nach Hause bestimmen das Tagesgeschäft in dem immer selben eintönigen Kreislauf. Mendes bebildert entsprechend ausgeblichen, farblos und einfach blass ohne Merkmale, außer der flimmernden Hitze. Die fehlende Abwechslung der Optik schmiegt sich an den brüchigen Gemütszustand der entnervten, ehemals psychisch gesunden Soldaten an. In diesen 5 Monaten sollen so einige Männer an diesem Zustand zerbrechen: Ihre Frauen gegen fremd, sie erhalten ihren eigenen Schrein. Zur Entspannung werden eben Kamele erschossen.
Die Sonne dörrt selbst das besonnenste Gemüt aus, sie werden unter der Belastung ihrer Psyche unruhig und als ihnen dann auch noch vorgeschrieben wird, wie sie der internationalen Presse in Interviews gegenüberzutreten haben, beginnt das Fass überzulaufen, während seitens des Militärs noch rigide versucht wird die Disziplin mit Schikane und Übung aufrecht zu erhalten.
Ein Football-Spiel unter Atemschutzmasken, als Vorführung der technischen Errungenschaften gegenüber der Presse geplant, endet in einer Peinlichkeit sondergleichen. Doch das ist erst der Anfang einer kontinuierlichen Auflösung, denn die Spannung im Lager nähert sich an Weihnachten einem explosiven Höhepunkt, weil niemand das quälende Warten länger ertragen kann. Die Soldaten beginnen auszuticken, feiern wilde Orgien mit Nirvana oder Naughty By Nature und finden damit im letzten Moment noch ein Ventil, um den aufgestauten Druck abzulassen bevor der Kessel birst. Für Swaff folgt darauf allerdings der Latrinendienst und der kurzfristige Verlust seines Verstandes. Fast unbemerkt wechselt Mendes hierbei feinfühlig die Tonart und wechselt von der Satire ins knallharte Militärdrama.

Zu tun bekommen sie trotzdem nichts, obwohl es wenige Tage vor Kriegsende dann selbst für sie doch endlich auch noch losgeht, auch wenn die Air Force bereits alles weggebombt hat und den Bodentruppen damit sämtliche Aufgaben wegnahm, sie notfalls eben mit friendly fire belegt, damit auch sie einmal in Kampfhandlungen verwickelt waren. Der eigentliche, militärische Konflikt tangierte sie nur peripher. Den ersten Kontakt mit dem Feind nach dem Aufbruch gen Irak genießt Swaff dann förmlich, auch wenn er die Hosen voll hat, gerade weil es die ersehnte Abwechslung ist.
„Jarhead“ zeigt die Folgen der Kampfhandlungen und des irakischen Rückzugs in unglaublich bedrückenden, albtraumhaften, surrealen Sequenzen. Das letzte Drittel ist deswegen auch das Stärkste.
Swaff trifft mit seinem Platoon auf einen Flüchtlingskonvoi des „Highway of Death“ voller ausgebrannter Wracks und Leichen, die in seinen eindrücklichen Bildmontagen erst auf das große Finale vorbereiten, wenn sie alle zusammen durch die brennenden Ölfelder Kuwaits waten, den schädlichen Regen schmecken, sich durch die matschige Landschaft schaufeln und sich urplötzlich in einer albtraumhaften Paralleldimension wähnen. Die Feuergeysire vor dem Hintergrund des pechschwarzen Himmels brennen sich gewiss ins Langzeitgedächtnis eines jeden Zuschauers.
Diese nächtliche Szenerie ist unbeschreiblich, erinnert an eine infernale Apokalypse und bildet damit den Höhepunkt in „Jarhead“, der hier zum Schluss Dinge zeigt, die vermutlich Mitauslöser des Golfkriegssyndrom waren und selbst vom Zuschauer erst einmal verdaut werden müssen. Wie dürfte dies wohl erst damals auf die Soldaten gewirkt haben? Nahezu allein auf weiter Flur in einem Gebiet, dass aussieht, als wäre die Erde einer totalen Zerstörung unterzogen worde.

Zumal im Fall von „Jarhead“ keiner des Platoons seiner Aufgabe am Ende nachkommen darf. Der eine verzweifelt letztlich daran, dass zu seinem Nichtstun sich auch noch die Gewissheit hinzuaddiert, sich nie eingebracht zu haben, sondern immer zu spät gekommen zu sein, nichts bewegt zu haben und dann tatenlos wieder nach Hause geschickt zu werden. Umsonst haben sie Monate gewartet, ihre Frauen verloren und die Eintönigkeit nebst Drill ertragen, nur um dieses eine Ziel wenigstens zu erreichen, dass ihn letztlich nie gewährt werden soll, weil der Feind nie unmittelbar vor ihnen stand. Sie waren überflüssig in diesem Krieg und man nahm ihnen die einzige Möglichkeit ihrer Anwesenheit noch einen Sinn zu geben. Von Sinnen feiern sie deshalb nackt im Wüstensand, verbrennen ihre Tarnkleidung und ballern ersatzhalber wild in die Luft. Wenn schon nicht mit Sinn, dann wenigstens sinnlos ballern.

Ihr unnötiger Einsatz dort soll sie ihr Leben lang prägen, egal was sie in Zukunft machen, diese 5 Monate werden sie immer verfolgen, auch im Schlaf. Wer einmal die Finger am Abzug hatte, wird dies nie vergessen.
Ein Kriegs-Veteran gratuliert ihnen zunächst euphorisch bei ihrer Heimkehr, nur um dann kleinlaut und ungleich ruhiger zu fragen, ob er noch ein wenig mitfahren kann, war seine Heimkehr doch damals eine ganz andere und weiß er doch aus eigener Erfahrung, dass die alsbald den Soldaten heimsuchenden Dämonen ewig Besitz ergreifen werden.

„Jarhead“ mutet ob seiner auf sämtlichen Schnickschnack verzichtenden Inszenierung sehr authentisch an. Daran trägt auch die Realismus unterstreichende Erzählweise ihren Teil bei. Gyllenhaal, ganz natürlich in seiner Rolle als beobachtender und die eigene Entwicklung beschreibender, Erzähler versinkend, spricht in Voiceovers beängstigend nüchtern und alltäglich aus seinem Herzen, als hätte er dies wirklich mitgemacht. Swaff erlebt seine Mission als Zwiespalt. Er klammert sich einerseits fest an seine Menschlichkeit, will indes allerdings auch endlich einmal zur Tat schreiten, weiß nicht was ihn zu Hause erwartet und glaubt zwanghaft die Erfahrung sammeln zu müssen, seine Waffe zumindest einmal mit zu einem Zweck abfeuern zu müssen.
Auf bekannte Klischeetypen verzichtet der Film ganz, wobei besonders Foxx seine Figur vehement auf die eigentlichen typischen Attribute eines Militärfetischisten anlegt und trotzdem nicht nur Bekanntes rekapituliert, sondern seinem Sykes ein Individuum zuteilt, das seine Einstellung zum Militär in einem denkwürdigen Augenblick erklärt.
„Jarhead“ zeigt keine typischen Frontschweine oder nie bekehrte Zivilisten, sondern behält sich die Möglichkeit vor, seine Figuren mit real motivierten Individuen auszustatten.

Wohl auch deshalb war es im Kino besonders zum Ende hin merkwürdig ruhig. Mendes erreicht den Zuschauer, lädt ihn zur Reflexion seines Films ein, anstatt sie ihm durch Swaff abnehmen zu lassen und hinterlässt mit „Jarhead“ einen etwas merkwürdigen Nachgeschmack, jetzt zwar nicht den definitiven Antikriegsfilm der Filmgeschichte gesehen zu haben, aber dafür einen intelligenten, wie sie lange nicht mehr aus Hollywood kamen und ihn auch nur noch wenige Regisseure drehen können.


Fazit:
Dramaturgisch ist der unkonventionelle, satirische „Jarhead“ nicht ganz im Lot, was sich damit entschuldigen lässt, dass das ewige Warten in der heißen Wüste auf den ersehnten Einsatz auch erst mit einem ausführlichen Kapitel des Nichtstuns den gewünschten Effekt auf den Zuschauer überträgt, während seine Episodenhaftigkeit zwangsläufig aus dem langen Zeitraum von 5 Monaten resultiert..
Sam Mendes drehte augenscheinlich keine politische Aussage und bewertet den wahnwitzigen Krieg auch nicht als solchen, sondern schildert die wahren Tatsachen. Junge, noch nach Führung suchende und im Leben sich orientierende Männer, die zielstrebig auf ihren Einsatz gedrillt, dann geparkt und sich selbst überlassen worden sind, erleben hier eine Situation, die sie an die Grenzen der psychologischen Belastbarkeit und darüber hinaus führt. Dabei bezieht der Film nie offensichtlich Stellung, bleibt augenscheinlich neutral und überlässt auch diese Beurteilung dem Zuschauer, gibt ihm, wenn man genau hinschaut, aber etliche Hilfen mit auf den Weg. Mendes ist geschickt genug, um seinen Film auf subtile Art und Weise seine Meinung aufzudrücken und entzog sich damit einer harschen, amerikanischen Kritik.
Das Publikum ist immer nah am Geschehen, kann sich sein eigenes Bild machen und erkennt nicht zuletzt, dass in Hollywood auch noch Kino für Erwachsene gemacht werden kann. Die traumatische Situation einen Krieg zu verpassen, der nur wenige Kilometer weiter stattfindet, wurde so in der Filmgeschichte auch noch nicht thematisiert. Ungewöhnlich und klasse!

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