Review

Aus der großen Fantasy-Welle der 80er ragen auch heute noch ein paar Filme turmhoch hervor, die sich in ihrer Eigenartigkeit einen Nische geschaffen haben, die sie nicht vergessen läßt. Die Jim-Henson-Phantasie "Labyrinth" gehört sicherlich dazu.

Wie schon "Das zauberhafte Land" ist es für den menschlichen Protagonisten Sarah eine Reise durch ein verrücktes, magisches Reich und gleichzeitig ein Reifungsprozeß für das eigene Innere, der Weg durch das eigene Unterbewußtsein. Hatte Dorothy noch zu beweisen, daß Weltflucht nicht für das eigene Leben reicht und das Individuum selbst jedes Problem überwinden kann, wird sich Sarah von ihrer zwanghaft umklammerten Kindheit langsam lösen müssen, um Verantwortungsbewußtsein und Reife zu beweisen, da sie im Grunde schon erwachsen ist, sich aber weigert, dafür auch einzustehen.

Als märchenhafter Rahmen dient dazu der ungeliebte Bruder, die nicht angenommene Stiefmutter und dadurch resultierende scheinbar fehlende Liebe des Bruders. Als eine fremde Macht, hier der Koboldkönig Jareth, den Bruder stiehlt, tritt sie in einen Wettlauf gegen die Zeit.

Das Koboldreich entpuppt sich als Alice-im-Wunderland-Variante, denn die Bewohner sind allesamt entweder leicht verrückt oder gehorchen Gesetzen, die keineswegs vernünftig sind, ebenso wie die Naturgesetze leicht auf den Kopf gestellt sind. (Signifikant die Szene kurz nach Sarahs Ankunft, als ihr eine Wegweisung gegeben wird, die ihrer Anfrage entspricht, bis der Zuschauer erfährt, daß die entgegengesetzte Richtung den ganzen Weg durch das Labyrinth unnötig gemacht hätte.)

Märchengemäß gewinnt sie im Laufe der 13 Stunden Zeit ein paar Gefährten, denen sie hilft und die sich ihr deswegen anschließen und die ihr, wenn möglich, weiterhelfen.
Ansonsten ist die Handlung relativ episodenhaft, besteht aus Fallen, Wendungen und Prüfungen, bringt Sarah entweder voran oder wirft sie zurück.

Das Besondere am Labyrinth ist einmal seine ausgelassene Unberechenbarkeit und dann natürlich die Art der visuellen Umsetzung. Das Labyrinth ist bevölkert mit seltsamen Wesen aus Hensons Creature Shop, die man in der Form noch nicht gesehen hat. Da gibt es haarige Trolle, kleine Kartoffelgnome, die Feen besprühen, Erdwesen aus Händen, sprechende Raupen, Moos mit Augen, sprechende Vogelhüte, durchgeknallte Kobolde, die auf riesigen, monströsen Maschinen sitzen und verrückte Vögel, die mit ihren Köpfen Ball spielen. Auch das Labyrinth an sich ist wechselhaft, mal mit riesigen Wänden, dann wieder mit Hecken, dann wieder besteht es nur aus steinbruchartigen Fragmenten. Herausragend dabei die wunderschönen, sich in ewige Weiten erstreckenden Backgroundpaintings des Labyrinths und zahlreiche optische Tricks (so ergibt in einem Insert eine Dreier-Fels-Gruppe im richtigen Winkel betrachtet, das Portrait von David Bowie aka Jareth), besonders gelungen der finale Wettlauf in einem Escherschen Treppenlabyrinth.

Den Prüfungen eine bestimmte Moral zuzuordnen, ist dabei einfach und niemals als Lehrlektion dick aufgetragen. Manchmal ist es aber auch der pure Spaß an der Sache, wie in der oft zitierten Szene als Sarah durch eins von zwei Toren gehen muß, von denen eins tödlich ist, von den jeweiligen Torwächtern aber einer die Wahrheit sagt und einer immer lügt.

Schauspielerisch ist alles erste Sahne (gibt eh nur zwei davon). Jennifer Connelly ist traumhaft als Teenager irgendwo zwischen Kind und Frau, während David Bowie in der schrill-punkigen Rolle des Jareth wunderbar verschlagen agiert.
Bowie ist mit diversen Rocksongs auch am Soundtrack beteiligt, die den Film geradezu perfekt untermalen.

Bilder, die man aber nicht jeden Tag sehen kann, gibt es genug und damit ist die "Reise ins Labyrinth" immer wieder eine Reise wert, auch wenn manche Szenen eher ein junges Publikum ansprechen. Trotzdem nichts für kleine Zuschauer, denn dafür sind die Ideen von Henson und Ex-Monty-Python Terry Jones zu abgedreht. (9/10)

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