Review

Spektakulär gescheitert!
Viel ist geschrieben und diskutiert worden über Eli Roths „Hostel“, einen Film, der die Gemüter so geteilt hat, wie wenige in den letzten Jahren. Gegenstand des großen Geredes in Sachen dargestellter Gewalt und Diskussionsobjekt zwischen brilliantem Independantkino und gestaltgewordener Lächerlichkeit, das sind die Ehren, die dieses Zweitwerk schmücken.
Nachdem sich die Wogen geglättet haben, ist es Zeit für eine Betrachtung von mehreren Seiten.

Eli Roth, seines Zeichens Jungfilmer mit einem Hang zu dreckigen, billigen Horrorfilmen, hatte mit diesem Projekt wohl in erster Linie nur vor, einen modernen Sleaze-Exploiter zu drehen, ein fieses kleines „movie“, vor dessen Benutzung man seinen Impfpass konsultieren sollte, ob nicht etwas aufzufrischen wäre.
Daraus geworden, ist ein moderner Klassiker allein aufgrund seines Rufs – klein und schmutzig, ein Schmuddeltip kann nun nicht mehr draus werden, dabei wirken die Absichten durchaus lauter…

Dabei klingt die Storyline wie aus den seligen 70ern zeitversetzt, als man mit einer Handvoll Dollar und reichlich schlechtem Geschmack und Unvermögen noch Kultklassiker generieren konnte, ehe man erst mal ein Vierteljahrhundert in Vergessenheit geriet.
Drei sexhungrige Touristen fallen einer Horde professioneller Menschenschlächter in die Hände, die sie an folterwillige Perverse aus aller Herren Länder verscherbeln.

Fokussiert man auf die Absicht, scheint Roths Plan durchaus aufgegangen sein. In der ersten halben Stunde präsentiert er nämlich seinen Plot als eine Art gewollt billige Sozialsatire, die sich praktisch selbst der Lächerlichkeit preisgibt, so überzogen kommt sie herüber.
Da haben wir zwei sexwillige Amis, die sich einem Europa-Ficktrip verschrieben, als gäbe es in Amiland nichts Knackiges zu tackern. Die haben sich mit einem noch ultimativ präpotenteren Isländer zusammengetan, der alles vögelt, was nicht schnell genug auf den Bäumen ist. So weit, so albern.
Prompt präsentiert sich Roths Amsterdam als ein Haufen hypermoderner Bordelle und einer einzigen Ansammlung von Kiffern und Pillenschmeißern, die zwischendurch natürlich gerne einen wegstecken.

Von dort aus verlagert sich auf einen Anreißertip hin das Geschehen nach Bratislava, wo es natürlich immer noch nach alter Bodolockenart zugeht. Eine wahre Pracht für jeden Schlechte-Filme-Fan, denn Osteuropäer sind für gewöhnlich mürrisch, schweigsam, düster, unrasiert und in Wirklichkeit perverse Meuchelmörder. Kein Wunder, denn als Kinder waren sie in Killerbanden organisiert, wie hier auch eine um die Häuser zieht. Und im Zug trifft man vor allem eines: halbgare Schwuchteln.
Als Garnitur laufen da natürlich Mädels rum, die nur eins wollen: Mucke, Saufen und dann bestiegen werden…

Leider muß dieser „gewollt schlechte Geschmack“ durch einen zeitgenössischen Filter gesehen werden, denn was die Urväter nun mal nicht besser konnten bzw. was sie von ihren sozialen und sexuellen Defiziten in ihre Filme einbrachten, ist Geschichte; Roth versucht sich bewusst an einer Nachstellung und erschafft lediglich blasse Epigonen, gewollte Abklatsche.
Hier wird der Film erstmals zur puren Nachstellung und provoziert den analyseunwilligen Zuschauer: die Amis dumm und geil, die Europäer entweder läufig oder verknöchert, die Osteuropäer Monster allemal – so was kann sich ein Untergrund-C-Filmer leisten, aber kaum ein Kinofilm.

So dehnt sich der Film lange hin, bis es zu Gewalttätigkeiten kommt, der Nordmann scheidet relativ unbesehen aus dem Leben, 40 Minuten sind schon rum, bevor erstmals das Folterwerkzeug in Aktion tritt…zu lange für das Gorehoundpublikum, das das Nächste ist, was Roth überhaupt erreichen konnte.

In Sachen Gewalt legt der Film solide was vor, ist aber niemals die Gewaltorgie, die die Medien immer aus ihm gemacht haben. Die Asiaten haben ihren Zuschauern schon mehr zugemutet, Roth beschränkt die Foltersequenzen auf relativ kurze Sequenzen, die hart und schmerzhaft sind, die aber nicht verhehlen kann, das hier das Skript den Exploiter noch an der Kette hält. Die wenigen Sequenzen gehen aber schon an so manche Ekelgrenze.

Dennoch hat der Film so seine Qualitäten, die aus der Grundsituation entstehen. Im Gegenteil zu dem misslungenen „Cabin Fever“ sind die Protagonisten den Zuschauern hier nicht egal und was ab dem Moment folgt, in dem Jay Hernandez auf dem Folterstuhl festgeschnallt wird, bringt dem Film Punkte.
Die Stärke von „Hostel“ ist das Gefühl der Unausweichbarkeit, der Beklemmung. Der Zuschauer weiß, das er nun der Konfrontation nicht mehr ausweichen kann und insofern arbeitet Roth sehr geschickt.
Selbst nach gelungener Flucht provoziert seine Rückkehr zur Rettung einer Touristin nicht Gestöhne, sondern treibt den Zuschauer in die gewollte Position, den des mitfiebernden Begleiters. Diese Szenen haben Dramatik, wenn die erste Dreiviertelstunde nicht schon den letzten Nerv abgetötet hat.

Leider wird es dann wieder plörrig, denn im besten Erlösersinne geschieht dann zweierlei: die Guten nehmen Rache an den Bösen und der Zuschauer kann sich am schön reaktionären Neandertalerdenken erholen.
Man weiß nicht, ob man lachen oder weinen soll, denn Roth erreicht sein Ziel insofern, dass er steinzeitliche Rachegefühle im Zuschauer freisetzen kann.
Dazu allerdings muß er dramaturgischen Bankrott begehen, indem er alle Böslinge, die unseren Helden einen Schaden zugefügt haben, wie durch einen himmlischen Eingriff in Reichweite des Überlebenden bugsiert, um diese dann möglichst bildgewaltig in die nächste Welt befördern zu können.
Ein paar Folterer werden im Affekt gekillt, der Anreißer und die Nutten kommen unter die Räder, der Organisator fällt Kindern zum Opfer, schlussendlich (der große Filmgott Zufall dürfte stark aus der Puste gewesen sein) darf der letzte Überlebende sogar zur reißenden Bestie werden und einen Peiniger abschlachten.

Roth appelliert hier an niederste Racheinstinkte und bemüht sich gleichzeitig durch die Ballung derselben, diese zu parodisieren. Leider denken Horrorfilmfans selten in solchen Meta-Ebenen, ein Schuß der nach hinten losgeht.
So kommt man leicht zu dem Schluß, hier würde ein bisschen softe Gewaltpornographie zum Selbstzweck mit einem Sleaze-Mäntelchen getarnt und fühlt sich betrogen.

Aber das ist nun mal so, wenn man praktisch eine Hommage bastelt, sie ist eben doch aus ihrem Zeitrahmen gerissen und wird anders goutiert, als sie gemeint gewesen ist, denn der Großteil der Zuschauer kann niemals die Position des Regisseurs nachvollziehen.
So erhält Roth aus guten Absichten und wesentlich besser fokussierten Ideen als beim Vorgänger leider nur ein collagehaften Film, der mehr brüskiert, als das er genossen oder beschaudert werden kann.

Nur dass er Ausgleich immerhin eine vermutlich gut laufende Franchise abbekommen hat, einen Reputationsschub und einen Ruf wie Donnerhall. Und jede Menge Kohle.
Was auch nicht schlecht ist.

Wir aber müssen mit „Hostel“ und seinen Fortsetzungen leben – und konzentriert man sich auf die atmosphärische Wirkung, so kann man streckenweise voll des Lobes sein – und das sogar ohne die Ekelgefühle.
Aber wir haben das düstere Zeitalter des Hinterfragens und da platzt die Seifenblase und die Reste mutieren in ein albernes Kasperletheater, das nicht zusammenpassen will; für eine Satire zu grob, für einen Revenge-Film zu weit hergeholt.

Aber Roth hat ja die Kontroverse.
Das Beste, was einem Filmemacher passieren kann. (5/10)

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