Eine angenehm unangenehme Überraschung erwartet einen, wenn man sich bar jeder nötigen Vorabinfo einem Publikumserfolg wie „Sommer vorm Balkon“ stellt, erwartet man eine typisch milieugesteuerte leichte Sommerkomödie mit Realismustouch.
Doch man bekommt ein grimmig-realistisches Drama über das Leben zweier Frauen, die mal nicht irgendwelchen beschönigenden Stereotypen angehören und zum Schluß notgedrungen happy enden.
Katrin und Nike sind dann doch ein wenig mehr (gewollt) an der Realität, weder zwei kreativ-erfolgreiche, aber in Beziehungsdingen glücklose Schnuckeldinger, als vielmehr zwei alleinstehende Frauen in der Grauzone zwischen den besseren 30ern und den absehbaren Wechseljahren.
Während Katrin geschieden und alleinerziehend ist und ihren Berufssuchefrust in Komabesäufnissen ertrinkt, glaubt sich Nike als die Engagiertere der beiden, diejenige „die wat riskiert“, doch die freischwebende Altenpflegerin hat weder Ambitionen, noch arbeitet sie sich in die Tiefe ihrer Tätigkeit vor, sondern sucht einen Mann durch spontanes Aussuchen, um dann an einen noch problembeladeneren Fernfahrer zu geraten, dessen stetes In-sich-Ruhen sie tatsächlich doch zur Aktivität des Frauseins herausfordert.
Während des Films zieht so ein ganzer Sommer am Prenzlauer Berg an uns vorüber, ohne daß man diesen zeitlich irgendwie festmachen könnte – die Jahreszeit bleibt eine unbekannte Größe, während die Frauen sich gewissen Veränderungen oder sich selbst stellen müssen.
Geradezu beiläufig laufen diese Prozesse ab und sind um so furchtbarer, weil sie so banal lebensnah sind.
Katrin durchläuft mit zunehmender Frustration Bewerbungsprogramme mit guten Ideen, die die Vorgesetzten, die sie wegen ihrer behelfsmäßigen Fähigkeiten einstellen würden, sowieso nicht interessieren, sondern eher verwirren. Ihr Suff ist Frustbewältigung, der sich zur Krankheit ausweitet und fast in einer Vergewaltigung endet – allerdings scheint sie das Problem dann in den Griff zu bekommen, wenn es in ihrem Leben läuft, wenn auch nur kurzfristig.
Nike dagegen ist „det typische blonde Mäuschen“ mit dem scheinbar anspruchslosen Job, die aber praktisch nebenbei die größte Verantwortung riskiert, indem sie vorwiegend dementen Senioren ihre Pflegekünste andient, was aber weder von der Pflegemaschinerie noch von den Anverwandten honoriert wird, etwa wenn ihr zusätzlicher Einsatz aus simpler intuitiver Menschlichkeit niedergemacht wird und sie bei der Gelegenheit von zwei brutalen Einbrechern bedroht wird.
Die Intuivität legt sie dann auch bei der Männerwahl an den Tag, der angegraute Ronald, den sie zu einem gewissen Grad in ihr Leben läßt, ist der grob gestrickte Ausfahrer auf Dosenpils, der pro Stunde ca. einen Satz sagt und sich in ihrer Wohnung breit macht, weil sie in ihm etwas sieht, was sonst niemand sehen würde – jedoch ist es nicht das Kindheitstrauma, das ihn offenbar hamster-like zu immer denselben Vorgehensweisen veranlaßt, nämlich überall in der Republik väterlose Kinder zu zeugen.
So gewöhnlich das Geschehen scheint, so alltäglich es dargestellt ist, so brutal wirkt es auf den Zuschauer, der auf Idealtypen oder Klischees wartet, aber zwei nur durchschnittlich engagierte, aber auch maximal so sozial erfahrene präsentiert bekommt, die tatsächlich ihre Tage in einer geradezu pervers-dumpfen Berliner Eckkneipe versüffeln, in der ständig gar furchtbare 70‘s-Schlager durch den Raum plärren.
Kein Wort vom Weiterkommen, vom Aufstieg, von Perspektiven – aber auch keine Verteufelung der Umstände, das soll biederes Ambiente, flaches Deutschsein auf dem Bildzeitungsektor sein, so bitter echt wie unerträglich als Kinounterhaltung und doch so ehrlich, daß man gebannt dabei bleibt, welche neue Wendung den Zuschauer erwarten wird.
Dabei muß sich der Zuschauer der Unausweichlichkeit der Vorsehung stellen, stets weiß man vorher, wie das alles enden wird und erlebt doch kleine Überraschungen oder Momente, die nicht die Simplizität der Figuren verteufeln, sondern zärtlich darauf hinweisen, daß jeder eine Chance auf persönliches Glück haben sollte, mag das Umfeld vielleicht auch nicht den gängigen Vorstellungen entsprechen.
Parallel dazu entwickelt sich noch ein Handlungsstrang um Katrins Sohn Max, der sich in eine Mitschülerin verliebt, die aber an einen Klassenkameraden vergeben ist – und genau hier die selbständige Souveränität bewundert, mit der sie durchs Leben geht. Bis auch hier die alltägliche Tragik ihr Haupt erhebt und sie alles aufgibt, was sie zuvor ausgemacht hat, ohne zu erfahren, was Max an ihr bewundert oder liebt und ihr „Freund“ an ihr ignoriert.
Für den Zuschauer heißt es, sich der Momentaufnahme aus dem Leben, wenn auch einem gestellten, zu stellen und mitzuleben und mitzuleiden – die Beweggründe der Figuren bleiben ultimativ anwendbar, warum sich wohl auch ein so großes Publikum bei aller Härte dabei verstanden oder angesprochen gefühlt hat. (8/10)