Review

Kein Leichtes, sich einem Drama zu nähern, das sich in stiller Form dem Titel gleich, mit dem Thema Missbrauch und dessen Folgen auseinander setzt.
Missbrauch, nicht nur in sexueller Form, sondern auch als Limitierung der eigenen Persönlichkeit als Ausdruck von Zusammengehörigkeit.
Das Problem ist: Wie verpacke ich das angemessen?
Nähere ich mich dem Thema, indem ich mich komplett auf die emotionale Wucht dahinter verlasse und kreiere deshalb ein „Hard Candy“, worunter die Glaubwürdigkeit des Ganzen leiden kann.
Oder behandele ich das weitaus sensibler und glaubwürdiger, wie hier bei „The Quiet“?
Dem Kernthema angemessen ja, doch fesselnd? Leider viel zu selten.

Alles dreht sich um die taubstumme Außenseiterin Dot (Camilla Belle), die nach dem Unfalltod ihres Vaters von einer befreundeten Familie aufgenommen wird. Doch unter der scheinbar heilen Fassade bröckelt es gewaltig: Tochter Nina (Elisha Cuthbert) glänzt nach außen hin als erfolgreicher Cheerleader an ihrer High School, doch in Wirklichkeit wird sie von ihrem Vater sexuell missbraucht und schwankt innerlich zwischen Ekel und sexueller Erfüllung. Ihre Mutter weiß von diesen Umständen und flüchtet sich in eine Welt voller Medikamente, die sie den ganzen Tag lethargisch und isoliert verbringen lassen.
Doch irgendwann eskaliert die Situation und setzt eine tragische Kettenreaktion in Gang.

Auf rein narrativer Ebene stellen sich lediglich zwei Fragen: Ist Dot wirklich taubstumm oder täuscht sie das alles nur vor und will Nina ihren Vater tatsächlich umbringen und inwieweit könnte Dot das vereiteln.
Doch die bedächtige und ausschweifende Erzählweise trägt nicht gerade zum Mitfiebern bei.
Weit über eine halbe Stunde Einleitung der Figuren: High School Treiben, Außenseiterposition bekräftigen, Inzest andeuten (Vater erkundigt sich per Handy bei Tochter nach der momentanen Kleidung) und Personen einführen, denen im Verlauf überhaupt keine wichtige Bedeutung mehr zugesprochen wird. Denn, ob Ninas beste Freundin, die außer Sex und sich selbst nichts im Kopf hat, nun den großen Schönling der Schule ins Bett bekommt, hat nichts mit den beiden Hauptfiguren zu tun. Auch nicht jener Schönling, der vielmehr Interesse an der Außenseiterin Dot zeigt und mit ihr tatsächlich auf dem nächtlichen Fliesen des Schwimmbades einen frühzeitig beendeten Stich landet. All das lenkt passagenweise stark vom Kern des Geschehens ab.

Denn da stehen zwei junge Mädchen, die auf den ersten Blick kaum unterschiedlicher sein könnten. Nina, das hübsche Blondchen, innerlich hin und her gerissen vom Machtspiel mit dem Vater und Dot, die mit ihrem verstorbenen, taubstummen Vater seinerzeit das gleiche Schicksal teilte (oder doch nur vortäuschte?). Sie tragen Geheimnisse in sich und spannend wird es immer dann, wenn sie sich Teile davon gegenseitig offenbaren.
Konnte Dot tatsächlich Ninas Mordplan von ihren Lippen ablesen, oder sie diesem gar in voller Brandbreite beiwohnen, weil sie in Wirklichkeit doch nicht stumm ist?
Wird Nina das volle Vertrauen ihres Vaters zum Mord ausnutzen, indem sie ihm eine Überraschung vorgaukelt, ihn die Augen schließen lässt, während sie mit dem heißen Bügeleisen vor seinem Gesicht herumfuchtelt?
Das sind jene Szenen, von denen ich gerne mehr gesehen hätte.

Doch es geschieht einfach zu wenig, auch auf emotionaler Ebene.
Mit Nina kann man zwar einigermaßen warm werden, ihre ambivalente Reaktion auf den immer wiederkehrenden Missbrauch scheint nachvollziehbar. Pendelnd zwischen Liebe und Hass, werden ihre zunächst fragwürdig erscheinenden Verhaltensweisen im Verlauf nachvollziehbar.
Doch mit der Figur Dots habe ich ein Problem. Trotz einiger ausgesprochener Gedanken per Voiceover, wie Ausführungen über Beethoven, gelange ich nicht an ihre Emotionen. Dot bleibt für mich bis zum Schluss ein undurchsichtiges Mädchen mit kaum nachvollziehbaren Intentionen.
Entsprechend kühl und distanziert gestaltet sich die Erzählung um sie herum, auch wenn ein Piano im Fokus eines leeren Raumes und in Blaufilter eingetaucht, ihr seelisches Befinden treffend wiedergibt, - mir fehlt die geistige und emotionale Nähe zu dieser Figur.

Die Hauptdarstellerinnen Cuthbert und Belle agieren jedoch auf hohem Niveau, während die musikalische Untermalung angenehm sphärische Klänge bietet (ganz zu schweigen von Beethovens großartiger „Moonlight Sonata“).

So bleibt am Ende ein zwiespältiger Eindruck: Dem Missbrauchsthema hat man sich, in all seinen Belangen und Auswirkungen, einfühlsam und ambivalent nachvollziehbar genähert.
Doch die Geschichte an sich entfaltet sich, primär während der ersten Hälfte, behäbig und ein wenig klischeebehaftet und belanglos.
Eine ansprechende Inszenierung, inhaltlich jedoch etwas dünn und wenig überraschend.
6 von 10

Details
Ähnliche Filme