Ein Psychothriller aller erster Sahne ist dieser Film und seiner Zeit weit voraus, wenn auch der alte Abraham Lincoln im ersten Bild zu sehen ist und die Erinnerung an fast so alte Bürgerkriegswestern wach werden mag: Schon die beklemmenden Bildgestaltungen von Leichen auf dem Schlachtfeld in fast krank aussehender Brauntönung, schon die von Lalo Schifrin verfremdete Militär-Schlagzeug-Musik machen deutlich, dass dem Zuschauer hier harte Kost bevorstehen könnte, die nur am Rande mit dem eigentlichen Bürgerkrieg zu tun haben wird.
Stattdessen sehen wir nach dem Vorspann das erste von vielen Märchenmotiven, die noch kommen werden: Rotkäppchen, mit einem Korb in der Hand, geht durch einen sumpfigen Südstaatenwald, der wie ein Zauberwald aussieht, und dann erst wird das kränkliche Braun langsam farbig, und das erste Rot in diesem Film ist nicht etwa ein Käppchen, sondern das Blut am Bein des verletzten Soldaten, den Eastwood hier in einer unbeschreiblichen Bedrohlichkeit verkörpert.
Er ist der fleischgewordene Alptraum für die insgesamt neun Frauen und Mädchen in dem Internat, wo er "gastlich" aufgenommen wird, aber nicht minder sind die dort ansässigen Frauen ein Alptraum für ihn: das mag allein schon daran liegen, dass alle dort als Gefangene leben - er ist für die Frauen eine Art Kriegsgefangener, den sie eigentlich der nächsten Patrouille übergeben müssten (zu der sie aber mit Recht ebenfalls kein Vertrauen haben), und sie selbst sind in ihrer eigenen Schule wegen des Kriegszustandes ebenfalls eingesperrt - ein Bild für all das ist die flügellahme Krähe, die an eine Geländerstrebe angebunden ist und später verendet.
Interessant und absolut faszinierend ist nun, wie Don Siegel ohne viel Action die spannungsgeladene Situation in diesem Haus filmisch umsetzt: Der Soldat scheint zunächst zu glauben, er habe die Situation unter Kontrolle - Kunststück gegenüber einem kleinen Mädchen - , denn er schätzt sie gleich als "alt genug für einen Kuss" ein (sie ist zwölf; ich würde wetten, in einem Remake würde diese Szene abgeschwächt). Den zweiten Kuss erhält er dann von einem frühreifen Früchtchen namens Carol, aber in dieser Szene ist eindeutig er der Unterlegene. Noch mehrere verwandte Szenen dieser Art spielen sich ab, denn der Soldat steht unter derartigem sexuellen Druck, dass er sein Glück bei fast jeder Frau versucht, die in seine Nähe kommt, und den Frauen geht es durchaus ähnlich: die Heimleiterin Martha (grandios gespielt von Geraldine Page) hat ein inzestuöses Verhältnis mit ihrem fortgelaufenen Bruder noch nicht verarbeitet und hat eine halb mütterliche, halb lesbische Beziehung zu ihrer angestellten Lehrerin Edwina aufgebaut (in einer Traumszene stellt sie sich Sex zu dritt mit Edwina und dem Soldaten vor); Edwina selbst fühlt sich wie Dornröschen (wieder ein Märchenmotiv!): sie ist zwar eine Art Prinzessin, weil sie das Anwesen von Martha übernehmen soll, aber sie sehnt sich heimlich nach Ausbruch (das merkt man schon an der Art, wie sie Französisch unterrichtet) und verliebt sich deshalb ernsthaft in den Soldaten, der sie wie alle anderen hemmungslos ermuntert (obwohl teilweise auch der Eindruck aufkommen kann, dass er letztlich in dieser Frauenwelt nach verbündeten Kumpeln sucht). Da er es aber mit dem Sex eiliger hat als sie, entscheidet er sich vorläufig für Carol, und daraus entwickelt sich schließlich die Katastrophe, die ein Brian De Palma nicht spannender hätte aufbauen können: alles kommt noch viel schrecklicher, als es der Zuschauer längst befürchtet hat...
Es bringt nichts, noch mehr vom Inhalt zu erzählen, denn falls jemand den Film noch immer nicht kennen sollte, verdirbt's ihm die Spannung, und wer ihn kennt, dürfte sich bei allzu ausführlicher Beschreibung langweilen. Halten wir uns lieber noch etwas länger bei den Bildern und Motiven auf:
Wenn das kleine Mädchen ("Rotkäppchen") den "bösen Wolf" entdeckt, sagt sie: "Genauso ist mein Vater gestorben". Die bedrohliche Seite des Übervaters ist hier das Thema (vorbereitet schon durch das anfängliche Lincoln-Porträt); der Soldat, der nicht wirklich ein Vater ist, wird zu einer Art bösem Stiefvater aus dem Märchen aufgebaut, der sich mit Martha, der symbolischen Stiefmutter, perfekt ergänzen könnte, wären sie sich nicht so ähnlich, dass zugleich die inzestuöse Geschwisterliebe hier wieder aufflammen müsste. Was sich also zwangsläufig zu einer Tragödie entwickeln muss, hat zu Beginn einen fast belebenden (um nicht zu sagen: "befruchtenden") Einfluss auf die Hausgemeinschaft: einmal sagt sogar jemand, die Hühner würden plötzlich wieder Eier legen, während allerdings, wie es später heißt, "die Kühe so ausgetrocknet sind wie wir selbst". Darin liegt schon eine Ahnung, dass die Ankunft des Fremden auf Dauer kein Glück bringen wird: es ist so, wie der Soldat einmal selbst sagt - "der Krieg schlägt dem Land große Wunden"; er scheint das voller Mitleid zu äußern, aber in einer kurzen und ungemein wirkungsvollen Parallelmontage sehen wir, wie er selbst das Land gebrandschatzt hat; auf einer zwischenmenschlichen Ebene wird er hier dasselbe wiederholen. Also muss die Bedrohung durch diesen triebhaften Stiefvater bekämpft werden, was durch Martha auch sehr bald veranlasst wird, indem sie der Sklavin Sally den Auftrag gibt, den Mann zu rasieren - ein eindeutiges Symbol für Kastration, das man kaum überhören kann, zumal Sally dann auch noch ständig betont, eigentlich könne es Gott doch nicht gewollt haben, dass "die Haut eines Mannes so glatt ist wie ein Kinderpopo". Da dieser Versuch, seine Manneskraft zu stutzen, nichts fruchtet, ihn also nicht vom bösen Wolf in ein Schoßhündchen verwandeln kann, müssen schließlich andere Maßnahmen ergriffen werden, in denen die Bildhaftigkeit der Kastration noch deutlicher zum Ausdruck kommt. Und am Ende, nachdem alles nichts genützt hat, wird er in einer Szene, die nicht nur zufällig nach dem heiligen Abendmahl aussieht, bei Tisch mit Hilfe einer Verräterin zu Fall gebracht.
Wenn ein Regisseur eine solche psychologische Dichte wie in diesem Film zustande bringt, ist das schon eine beachtliche Leistung, zumal wir wissen, wie lange Eastwood als Regisseur gebraucht hat, um Ähnliches zu bewerkstelligen. Deshalb dürfte dieser Streifen einer der wichtigsten - wenn auch ungewöhnlichsten - Beiträge des gesamten Eastwood-Kosmos sein. Ein Meisterstück, das seinesgleichen sucht! Es sprengt den Rahmen einer Kritik, alle Feinheiten des Films auch nur ausreichend zu würdigen - man könnte vielmehr eine wissenschaftliche Dissertation daraus machen...