Review

Kino mal wieder als Erfahrungswert, den man sich erarbeiten muß, nicht so einfach konsumieren kann – das ist anstrengend, aber wesentlich befriedigender als so manche Popcornfilme.
Und so gerät dann „C.R.A.Z.Y.“, eine kanadische Produktion, über die Erwachsenwerdung des jungen Zac in seiner vielköpfigen Familie in den Jahren 1960-1981 zu einer emotionalen Tour de Force, durch die man sich durchkämpfen muß.

Den Film als Coming-of-Age-Story, bzw. Als Coming-Out-Movie eines seine Natur verleugnenden Schwulen zu bezeichnen, ware dann auch schon wieder ein bißchen zu einfach. Zac, als vierter Sohn einer kanadischen Familie, erzählt uns aus dem Off wertungsfrei nichts, was wir nicht später durch die Bilder erfahren.

Von Anfang an etwas anders, aufgrund einer Geburtsverletzung zu einer Art „Gedankenheiler“ hochstilisiert, will in dieser Männerdomäne von einer Familie nichts anderes als die Liebe und Achtung seines Vaters erringen, einem heterogenen Patriarchen, der laut, poltrig und herzlich, aber nie dumm daher kommt und genauso viele Fehler wie positive Seiten hat. Die Mutter dagegen ist Dreh- und Angelpunkt, das einzig amtlich zugelassene Weibliche in dieser Familie, religiös fokussiert, aber stets das Wohl jedes Familienmitglieds im Auge behaltend.
Als Kind flüchtet Zac sich, angegriffen wegen seines „weibischen“ Verhaltens und seiner unmännlichen Vorlieben in die Religion, um sie später wegen „Nichtfunktionierens“ komplett abzulehnen. Der Junge wird äußerlich zum Rebellen, aber sowohl bei ihm wie bei allen anderen sieht man es innen arbeiten.

Der innere Widerstreit in Zac wird dabei nie Textthema, sondern lediglich über die Bilder transportiert: milder, zerstörerischer Protest gegen die Nichtakzeptanz durch den Vater wird stets durch bemühte Anpassung wieder ausgeglichen, um ein paar glückliche Momente mit ihm zu erlangen. Während seine Brüder pures „Es“ leben (Sex, Drogen, ein kaputtes Leben), Intellektualität vorschieben oder körperliche Erfüllung über Sport kompensieren, zeigt Zacs Leben deutlich, in welche Richtung er geht.
Seine Verehrung für David Bowie (in der Ziggy Stardust-Phase), seine Männerphantasien und die Verlogenheit in pubertären Sexspielen mit einer homoerotischen Bekanntschaft, all diese Faktoren nähren seine ständige Unsicherheit, obwohl sich mit einer Freundin umgebend oder alle schwulen Verdächtigungen lauthals leugnend.
Es wird ihn eine Menge Kraft, Glück und Überwindung des Selbstekels kosten, um normal leben zu können.

Das Symbol für die dauerhafte Rückerringung seines Platz im Herzen seines Vaters bleibt eine von ihm zerstörte Platte der Sängerin Patsy Cline, die ihm am Ende in einem überraschenden Dreh die Gewissheit bringt, dass sein Vater ähnlich unzulänglich ist und aus seiner Haut nicht heraus kann (weswegen er jedes Weihnachten den selben Song singt), jetzt muß er nur noch seine eigene Haut akzeptieren…

Regisseur Jean-Marc Vallee ist das Kunststück gelungen, die Zeit der 60er und 70er wiedererstehen zu lassen, ohne das Anlaß zu Übertreibungen oder Lästereien gibt. Er inszeniert diese Lebens- und Familiengeschichte so klischeearm wie möglich und schafft es, dass man über die mehr als zwei Stunden Laufzeit nie weiß, worauf das Ganze hinauslaufen wird, denn er bewahrt sich und seinen Figuren eine Ambivalenz, die von totalem Glück bis zum Tod so ziemlich alles zulässt, vielleicht der höchste Realitätsanspruch, den ein Regisseur für sich einnehmen kann.

Etwas abstrus vielleicht das Nikotinverhalten nahezu sämtlicher Beteiligter, denn soviel wurde meines Erachtens noch in keinem Film geraucht, bis auf zwei Charaktere raucht hier wirklich jeder und ununterbrochen – aber selbst die Haltung einer Zigarette ist hier Andeutung einer gewollt zur Schau gestellten Heterosexualität, Machismo zu jeder Zeit.

Unterm Strich ein hochintensiver Arthouse-Film, der schmalzfrei so manchen Schmunzler provoziert – und stetig Emotionen auf der Leinwand und im Saal hochkocht.

Prachtvolles, frisches Charakterkino zum Selbsterfahren! (8,5/10)

Details
Ähnliche Filme