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Der Genozid von Ruanda, von den Hutus 1994 begangen an der Tutsi-Minderheit, kostete fast eine Million Leben binnen weniger Monate und gilt auch heute noch als eins der bestgehüteten Schandflecken auf den Westen der Vereinten Nationen.
Gleichzeitig ist der Völkermord auch praktisch ein offenes Geheimnis, denn so wenig drang von solchen Verbrechen an der Menschlichkeit selten an die Weltöffentlichkeit, die allerdings auch wesentlich weniger Interesse daran bekundete, als an Kriegen in bekannteren Gegenden.

„Shooting Dogs“ richtet sich genau auf diese irritierende und beschämende Tatsache aus und behandelt mittels fiktiver Hauptfiguren ein tatsächliches Ereignis aus dieser Zeit, die Flucht von 2500 Flüchtlingen auf den Grund einer technischen Schule in Kigale, die von Blauhelmtruppen geschützt wird. Während draußen im Land ein Massaker nach dem anderen angerichtet wird, herrscht drinnen Ausnahmezustand, bis die Europäer den Befehl bekommen, abzurücken und die Flüchtlinge ihrem Schicksal zu überlassen.

Michael Caton-Jones (u.a. verantwortlich für den unsäglichen „Basic Instinct 2“) kann zur besseren Storyfokussierung auf einige fiktive Gestalten zurückgreifen, den katholischen Priester Christopher (John Hurt in Topform) und den jungen Lehrer Joe Connor, sowie eine (weiße) Journalistin, einen belgischen Blauhelm-Offizier (Top-Überraschung: der deutsche TV-Mime Dominique Horwitz!) und als Fixpunkt und direkte Verbindung die junge Tutsi-Frau Marie.

Anhand dieser Figuren lässt sich der unmenschliche Ablauf dieser im Film geschilderten sechs Tage besser festmachen, allerdings bietet auch jede Figur einen speziellen Menschentyp bzw. eine Gruppe von Menschen dar, die Positionen beziehen oder vertreten, wie sie vor Ort oder im Rest der Welt tatsächlich vorkamen.

Das Drehbuch von David Wolstencroft beschönigt nicht und verhätschelt noch weniger. Nach einem vergleichsweise noch neutral bis leichtem Beginn wird der Grundton immer düsterer und auswegloser und dankenswerterweise hat man komplett darauf verzichtet, dem bösen Spiel in irgendeiner Form noch ein gutes Gesicht zu verpassen, wie es etwa „Schindlers Liste“ versuchte.
Von Abschuß der Präsidentenmaschine aus, startet ein geplanter Völkermord, herrscht Not und Elend, regiert die Willkür, der Rassismus, der Rassenhass. Die Angreifer töten, offenbar im Drogenrausch, nach Lust und Laune, niemand ist mehr sicher.

Diese grauenhafte Situation wächst sich durch die fatale Haltung aller Beteiligten zur einer Höllenfahrt ohne Happy End aus.
Die Blauhelme klammern sich, soldatesk, an ihr Mandat, ohne mehr oder weniger zu tun, was die Menschlichkeit gebieten sollte –und das heißt, sie greifen nur ein, wenn sie selbst angegriffen werden.
Die Journalisten filmen irgendwo zwischen Zynismus und Resignation die Überbleibsel des Gemetzel in dem Wissen, das das niemals gesendet werden würde.
Die Vereinten Nationen schalten auf stur oder nicht zuständig und die katholische Kirche bleibt auf ihren gewohnten Riten sitzen, dem Abendmahl bzw. der Messe, die angesichts der herrschenden Umstände wie blanker Hohn wirken – auch wenn Pater Christopher durchaus nicht der realitätsferne Katholik ist, wie man meinen möchte, klammert er sich letztendlich an die Religion als letzten Anker im Chaos.
Dazwischen, stellvertretend für uns neutrale Zuschauer, der junge Lehrer, der Unbeteiligte, der aus seiner scheinbar heilen Erste-Welt-Sicht nicht begreifen kann, was um ihn geschieht und naiv-hollywoodesk glaubt und verspricht, das alles schon irgendwie gut werden wird – bis auch er wortbrüchig werden muß – weil hier eben kein strahlender Ritter im letzten Moment Hoffnung verleiht. Zwar entkommt Marie am Ende, doch dafür muß ein anderer sein Leben lassen – und eine zarte Pflanze menschlicher Sympathie bzw. aufkeimende Gefühle sind im Epilog unter den Schrecken des Krieges verloren gegangen.

Das Skript geht sogar noch einen Schritt weiter, beschreibt eine Geburt im Lager, um Mutter und Kind dann während der Flucht abschlachten zu lassen.
Für das Publikum sind derlei Geschichten ungewohnt und unbequem – zuviel Realismus für einen schönen Kinoabend, aber letztendlich ist alles genauso geschehen.
Der enthüllenste und wahrste Satz wird der Journalistin nicht einmal gesondert negativ in den Mund gelegt, die beschreibt, ihr seien im Jugoslawienkrieg permanent die Tränen gekommen – hier jedoch fehle die Angst, es seien ja…nur Afrikaner.
Genau diese „Was-die-da-unten-machen-geht-uns-nichts-an“-Haltung ist es, was den Völkermord letztendlich ermöglicht hat – dokumentiert durch eine furchtbare Originalaufnahme, die eine UN-Sprecherin zeigt, die stotternd und außer Fassung immer wieder sinnlos irgendwelche Worthülsen aneinanderhängt, sprachlos angesichts der Schuld unserer Gesellschaft.

„Shooting Dogs“ ist kein leichtes Kino, es ist, trotz fiktiver Elemente, verdammt realistisches Dramakino, unbequem, zerstörerisch und aufklärend. Einen Unterhaltungsfaktor gibt es hier fast gar nicht und das Popcorn will zu so einem Film auch nicht schmecken.
Er ist sicherlich nicht perfekt, zu gesichtslos bleiben die Tutsi, zu stark betont die religiöse Facette, zu wenig sieht man wirklich das Ausmaß des Schreckens (wofür man allerdings auch dankbar sein kann).
Aber es ist ein wichtiger Film, der ein bisschen mehr Echo verdient hat, als in 20 Arthauskinos in der Republik still und heimlich zu verschwinden. Die wenigsten Leute in Deutschland können mit den Details des Genozids heute etwas anfangen, denn nur rudimentär sickerte etwas durch die Tagespresse – eine gute Gelegenheit, die eigene Einstellung zu solchen Geschehnissen und deinen eigenen kleinen Rassisten in einem mal wieder zu durchdenken. (8/10)

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