Mob Sister
Es gibt zwei Arten von beschissenen Filmen. Mindestens. Die einen sind schlecht, weil sie einfach nur schlecht sein können – ein flüchtiger Blick auf Besetzungsliste und Stab, eine bereits mit zwei Minuten Laufzeit anödende Vorschau sind wie Balsam für die sorgsam gepflegte Ignoranz. Schließlich hatte man schon immer Recht. Aber das Kino kennt Wunderwaffen: Staraufmarsch und perfekt geschnittene Trailer als Pfeiler eines im Detail genauso wie flächendeckend elaborierten Marketings. Beschissene Filme der zweiten Kategorie – und das macht sie ganz besonders ärgerlich – hebeln damit schützende Vorurteile ganz niederträchtig aus den Angeln, machen einen verletzlich, schneiden einem erst die Kohle aus der Börse, rauben einem hernach kostbare Lebenszeit und hinterlassen einen obendrein mit dem bedrückenden Gefühl herber Enttäuschung ... wie bloßgestellt, vor sich selbst. Wie konnte das nur passieren, dass ...
Für seinen dritten Film, „Mob Sister“, scheint sich Wong Ching Po keinen geringeren Anspruch auferlegt zu haben, als das ehrwürdige Triadendrama des Hongkong-Kinos ganz gehörig aufzumoppen, es rundum zu renovieren. Wieder einmal. Eine Mission, an deren viel zu hoch gebaumelter Messlatte er beim Vorgänger „Jiang Hu“ bereits unangenehm gescheitert war. Man darf nicht annehmen, der Regisseur hätte die gehässigen Nachrufe der Kritiker überhört. Die warfen ihm ganz zu Recht vor, er hätte in seiner artsy fartsy -, viel mehr um den Stil denn um die Story bemühten Inszenierung ein paar klaffende Logiklöcher zugelassen, die er auch mit peppigem Hochglanz nicht überblenden konnte. Ja, sehr wohl muss Wong Ching Po dieses Unken vernommen haben. Denn beim Nachfolger „Mob Sister“ scheint er Konsequenzen gezogen zu haben. Das heißt jedoch mitnichten, er hätte sich die Kritik irgendwie angenommen. Nein, eine ganz wesentliche Triebkraft hinter „Mob Sister“ muss es gewesen sein, es diesmal wirklich allen zeigen. Nun erst recht ... hat er wohl getrotzt.
Das Ergebnis ist eine Katastrophe.
Es ist ein Supergau unbeholfen übereinandergelegter Stile, ein Supergau kleistrigen Kitsches und im nichts verlaufender Handlungsstränge, ein Supergau geltungsgeilen Unvermögens ... ähem, deshalb die Einleitung über die zwei Kategorien. Filme die einfach nur schlecht sein können, würden mich nimmer so aus der Haut fahren lassen.
Wong Ching Po aber hatte mal wieder alles. Ein hohes Budget, dessen Verschwendung man der geleckten Visualität immer ansehen muss, eine enormes Aufgebot an großartigen Schauspielern, denen man wünscht, sie hätten sich etwas energischer gegen die aufgelegten Charakter-Schablonen gewehrt, und nicht zuletzt eine Story, deren offenes Potenzial zwischen bloodshedigem Pathos, Epik, Coming of Age-Drama, juvenilem Liebesgesäusel, bitterer, brudermordender Intrige und unversöhnlichem Hass nur in den seifigsten aller möglichen Nuancen ausgemalt wird.
Animationen und lächerlich aufgesetzte CGI symbolisieren die Naivität der jugendlichen Protagonistin Phoebe (Annie Liu), ihre noch unverbaute Weltsicht durch das Dritte Auge. Diese Wunderwelt aber versinkt in einem dunklen Brunnen – das ist nicht mein armselig bildliches Geschwafel, sondern wirklich so zu sehen – als ihr Ziehvater, der Triadenboss Gent , einem hinterhältigen Anschlag zum Opfer fällt. Nicht nur ihre Phantasie, in die gerade auch ein netter Junge mit einem roten Basecap vorgedrungen war, alles verändert sich, noch bevor Gent unter der Erde ist. Gents engste Vertraute (Simon Yam, Anthony Wong, Alex Fong), ihre lieben Onkels, werden ganz böse, denn es gilt nunmehr die Nachfolge des Großen Bruders zu klären, es gilt den Fortbestand der Triade zu sichern. Die ausnahmslos widerliche Konkurrenz schielt schon auf das neue Territorium. Die besonders schwere Krux: Gents hat in seinen letzten Atemzügen seine Nachfolge bereits festgelegt, so behauptet es jedenfalls Bruder Chance, der sich in diesem finalen Moment über ihn beugte: die 18-jährige Phoebe soll die Triade künftig führen. Das Mädchen ist mit dieser Aufgabe genau so überfordert wie die Männer, die sie führen soll. Der Feind feixt, und die Freunde überwerfen sich endgültig. Hinzu kommt, dass Phoebe in dieser exponierten Position nun garantiert wieder in den Fokus der furienhaften Triadenqueen Nova (Karena Lam) rückt, die dereinst in wahnsinniger Rache Phoebes Eltern ermordet hat und auch den Tod des kleinen Mädchen schwor. Damals hatte sich Gent der Frau entgegengestellt und sie trotz ungestilltem Rachedurst zum Rückzug gezwungen ...
„Mob Sister“ wirft tatsächlich all diese hier angerissenen Plots und sogar noch einige mehr zusammen, ohne auch nur einen einzigen über den Ansatz hinaus zu entwickeln. Die heillose Verwirrung, die Wong Ching Po stiftet, mag er sich selbst als besonders cleveres Spiel auslegen. Aber wahrscheinlich ist er selbst um Antworten verlegen und schmückt genau deshalb seinen Film mit Pomp wie eine Kathedrale. Hier ist nur noch Platz für durch Glauben abgepufferte Fragen: Nach dem Finale, das im Grunde gar kein Finale ist, stellt die wilde Nova gegenüber dem schon immer heimlich in sie verliebten Chance fest, das Mädchen, Phoebe, hätte die Welt der Triaden ein für alle mal verändert. Wie denn das nun, und wann und wo, sind nagende Ungewissheiten, die man aus dem dunklen Kinosaal mit heim nehmen kann, um darüber zu meditieren, vor dem Schlafen gehen, mit gefalteten Händen, kniend vor dem Bettchen. Vielleicht hilft’s, „Mob Sister“ etwas abzugewinnen ...