Die Reihe an exploitativen Verarbeitungen des deutschen Nationalsozialismus ist lang und nahm ihren Anfang - was kaum verwundert - noch vor Ende des 2. Weltkrieges. Nachdem 1941 in „King of the Zombies" Zombies und 1942 in „The Mad Monster" Werwölfe als Geheimwaffe erprobt wurden, kam 1943 der als Propaganda durchaus dienliche „Revenge of the Zombies" heraus, der erstmals den perfekte Soldaten schaffenden Nazi-Mad-Scientist auf den Bildschirm brachte. John Carradine versuchte damals als Dr. Max Heinrich von Altermann eine Zombiearmee zu kreieren. 1943 folgte das Propaganda-Drama „Hitler's Children" und 1948 „Curse of a Teenage Nazi" (das Plakat zeigt Hitler himself, der einem spärlich bekleideten Mädel ins offene Haar greift und erotisiert damit erstmals den Nazismus). 1963 wird in „They Saved Hitler's Brain" das seit „The Brain that wouldn't Die" populär gewordene lebende-Köpfe-Subgenre mit dieser Richtung vermengt...
Den Anstoß für die eigentliche Nazi-Exploitation-Welle lieferte allerdings 1969 Luchino Visconti mit seinem „La Caduta degli die" der den Fall einer deutschen Industriellenfamilie schildert und dabei im Nazimilieu Inzest, Travestie, Pädophilie und Homosexualität ansiedelt. Mit Cavanis „Il portiere di notte" (1973), Pasolinis „Salò" (1975) und „Salon Kitty" (1976) von Tinto Brass folgten weitere seriöse Filme die die sich der Verbindung von pervertiertem Eros und faschistischem Thananos auf sehr unterschiedliche Weise annahmen. Es war nur eine Frage der Zeit bis über Umwege (Ken Russells „Mahler", Russ Meyers „Up!") dieser Stoff auch im Exploitationkino aufkommen würde, während seriösere Filme sich der Verquickung von Sexualität und Nazisymbolik nur noch sehr selten annahmen (Lars von Triers „Orchidégartneren" ist eine solche Ausnahme die dem Regisseur heute so unangenehm ist dass er den kurzen Film kurzerhand aus dem Verkehr gezogen hat).
Gleichwohl Don Edmond's „Ilsa - She Wolf of the SS" der berüchtigste Vertreter ist, kamen die meisten Beispiele dieses Schmuddel-Subgenres aus (oh Wunder!) Italien. Sergio Garrone bediente den Zuschauer zweimal mit solch einschlägiger Kost. In „Lager SSadis Kastrat Kommandantur" erhoffte er sich durch die im Titel bereits angekündigte Kastration genügend Schauwerte, in „SS Lager 5 l'inferno delle donne" griff er unbekümmert auf Archivmaterial verstorbener, im Stacheldraht hängender oder übereinandergestapelter KZ-Insassen zurück.
Der Film beginnt (wie „Ilsa") mit der Ankunft der zukünftigen (natürlich - den Regeln des Subgenres entsprechend - weiblichen) Opfer im Lager und ein Aufseher macht deutlich wofür man sie benötigen wird: „You are here for science... and for the comfort of our heroic soldiers..." (00:04:34). Der Zuschauer darf sich also früh schon auf Sex und Folter einstellen. Der Film lenkt dann das Augenmerk des Zuschauers auf Alina, eine Jamaikanerin die als „highly dangerous Prisoner" (00:06:19) eingestuft wird weil sie unter französischen Partisanen mitgewirkt hat. Der Film betrachtet dann gewohnt voyeuristisch das Gruppenduschen der weiblichen Gefangenen unter den Augen einer wenig ansehnlichen Aufseherin (der Kleidung nach zu urteilen offenbar ein KAPO) und die angekündigten wissenschaftlichen Experimente die sich allesamt um Verbrennungen drehen. Ein Professor äußert mehrfach seine moralischen Bedenken - er arbeitet als politischer Feind auch nur mit um selber dem Tod zu entgehen - wird aber bloß in seine Schranken verwiesen; Er macht aus seiner Situation allerdings das beste indem er die Versuchskanninchen bestmöglich medizinisch zu betreuen versucht.
Die Szenen in denen die Frauen für den Komfort der Soldaten herhalten müssen sind teilweise sehr an „Salò" angelehnt - nur auf deutlich willkürlicherem und einfallsloserem Niveau; sogar das fröhliche Geplänkel der Herrenmenschen im Hintergrund wurde übernommen. Die Stimmung jedoch wirkt zu keinem Zeitpunkt bedrückend... vermutlich wollte Garrone den Genreregeln ent- und Pasolini widersprechend die Erotik nicht verhindern. Mehr und mehr driften die erotischen Treffen auch zu einer politische Grenzen und Rassengrenzen sprengenden Abendgesellschaft ab. Bei der Gelegenheit wird besonders ein rotgesichtiger, unsympathischer Glatzkopf eingeführt, der sich vor allem an der Jamaikanerin austobt, die ihre Rolle sehr gelassen hinnimmt um den bestmöglichen Vorteil daraus zu ziehen - was sie ganz besonders bei einem hellblonden Nazi betreibt dessen Darsteller ein Italiener mit schlecht gefärbten Haaren ist. Anschließend sinniert er darüber nach, die Haare der Opfer und Besitztümer der Opfer weiterzuverwerten, was Garrone mit Archivmaterial und leicht an Goblin erinnernder Musik unterlegt.
Derweil plant eine Gefangene einen Fluchtversuch (böses Omen: man will mit Hilfe der Gasöfen fliehen) und bittet die Jamaikanerin um Hilfe... Diese ahnt böses, redet es aber ihrer Leidensgenossin und deren Freundinnen nicht aus. Diese können sich Medikamente aneignen mit denen sie beim Liebestreffen die Nazis in Verbindung mit Alkohol ausser Gefecht setzen, werden jedoch kurz vor dem Ziel einer verräterischen KAPO-Aufseherin wegen entdeckt und finden im Ofen nicht die Freiheit sondern einen grausamen Tod. Daraufhin platzt dem Glatzkopf der Kragen und lässt vier Gefangene in die Folterkammer des Lagers befördern. Nachdem er dort Schädel geknackt, Fausthiebe verteilt, Fingernägel ausgerissen, Fingerkuppen verbrannt und Zungen herausgerissen hat ohne irgendeine hilfreiche Information welcher Art auch immer erhalten zu haben (der Abtransport der Leichen auf durch ein fröhlich pfeifenden „Wissenschaftler" inmitten der kühl-feuchten Gänge erinnert sehr an „Hostel") kommt es schließlich zum üblichen Aufstand der Lagerinsassen. Der Professor, der gegen seinen Willen an den Experimenten teilnimmt, muss seine Tochter in den Händen eines anderen Wissenschaftlers finden, den er durch einen glücklichen Zufall ins Jenseits befördert. Die unfreiwilligen Liebesdienerinnen ergattern eine Pistole, die Jamaikanerin erschießt unerwartet gleich drei Auseher und erhält gleich nochmal drei Waffen dazu, der Professor kann gleich ein halbes Dutzend vergasen und in dem - an Belagerungswestern erinnernden - Finale gelingt tatsächlich die Zerstörung des Lagers und die Flucht. Der Regisseur lässt daraufhin noch verlauten: „Madness is still within us, as the roots of cain grows on, men still attack each other as blood thirsty beasts. Remember those who cried, those who suffered, those who have given all." (01:35:13)
Das Beste an Garrones Reißer ist sicherlich die sehr melodramatische Musik von Vasili Kojucharov und Roberto Pregadio, die auch Garrones anderen Nazilagerfilm mit Musik untermalt haben. Das fesselnde musikalische Leitmotiv wirkt während des Vorspanns in Verbindung mit dem Archivmaterial zwar bereits recht pietätlos, entfaltet aber dennoch eine überaus nahegehende Wirkung und bedrückt eher als dass sie Empörung hervorruft. Was dann tatsächlich überaus ärgerlich ist sind zum einen die breitgetretenen Folterszenen die nicht weniger brutal sind als die betreffenden Stellen in „Ilsa", zum anderen die schrecklichen Klischees: Die Inszenierung der Jamaikanerin als exotische Schönheit übertrifft den üblichen Sexismus noch durch rassistische Tendenzen - wodurch die eh nur vorgeschobene Moral nochmal unglaubwürdiger wird und übel aufstößt. Die Nazis gehen schon fast als Karikaturen durch - allerdings als schlechte denn zum großen Teil handelt es sich einfach um arisch gestylte Italiener.
Garrone hat ansonsten neben Sexklamotten und Western (die bei uns innerhalb der Django-Reihe auftauchten) noch jede Menge Frauengefängnisfilme inszeniert. Das verwundert kaum, schließlich folgen Nazilager- und Frauengefängnisfilme den gleichen Strukturen (ähnlich wie es im niedrigerem Maße auch Parallelen zwischen Nonnen- und Hexenjägerfilmen gibt)... bisweilen vermischen sich diese Subgenres auch, etwa in Jess Francos „Frauengefängnis" (in dem von Erwin C. Dietrich produziertem Film liest die Aufseherin immerhin begierig ein französisches Buch über das dritte Reich) oder Joe D'Amatos „Frauengefängnis 3". Erwähnenswert wäre noch die Verbindung zum Blaxploitationfilm in „Black Gestapo".
Wie die Nonnenfilme auch endete die Reihe der Nazilagerfilme gegen Ende der 70er Jahre... wenn Nazismus noch exploitativ im Film auftauchte, dann meist eher in der Mad Scientist Variante und in der Regel ohne die Lager- und Sexelemente. Ob Rob Zombies Fake-Trailer, der beide Varianten (ähnlich wie „bestia in calore") vereint, eine neue Welle von Naziexploitationfilmen einleiten kann ist fraglich. Zumindest hat er bei einigen bereits zu einer Neuentdeckung eines der schmudelligsten Subgenres überhaupt geführt.
4/10