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In Zeiten, in denen der deutsche Titel meistens lieblos einfach übersetzt wird („Derailed“ - „Entgleist“), mit unnützen Untertiteln versehen wird („The Descent – Abgrund des Grauens“), nur wenige Ausnahmen einen guten Titel spendiert bekommen („Jungfrau (40), männlich sucht…“) und katastrophale Übersetzungen wie „Man on Fire“ - „Mann unter Feuer“ hoffentlich eine geringe Ausnahme bilden, ist es doch vielleicht mal an der Zeit, die Zuschauer selbst zu fragen, welchen Titel sie denn für passend erachten. Und so soll es nun also auch bei „The world’s fastest Indian“ sein. Der startet eigentlich erst im Oktober, hat bisher keinen deutschen Titel und wird jetzt gesneakt, damit die Zuschauer ihre Vorschläge dem Verleih schicken, auf dass er sich den besten aussucht. Ich habe bisher keinen gefunden, wenn wir aber im Oktober einen Film namens „Die schnellste Indian der Welt“ sehen, hätte ich meine kreativen Zellen ruhig ruhen lassen sollen…
Nachtrag: Hätten wir ihn doch lieber eingedeutscht, denn jetzt ist der deutsche Titel raus - "Mit Herz und Hand". Wenn dieser das Ergebnis einer solch aufwendigen Suche ist, dann hat sie sich wohl nicht gelohnt. Wo der Bezug zum Film ist, ist ungeklärt, warum der Originaltitel nicht einfach übernommen wurde (egal ob auf deutsch oder englisch) ebenfalls und warum der deutsche Titel so kitschig sein musste auch. Kurzum ein kompletter Fehlgriff bei der Wahl des Titels, der die Frage aufkommen lässt, ob so wenige Leute an den Titelvorschlägen teilnahmen. Allerdings mindert die unglückliche Wahl keinesfalls die Qualität des Films.

Der Film beschäftigt sich mit einem Teil des Lebens von Burt Munro, verkörpert von Anthony Hopkins („Meet Joe Black“, „The Silence of the Lambs“). Dieser lebt für einen Traum, seinen Traum, seine „Indian“ - ein altes Motorrad aus den zwanziger Jahren, das selbst in den frühen 60ern keinen Blumentopf mehr gewinnen kann. Doch Burt frisiert gerne rum, auch wenn seine Methoden alles andere als viel versprechend aussehen, weshalb seine Indian noch lange nicht den Geist aufgegeben hat. So schneidet er zum Beispiel das Profil seiner Reifen mit einem Tranchiermesser ab, damit es zum „Hochgeschwindigkeitsreifen“ wird. Selbst ich, der in Sachen Tunen und Technik überhaupt keine Ahnung hat, kann sagen, dass das sicherlich nicht die üblichen Methoden sind. Allerdings fährt Burt mit diesen im wahrsten Sinne des Wortes hervorragend, weswegen seine Indian auch die schnellste der Welt sein dürfte. Und um dieser das auch zu beweisen, würde er gerne die Höchstgeschwindigkeit feststellen lassen. In den „Bonneville Salt Flats“, einer wüstenähnlichen, komplett ebenen Landschaft, in Utah findet jedes Jahr solch ein Ereignis statt, da sich für diesen Test bestens eignet - die „Bonneville Speed Week“. Eine Woche lang treten viele Tuningfreaks hier an, um einen neuen Weltrekord aufzustellen. Und auch Burt würde schon sein Leben lang gerne dabei sein.
Problem 1 dabei: er wohnt in dem kleinen Kaff Invercargill in Neuseeland, am anderen Ende der Welt also
Problem 2: er hat nicht genug Geld, obwohl er schon Jahre lang spart
Problem 3: er leidet an Arteriosklerose und sollte das Motorradfahren besser ganz aufgeben
Erst als er von Problem Nummer 3 unverhofft erfährt, nimmt er einen Kredit auf und macht sich auf eine Odyssee nach Amerika und später durch Amerika, immer das Ziel, die „Speed Week“, vor Augen.

„The world’s fastest Indian“ ist die Biographie eines Mannes, Burt Munro, der mir persönlich bis vor kurzem kein Begriff war. Ich wusste nicht, dass er nach wie vor, seit nunmehr fast 40 Jahren, einen Weltgeschwindigkeitsrekord mit knapp 190mph hält, den er 1967 auf dieser „Salzebene“ aufstellte, zu der auch Hopkins unterwegs ist. Allerdings bekommen wir auch nach zwei Stunden nicht diesen Geschwindigkeitsrekord präsentiert. Vielmehr geht es hier um Burts ersten Ausflug nach Utah im Jahre 1962. Dass er es letztlich schaffen wird, ist von vornherein klar, egal ob man den Motorradfreak im Original kennt oder nicht, auch wenn der Film hier ein wenig dicker aufträgt, als es denn in Wirklichkeit war.
Burt will nur einmal in seinem Leben erleben, wie er auf seinem Motorrad sitzt, die Landschaft an ihm vorbei rauscht und die Tachoanzeige die 200mph hinter sich lässt. In Wirklichkeit waren es beim ersten Rekord zwar nur knapp 179mph, aber wen stört das schon großartig. Vielmehr vergnügt man sich hier zwei Stunden lang mit Anthony Hopkins, der auf seinem abenteuerlichen Ausflug so viele Leute kennen lernt, dass einem unter Garantie nicht langweilig werden kann – auch wenn die Laufzeit da vielleicht im Voraus einiges an Bedenken aufkommen lassen kann. Doch die knapp 120 Minuten sind schneller vorbei, als man sich anfangs denken mag, auch wenn der Film Burt dann schlussendlich ein wenig zu viele Stolpersteinchen in den Weg legt und er so auch durchaus 10 Minuten kürzer hätte ausfallen können.

Das Leben des Burt Munro beginnt schon früh morgens, sehr zum Verdruss der Nachbarn, wenn er das erste Mal sein Motorrad testet. Tag für Tag schraubt und werkelt er an seiner Indian. Bis nach Utah sind noch einige Hindernisse zu überwältigen, da ihm einfach das Geld fehlt. Erst als es für ihn und seine Krankheit keine Chance mehr gibt, will er seinen Traum verwirklichen und scheut dabei keine Kosten – von nun an zählt für ihn nur noch das einmalige Austesten seiner Weggefährtin.
Und was in dieser steckt, zeigt sich schon ganz zu Anfang, als er an einem Strand ein Wettrennen gegen eine rivalisierende Motorradgang fährt und sie dabei locker hinter sich lässt, bis er in der Kurve stürzt und das Rennen für ihn gelaufen ist.

Das schöne und fast schon tragische dabei ist, dass er alles einfach wegsteckt, dabei lacht, den Schmerz versucht zu unterdrücken und einfach weiterlebt. Immer wieder nimmt er sein Leben mit einer Leichtigkeit, einer Selbstironie, wie es nur wenige Leute schaffen würden und wenn der echte Burt so ein Mensch war, hätte man ihn dazu nur beglückwünschen können. Denn Anthony Hopkins reiht sich mit seiner Darsteller in eine Gruppe mit Tom Hanks und dessen Rolle des Viktor Navorski aus „The Terminal“ als eine der sympathischsten Filmfiguren ein. Es schwingt immer eine gewisse Portion Sarkasmus mit, aber er meint es sicher nie böse, lacht auch darüber und versteht sich mit allem und jedem – auch wenn sie zunächst noch recht unfreundlich auftreten. Schlussendlich kommt er mit allen klar, was sicher auf seine Art zurückzuführen ist.

Diese ist nämlich etwas tollpatschig, gerade wenn er von seinem kleinen, neuseeländischen Kaff ins große Amerika mit all seinen Leuchtreklamen, schnellen Autos und hohen Preisen kommt, begeisternd, gerade für sein Motorrad, von dem er auch grundsätzlich jedem zu allererst erzählt, und leicht extravagant, speziell hinsichtlich seines Rasenmähstils.

Das fängt schon bei seinen Nachbarn an, die ihn nicht besonders mögen oder zu ihm halten – vielleicht kennen sie ihn und seine Art schon zu lange, weshalb nur der kleine Nachbarsjunge Jim (Aaron Murphy, „Rain“) zu ihm hält, ihm beim Basteln hilft und an ihn glaubt. Aber selbst als dieser ihm mitteilt, dass keiner aus der Nachbarschaft an ihn glaubt, kommentiert Burt das wie immer nur trocken und leichtfüßig – mit dem typischen Lachen auf den Lippen.
Während seiner Reise begegnet er aber noch anderen, teils skurillen Charakteren, wie z.B. der Transsexuellen Tina (Chris Williams; „Dodgeball“), die ihm auch nicht immer von vornherein wohlgesonnen sind. Doch selbst wenn man als Zuschauer denkt, dass hier der Weg des Burt Munro zu Ende und der Traum ausgeträumt sind, kann er seine Mitmenschen durch seine Art überzeugen, ihnen die Umstände erklären und sie von seinem Vorhaben begeistern. Da stört es die Polizei nicht, wenn er verbotenerweise am Straßenrand parkt, da sie schnell bekehrt sind oder wenn er am Flughafenempfang seine unglaubliche Geschichte auftischt, woraufhin er dem Sicherheitschef erstmal erzählen darf, wer er eigentlich ist, bis sich einer des Personals wieder an ihn und einen Zeitungsartikel erinnert. So kann er im Laufe der Geschichte so viele Menschen kennen lernen, von denen ihm keiner Böses will. Hier gibt es keinen Gegenpol zu Burt selbst – keinen klassischen Bösewicht, der ihm irgendwie schaden will, keiner, von dem eine Gefahr ausgehen könnte, keiner, der gegen ihn arbeitet – nur viele, die für ihn arbeiten.

So leidet man auch mit ihm mit, fühlt seine Tiefschläge, die glücklicherweise nur von kurzer Dauer sind, wenn beispielsweise sein sorgsam in einer Kiste verpacktes Motorrad beim Zoll abgeholt werden muss, der Beamte ins Hinterzimmer geht und sagt „Herr Munro ist da – wegen der beschädigten Fracht.“ Ein Schock für den Zuschauer, genauso wie für Burt, der nicht oft von seinem Vorhaben abzubringen ist, aber hier in einer der wenigen Szenen das Motorrad von der Strecke abkommen sieht. Aber auch hier spielt ihm das Glück wieder zu – nichts ist passiert, woraufhin es erst richtig auf die Fahrt quer durch die USA geht. Wen er alles kennen lernt, kann man gar nicht beschreiben, aber was zermahlene Hundehoden und ein Baumstamm noch für ihn tun können, sollte man selbst erleben.

Getragen wird der Film, natürlich, von Anthony Hopkins. Auf Grund der ständig wechselnden, abwechslungsreichen Charaktere ist er der einzige, den man länger als einen kleinen Abschnitt im Film sieht, was aber bei der Klasse eines Hopkins nicht weiter störend ins Gewicht fällt.
Daneben reiht sich ein Nebencharakter an den anderen, alle von Grund auf verschieden, dabei aber immer „pro-Burt“ eingestellt, weswegen der Film schon einen Ansatz von Episodencharakter hat. Von einem Ort geht es zum nächsten, jeweils nur unterbrochen von auftauchenden Problemen, die dann mit hilfsbereiten Fremden, und später Freunden, gelöst werden.

Dass man darin natürlich auch eine gewisse Message findet, wäre weniger schlimm, wenn sie nicht so derart mit dem Vorschlaghammer käme: lebe deinen Traum, glaube dran und nutze deine Chancen. Bei Burt klappt es letztendlich ohne irgendwelche Probleme. Aber ob das wirklich so einfach ist, interessiert einen vielleicht bei einer Nachsinnierung, aber während des Films ganz sicher nicht. Dafür bleibt einem nämlich kaum Zeit, stolpert Burt doch von einer Situation in die nächste, auch wenn das Erzähltempo bisweilen gemächlich ausfällt. Action wird einem hier sowieso bestenfalls bei den Testfahrten und der abschließenden Rekordjagd präsentiert, dafür fiebert man dabei aber richtig mit.

Ein Film über einen Mann, der seinen Traum auslebte. Wie der echte Burt war, weiß man, gerade nach Filmbiopics, nicht unbedingt, aber sollte er wirklich so, wie Anthony Hopkins ihn darstellt, gewesen sein, hätte ich ihn gerne gekannt. Mit seiner ganzen Art zieht er alle Leute in seiner Umgebung in seinen Bann und wirklich jeder in dem Film wünscht ihm zum Schluss „viel Glück“. Wo Terrence Howard in „Hustle & Flow“ Rapper werden wollte, will Anthony Hopkins nun hier der Mann auf der schnellsten Indian werden. So sympathisch und lustig war lange kein Charakter und seine Vorstellungen der Welt hörten einstig nach der von Invercargill auf. Als er dann in die große, bunte Welt der USA spaziert, im stolzen Alter von 63 Jahren, stehen Missverständnisse an der Tagesordnung.
Immer wieder neue Situationen stellen sich ihm in den Weg, der Zuschauer verfolgt das gespannt zwei Stunden lang, obwohl das Ende von vornherein zementiert ist.
Wie schon jüngst Bill Murray in „Broken Flowers“ macht Anthony Hopkins eine ungewöhnliche Reise durch die USA, wenngleich ihr Hintergrund ein völlig anderer ist. Aber genauso wie der alte Mimikspezialist ist Hopkins’ Reise ebenso unterhaltsam. Großes, sympathisches Kino aus Neuseeland und ein weiterer Beweis dafür, dass dort nicht nur Peter Jackson gute Filme dreht…

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