"Mord auf Seite Eins", der dt Titel dieser Mini-Serie hört sich schon mal recht reisserisch um nicht zu sagen billig an. Trotzdem habe ich mir die sechs Episoden zu Gemüte geführt, was hauptsächlich daran lag, daß es sich um eine Serie der BBC handelt, die ja bekanntermassen für qualitativ hochwertige TV-Ware bekannt ist.
Die Story beginnt mit der Ermordung eines schwarzen Kleinkriminellen und dem Mordversuch an einem zufällig vorbeifahrenden Motorrad-Kurier.
Ungefähr zeitgleich stirbt eine Mitarbeiterin des Parlamentsabgeordneten Stephen Collins (David Morrissey) in der Londoner U-Bahn. Der vermeintliche Selbstmord der Assistentin Sonia läßt sehr schnell die Presse in Form der Reporter Cal (John Simms) und Della (Kelly MacDonald) auf den Plan treten, die der Selbstmord-Story nicht glauben.
Nach einiger Zeit der Recherche tut sich plötzlich eine Verbindung zwischen der Ermordung der jungen Schwarzen und dem Tod von Sonia auf.
Wie immer sei gesagt, daß ich hier storytechnisch nichts weiter verrate! Soviel sei aber gesagt. Die Entwicklung der Handlung ist trotz einiger kleiner Vorhersehbarkeiten hervorragend und fast bis zur letzten Minute (vor allem für TV-Verhältnisse) extrem
spannend geraten!!
Das Feld der politischen Thriller, das in den 70er Jahren mit Highlights wie "Die Unbestechlichen" eine gewisse Blütezeit hatte, liegt schon seit geraumer Zeit ziemlich brach. Umso mehr freut man sich als noch nicht ganz verblödeter, mit dem Programm der dt. TV-Anstalten geistig absolut unterforderter, TV-Zuschauer auf intelligente und wirklich spannende Stoffe wie diesen, den Drehbuchautor Paul Abbott nahezu perfekt geschrieben hat.
Natürlich besteht die Handlung aus gewissen für dieses Genre bekannten Versatzstücken, die jeder schon mal irgendwo gesehen hat, aber schon lange gelang es nicht mehr diese so spannend und gut strukturiert filmisch zu verarbeiten. Ganz selten kommt es hier zu storytechnischem Leerlauf und meistens wird die Handlung und damit natürlich auch die Spannung nahezu perfekt vorangetrieben. Nur die zu großzügig bemessene Screen-Time des Informanten Dominic und sein etwas nerviges Gerede bremsen den Handlungsablauf etwas.
Unterstützt wird das gute Drehbuch durch eine Regie, die sich ganz selten auf vordergründige und plakative Szenen einläßt und ansonsten der ganzen Serie einen sehr realistischen Look, gepaart mit einem guten Timing für das Voranschreiten der Handlung, gönnt.
Schauspielerisch werden hier keine großen Stars geboten, eigentlich sind es aus meiner Sicht bis auf Bill Nighy, der den Chefredakteur der Zeitung spielt alles ziemliche Nobodies, von denen aber keiner, ausser dem, des bereits erwähnten Dominic, aus dem Rahmen fällt.
Vor kurzem sah ich bereits die ebenfalls von der BBC produzierte Mini-Serie "Die Schattenmacht", die ebenfalls die Politik als Aufhänger für eine recht gelungene Serie bot, aber deutlich auf höherer (politischer) Ebene angesiedelt war und dadurch auch etwas abgehobener bzw. realitätsferner wirkte.
Gerade auch aus dem quasi direkten Vergleich heraus ist "Mord auf Seite Eins" handlungs- und spannungsmäßig weitaus besser geraten.
Wenn es neben der bereits angerissenen kleinen Schwächen noch etwas zu bemängeln gibt, dann vielleicht die dt. Synchronisation. Und zwar in Form derer von Della und Dominic.
Dellas Stimme und Betonung passt teilweise überhaupt nicht zur Figur und das permanente "Nee" von Dominic ist mit der Zeit ziemlich nervig und unpassend.
In Sachen Della kann ich mir das noch mit einem möglicherweise im Original vorhandenen schottischen Akzent erklären, zu Dominic fällt mir aber rein gar keine vernünftige Erklärung ein.
Fazit: Für alle, die spannende Polit-Thriller/Dramen mögen ein echtes Muß!! Ich persönlich habe schon lange nichts derartig spannendes im TV gesehen.
Bisher lief die Serie leider nur auf Arte und damit auch mal wieder als absolutes Qualitäts-Produkt an der Masse der Zuschauer vorbei, was wirklich schade ist!
Leider scheint in einem Land, in dem die Menschen sich Mist wie "Big Brother", "GZSZ", "DSDS" und "was-weiß-ich-noch-was-hauptsache-mein-iq-von-35-liegt-über-dem-der-zielgruppe" in Massen ansehen, wirkliche Qualität jedoch wie Lepra zu wirken. Getreu dem Motto "Finger weg, bevor mein Gehirn zu arbeiten anfängt und ich daran sterbe!!"