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Niki Caro, der sich durch „Whale Rider“ die Türen der US-Filmindustrie öffneten, zerrt mit „Kaltes Land“ ein sperriges Stück Film auf die Leinwand, das sich mit dem Thema der sexuellen Belästigung am Arbeitsplatz beschäftigt. Wieder einmal wird für eine unbequeme Story das berühmte ‚beruht auf einer wahren Geschichte’ bemüht. Anders scheint es in Hollywald jenseits des Popcornkinos wohl nicht zu gehen.

Passend zum Titel und Grundtenor des Films wird hier in kühlen, grauen Bildern das Schicksal von Josey Aimes erzählt, die sich erst am Arbeitsplatz von den männlichen Kollegen terrorisieren lassen muss und dann auch noch jahrelang vor Gericht fertig gemacht wird. Es verwundert doch sehr, dass das reale Verfahren erst Ende der 90er Jahre zum Abschluss kam, denn während des Films wähnt man sich durch die Geschehnisse irgendwann Anno Siebzehnhundertvierundeinpaarzerbombte und bestimmt nicht Mitten in den doch schon recht aufgeklärten 80ern. Die Regeln unserer modernen Gesellschaft scheinen noch nicht bis in jeden Winkel der USA vorgedrungen zu sein – jedenfalls nicht bis in diesen Landstrich in Minnesota.

In der Rolle der Josey Aimes ist eine trotzig-stoische Charlize Theron zu sehen, die sich allmählich in White Trash Gefilden so richtig zu Hause zu fühlen scheint. Einmal mehr verweigert sie der Kamera und dem Zuschauer ihr beachtliches Äusseres und schleicht ungeschminkt in vollendetem C&A-Chic und mit grottigem Haarschnitt durch die Story. Unsere Unterschichten-Barbie muss sich im Verlauf des Dramoletts ein bisschen zuviel vom Schicksal verarschen lassen: Als Teenie vom schmierigen Lehrer vergewaltigt inklusive einer daraus resultierenden Schwangerschaft, vom hartherzigen Vater wegen der ‚Schande’ des unehelichen Kindes abgelehnt, von der resignierten Mutter grösstenteils im Stich gelassen, eine miese Ehe mit einem Schläger bis hin zu den unwürdigen Zuständen am Arbeitsplatz. Alles zusammen wirkt reichlich dick aufgetragen und ich möchte einfach mal bezweifeln, dass das alles auch auf dem Konto des realen Vorbilds zu finden ist.

Während die Drehbuchschreiber über dem harten Schicksal von Josey brüteten, haben sie offensichtlich vergessen die beteiligten Figuren und die restliche Handlung mit genügend Sorgfalt zu bedenken. Frau Theron strampelt sich als verschüchtertes Opfer ab, dem man die Anflüge von Emanzipation und Selbstbestimmung nicht so recht abnehmen mag, weil sie sich in regelmässigen Abständen mit dem Hintern das wieder einreisst, was sie vorne mühevoll aufgebaut hat. Die restlichen Figuren wirken wie vom Reissbrett und verwirren den Zuschauer mit unglaubwürdigen Motivationen oder unnachvollziehbar plötzlichen Charakterwandlungen. Vor allem die Männer kommen denkbar schlecht weg: Entweder haben wir es mit skrupellosen Neandertalern oder mit lenorgespülten Frauenverstehern zu schaffen. (Wobei die letztere Spezies fast noch gruseliger wirkt, als die schwanzschwingenden Vollidioten)

Ein wahrer Lichtblick in diesem schwarz-weissen Sumpf sind da die herben Auftritte von Frances McDormand und der Urmutter Beimer aller Arbeiter- und Frauenfilme Sissy Spacek. Beide schaffen es aus ihren recht begrenzten Rollen das Maximum heraus zu holen und einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Aber natürlich können die beiden Ladies allein „Kaltes Land“ den Arsch vor der totalen Mittelmässigkeit auch nicht retten.

Als Zuschauer bleibt man mit einem zwiespältigen und unbefriedigten Gefühl zurück. Das Thema ist wichtig, die Vorkommnisse sind empörend und man möchte sich emotional engagieren, aber man kann es kaum. Vielmehr ist man staunender und seltsam unbeteiligter Beobachter von abstrusen Charakteren und ihrem haarsträubenden Verhalten nebst einer Gerichtsverhandlung, wie sie lächerlicher kaum sein kann. „Kaltes Land“ kann man mit ruhigem Gewissen unter ‚verschenke Gelegenheit’ abheften.
4/10

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