Es ist keineswegs besonders lange her, daß es auch in unserer Region noch notwendig war, sich einer Gruppe anzuschließen, um sein Leben oder zumindest sein Hab und Gut zu schützen. Der Einzelne galt nichts, denn er war in der Regel einem zahlenmäßig größeren Gegner jederzeit hoffnungslos ausgeliefert.
Auf Basis dieser Konstellation gibt es eine Vielzahl von Filmen, die die Realität schön umkehren, in dem sie einen überlegenen Kämpfer in ihren Mittelpunkt stellen, der sich ein individuelles einzelgängerisches Leben leisten kann, weil er im Notfall eine halbe Armee alleine auszuschalten in der Lage ist. Diese Filme sind gerade deshalb so befriedigend, weil sie einen archaischen Traum erfüllen - den Traum sich alleine schützen zu können und damit ein Höchstmaß an Freiheit zu erlangen.
Wer glaubt diese Zeiten sind vorbei ,ist im nettesten Fall ein Ignorant. Immer weiter steigende "Mobbingopfer -Zahlen", nicht zuletzt auch bei weiblichen Polizisten und weiblichen Armeeangehörigen mit den dazu gehörigen Auswirkungen sind auch in Deutschland regelmäßig in der Presse nachzulesen .
"Kaltes Land" spielt Ende der 80er Jahre im Norden der USA, in einer amerikanischen Kleinstadt. Der Arbeitgeber für die meisten Menschen dort ist eine große Stahlfabrik und man muß nicht die philosophische Abhandlung über Alexander Mitscherlich's Nachbarschaftsbegriff gelesen haben, um zu verstehen, daß man hier möglichst funktionierendes Mitglied der bürgerlichen Gemeinschaft sein sollte.
Oder findet irgendeiner die Szene unrealistisch ,als der Redneck Peter Fonda in "Easy Rider" vom Motorrad schießt ? - Auch diverse Horrorfilme spielen ja gerne mit der Thematik, wenn sich der Durchschnittsamerikaner mal in eine amerikanische Kleinstadt verirrt....
Und Josey Aimes (Charlize Theron) hat eine Menge gemacht, das nicht gerade zum guten Ton gehört.
Sie wird zum ersten Mal mit 16 schwanger ohne dann zu verraten, wer der Vater ist. Das man durch ein solches Vorgehen im Ort gleich Richtung Schlampe eingeordnet wird, ist da nur eine logische Konsequenz.
Der Film beginnt damit, daß sie ihren Mann verläßt, da dieser sie regelmäßig geschlagen hat, und so steht sie mit Anfang 30 wieder bei ihren Eltern mit zwei Kindern vor der Tür.
Die Eltern sind natürlich nicht begeistert und ihr Vater konfrontiert sie gleich mit der Ansicht, die Prügel hätte sie sich wohl selbst verdient, indem sie ihren Mann betrogen hätte. Kurz, das Verhältnis zum Vater ist schon lange gestört und zeichnet sich vor allen Dingen durch Sprachlosigkeit aus.
Das sie in dieser Situation möglichst schnell alleine in ein Haus ziehen will ist nur verständlich und was bleibt ihr, um das zu erreichen ? - Sie beginnt einen Job in der Stahlfabrik , in der auch ihr Vater arbeitet ,denn nur hier kann man ausreichend Geld dafür verdienen. Unterstützt wird sie dabei von Glory (Frances McDormand), die selbst dort arbeitet und zur Gewerkschaftführung gehört als Vertreterin der weiblichen Mitarbeiterinnen.
In einer Gegend, in der Alles an einem Arbeitgeber hängt, ist keiner besonders glücklich, wenn Frauen einen solchen "Männerjob" machen. Das wird Josey schnell verdeutlicht.
Jetzt neigt man ja gerne dazu, solch ein Schicksal als etwas hollywoodlike überbetont anzusehen.
"Die arme, arme Frau , die schon so viele Schicksalsschläge erleiden mußte, wird jetzt auch noch von ihren männlichen Kollegen gequält"
Komischerweise höre ich solche Ansichten immer nur in Zusammenhang mit sogenannten "Frauenfilmen" - hier wird plötzlich eine besonders strenge Meßlatte angesetzt. In vielen Actionfilmen erleiden die Helden geradezu haarsträubende Schicksale.
Sie werden gequält und beinahe umgebracht, ihre Frauen und Kinder werden getötet - und warum ? - damit sie schön gerechtfertigt ihre zahlreichen Feinde hinterher platt machen können (schon bei Dumas nachzulesen, später z.B. bei Gibson's "Mad Max" anzusehen) ! -
Wird da in der Regel das harte Schicksal des Helden, daß ja immerhin die Selbstjustiz rechtfertigen soll, als übertrieben und unrealistisch gebrandmarkt ?
Unabhängig davon wird Josey's Lebenssituation im Film in ruhiger Form mit wenigen Bildern geschildert, keineswegs übertrieben melodramatisch. Und wer eine frühe Vergewaltigung, eine gescheiterte Ehe mit prügelndem Ehemann und ein gestörtes Verhältnis zu seinem Vater für besonders übertrieben hält, befindet sich eher in einer schönen Scheinwelt. Natürlich ist das ein hartes Schicksal, aber nur daraus entstehen Veränderungen und eine gewisse angemessene Dramatik ist Grundlage beinahe jeden Filmes.
Viel bedrückender als diese Vorgeschichte ist die ständige Gefahr, in der sich Josey befindet. Da sie mit ihrer Arbeit nicht dem erwarteten Rollenklischee in der Kleinstadt entspricht und dadurch nicht den Schutz einer Gruppe genießt, ist sie ständigen Anfeindungen ausgesetzt. Das klassische Prinzip, daß das wahr ist, was die Mehrheit vertritt, gibt ihr als Einzelgängerin keine Chance sich zu verteidigen. Niemand glaubt ihr und diese Ausgeliefertheit, der sie auch in alltäglichsten Situationen ausgesetzt ist - von ihrem Arbeitsplatz ganz zu schweigen - ist im Film ständig gegenwärtig....
Den Film dabei ausschließlich auf "Sexuelle Belästigung der Frauen am Arbeitplatz " zu reduzieren ,halte ich für unzureichend.
Das zeigt sich gerade auch in der Rolle der Männer, die keineswegs schwarz-weiß gezeichnet werden.
Natürlich kommen die meisten nicht gut davon, da sie ewig die gleichen frauenfeindlichen und reaktionären Sprüche von sich geben. Aber das heißt noch lange nicht, daß sie auch so denken. Sie unterliegen den selben Gruppenregeln und wagen es nicht auszubrechen. Auch sie sind abhängig von ihrem Arbeitplatz und dem Ansehen und der Zugehörigkeit in der Gruppe, selbst Josie's Vater macht da sehr lange keine Ausnahme.
Besonders an der Person ihres ehemaligen Klassenkameraden (Jeremy Renner) ist das sehr gut zu erkennen .
Er war als Jugendlicher mit Josey befreundet, hat sie aber nicht vor der Vergewaltigung durch ihren Lehrer geschützt, obwohl er damals in sie verliebt war und ihr hätte helfen können.
Wer glaubt, sein übertrieben frauenfeindliches und übergriffiges Verhalten, gepaart mit besonders männlichem Gestus (z.B. mit seiner Brandrede vor den Gewerkschaftskumpels), erspringt aus einer selbstbewußten nur eben etwas konservativen Psyche, hat selbst beim 1x1 für Hobbypsychologen nicht aufgepaßt. Im Gegenteil ,er ist zutiefst verunsichert und überspielt das deshalb besonders übertrieben, er wirkt immer wie unter Strom.
Daß er zum Schluß bei der Gerichtsverhandlung umkippt, provoziert durch Josie's Anwalt (Woody Harrelson), ist absolut nachvollziehbar.
Ich will nicht behaupten, es handele sich hier um ein absolutes filmisches Meisterwerk, aber immerhin um ein solides Stück Hollywood. Ordentliche Bilder, sauber, schlüssig und spannend erzählt und vor allem sehr gut gespielt mit einer hervorragenden Besetzung bis in die kleineren Nebenrollen. Das Ganze endet zwar mit einer typischen Hollywood-Gerichtsszene und einem Anflug von "Club der Toten Dichter", aber Hollywood gibt uns ja gerne ein Stück Hoffnung mit auf den Heimweg....
Es muß Keiner zum Frauenversteher oder Flachstrahl-Pinkler mutieren, um sich in die Rolle von Josey versetzen zu können. Unterdrückung am Arbeitsplatz ist mehr als ein alltägliches Thema, Abhängigkeiten und Gruppendynamik, der man sich auch unfreiwillig unterordnet, hat jeder schon erlebt, auch wenn das nicht immer diese dramatischen Folgen hat ,wie hier geschildert.
Und dafür lieben wir doch unser Kino, daß es uns solche Dinge etwas plakativer erfahrbar macht, warum nicht auch bei einem "Frauenfilm" ?
Und so lange man noch Charlize Therons ungeschminktes Äußeres oder ähnliches Gegenstand einer Filmkritik ist - wie soll sie denn hier aussehen, Ende der 80er Jahre in einer amerikanischen Stahlkocher-Kleinstadt ? - also, so lange solche Informationen über weibliche Schauspieler in Zusammenhängen mit Filmkritiken an der Tagesordnung sind, sind Filme wie "Kaltes Land" nicht nur wichtig, sondern notwendig (9/10).