Review

Erwin Wagenhofers bereits im TV-Vorfeld promoteter Dokumentarfilm über das profitable Geschäft mit dem Hunger der Welt lässt den Zuschauer im wahrsten Sinne des Wortes mit offenen Mündern im Kinosessel zurück.
Das liegt nicht an den Darstellungen von Großbetrieben der Hühnermasthaltung und dem Weg der Hähnchen von den Plastikkisten bis unters Zellophan der Supermarktverpackung oder den Bildern von kannibalistisch steril ernährten Tomatenstauden in riesigen spanischen Gewächshäusern - nein, der Österreicher lässt einfach die Bilder für sich sprechen und unterstreicht diese selten gezeigten Filmaufnahmen nur mit Worten großer Konzernangehöriger (eine interessante Gegenüberstellung erfahren dabei Mitarbeiter des Saatgutherstellers Pioneer und der Konzernleiter von Nestle, Peter Brabeck).
Die Äußerungen eines politischen Nahrungsmittelbeauftragten und die eines französischen Fischhändlers bringen dabei schockierende Vergleiche ans Licht, wie der Moloch EU zur Fütterung seiner Bürger schreitet und dabei Dinge wie Geschmack und Haltbarkeit günstigen Preisen und hübschen Anblicken untergeordnet werden.
Wagenhofer, verantwortlich für Regie, Schnitt, Produktion und Idee, vermeidet dabei populistische Eigenkomentare wie sie Michael Moore gerne verwendet, nein, der Mann hinter der Doku kommt in "Wee feed the World" weder selbst zu Wort, noch kann man einen BLick auf ihn erhaschen. Diese Tatsache ist nicht etwa österreichischer Schüchternheit anzulasten sondern erwächst vielmehr aus der Gesinnung, den Zuschauer nicht bewußt zu beeinflussen. Dieser soll sich ein Bild machen von dem Thema des Films, indem er sich Gedanken zu den Meinungen und Situationen von rumänischen Bauern, ausgewanderten Afrikanern, Abfallwagenfahrern, Gemüsetransportern und Kutterfischern macht und so seine ganz persönliche Sicht auf die Dinge bekommt.
Manipulation geschieht hier nicht, denn nie war ein Zuschauer in einem Film so sehr auf sich alleine gestellt wie in dieser meisterhaften Dokumentation, die dafür gesorgt hat, dass man beim nächsten Besuch im Supermarkt genauer hinsieht oder sogar vor lauter schlechtem Gewissen mit leeren Händen (und Magen) diesen wieder verlässt und unverrichteter Dinge den nächsten ortsnahen Bauernhof aufsucht, in der Hoffnung, dass hier noch mehr Leute mehr Wert auf den Geschmack der Lebensmittel als auf den Preis legen.
Zwar geht da alleine für die Ernährung das Monatsgehalt drauf aber man hat das ruhige Gewissen, die EU nicht in ihrer Geldmaschinerie unterstützt zu haben, sondern die heimischen Kleinbetriebe zu "füttern".
Wen "We feed the World" nicht davon überzeugt, dass Ernährung nicht mehr nur eine Frage der Gesinnung und keineswegs selbstverständlich ist, dem kann man wahrscheinlich auch noch erzählen, dass man bei Rot an der Ampel nicht hält, weil es alle nicht machen!

Fazit: Nachdenklicher und unbedingt zum Handeln bewegender Film, der einem die Ausweglosigkeit aus der Essensfalle so richtig bewusst macht, aus der man leider so leicht nicht mehr entkommen kann. Botschaft ist "Leute, es geht uns zu gut und wir jammern noch immer!"

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