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"La Sorcière", seinerzeit ein kleiner Achtungserfolg, ist heute längst in Vergessenheit geraten: Regisseur André Michel, ab den 60er Jahren auf TV-Arbeiten (zumeist Literaturverfilmungen) spezialisiert - darunter der Mehrteiler "Les mystères de Paris" (1980) nach Eugene Sues Kolportageklassiker - ist längst kein Begriff mehr und allenfalls Maurice Ronet ("Ascenseur pour l'échafaud" (1958), "Plein Soleil" (1960), "Le Feu Follet" (1963)) und Marina Vlady ("L'Ape regina" (1963), "Campanadas a medianoche" (1965), "2 ou 3 choses que je sais d'elle" (1967)) mögen als kleinere Ikonen des europäischen Kinos der 50er und 60er Jahre - neben der zugrundeliegenden Erzählung Alexander Kuprins - für den einen oder anderen noch Anregung genug sein, sich des etwas vernachlässigten Kleinods anzunehmen.

Der Film gemahnt mit seinen - der Vorlage geschuldeten - schwelgerischen, idyllischen Naturaufnahmen an eine Variation des Phänomens des deutschsprachigen Heimatfilms, der sich darüber hinaus mit der Stilisierung weiblicher Reinheit & Unschuld in der Tradition D. W. Griffiths verquickt, letztlich aber trotz alledem an einer durchaus mehrdeutigen Gesellschaftskritik arbeitet, wenngleich das Resultat freilich eine Spur zu parteiisch, zu klischeebeladen und s/w-malerisch anmutet.
Der Pariser Ingenieur Brulard tritt [Achtung: Spoiler!] in einer abgeschiedenen, dörflichen Gegend in Schweden seine Stelle bei der Baustelle eines Sägewerkes in der Nähe Solleröns an; er löst seinen Vorgänger ab, dessen Beziehung zur Bevölkerung dieser Gegend trotz guter Vorsätze gescheitert ist. Im Gespräch mit dem Pfarrer der Gemeinde kristallisiert sich schnell ein Grund für die Schwierigkeiten heraus, die sich für einen Fremden im Umgang mit den Einheimischen ergeben: der Landstrich ist nie im 20. Jahrhundert angekommen, es herrscht tiefster Aberglauben. An dieser Stelle - wenn es nämlich ein Vertreter des Glaubens ist, der die Vertreter des Aberglaubens kritisiert - kann man schon ahnen, wo die Grenzen dieses Sozialdramas liegen werden. Ein irrationaler Standpunkt wird von einem nicht weniger irrationalen Standpunkt aus kritisiert, welcher bloß das Glück hat, eine stärker verbreitete Basis zu besitzen ohne sich im Wesentlichen zu unterscheiden. Allerdings: dass der Aberglaube letztlich auf dem christlichen Glauben fußt, dass der Angst vor Teufelei mit Holzkreuzen begegnet wird, weicht diesen Kritikpunkt wieder auf, wenngleich die damit vollzogene Trennung zwischen gut und schlecht gelebtem Christentum etwas beliebig bleiben wird.
Brulard sieht sich also mit einer Bevölkerung konfrontiert, die von Geisterfelsen und Waldgeistern spricht - ihm allerdings keine Steine in den Weg legt, wenn er es wagt, den Geisterfelsen zu sprengen. Dadurch dass Brulards Frevel tatsächlich ein dramatisches und zutiefst tragisch endendes Erlebnis nach sich ziehen wird, wird die Kritik des Films letztlich zusätzlich gestört: es steht - wie bereits in der Vorlage - die Möglichkeit offen, dass der Aberglaube der Bevölkerung seine Gründe hat.
Bei seinem ersten Ausflug in die Wälder gerät Brulard in ein gefährliches Sumpfgebiet und nur der Hilfe der alten Maila verdankt er sein Überleben. Maila, von den Einheimischen der Hexerei bezichtigt, erfüllt das Klischee der Hexe nahezu vollständig. Sie beherrscht die Kräuterkunde und lebt mitten im Wald in einer kleinen Holzhütte. Der Wald indes wird in den Nachtszenen schwarzromantisch verklärt: Dürre Halme in kontrastreichen s/w-Bildern wiegen sich im Mondlicht, ein schauriger, sich aufplusternder Uhu schmückt das Geäst eines Baumes, sein Schreien und allerlei Geunke begleiten die Szenerie und die Musik mischt Harfen- und Glöckchenklänge in das langsam aber sicher dramatisch aufspielende Stück. Der Grund für diesen ersten Ausflug liegt in einer schönen jungen Frau: Brulard hat sie verfolgt, weil sie ein Rehkitz aus einem Klemmeisen befreit hat, sie dann aber aus den Augen verloren und sich im Wald verirrt. Bei Maila stellt sich schließlich heraus, dass es sich um deren Enkelin Ina handelt: diese hat nie eine Schule besucht und ihr Leben lang das Wissen und die Erfahrung der naturverbundenen Großmutter erlernt. Auch sie harmoniert vollkommen mit einer Natur, die ihr friedlich gesonnen zu sein scheint: wie die unschuldigen femme fragiles bei Griffith wird die junge Frau (trotz gelegentlicher, trotziger Abwehrhaltungen gegenüber anderen Menschen) zur puren Sanftmut überstilisiert, indem ihr die Zutraulichkeit selbst der scheuesten Tiere des Waldes gilt: Immer wieder liegt ein Rehkitz in ihren Armen, gegen Ende wird es noch - beinahe bedauernd - neben ihrem Leichnam ausharren. Auch die Eichhörnchen in den entlegenen Waldstücken lassen sich von ihr streicheln.
Die Beziehung zu den Einheimischen ist derweil weniger idyllisch: Neugierigem Eindringen in die Gemeinschaft wird mit heftigen, wenngleich harmlos bleibenden Übergriffen der Dörfler begegnet. Nur Brulard reagiert mit Zärtlichkeit auf die schöne Frau - und nur ihm lässt sie (neben allerlei knuffigen Tierchen) ihre Zuneigung zukommen. Erst diese Anflüge einer Beziehung führen zur Ablehnung Brulards durch die Dörfler. Selbst Matti, den der Franzose schnell zum Freund gewinnen konnte, distanziert sich nun (wenngleich mit einem schlechten Gewissen) - und auch der Pastor warnt vor einer Beziehung mit der vermeintlichen Hexe: nicht etwa, weil er nun den Aberglauben der Gemeinde teilt, sondern weil er um dessen Hartnäckigkeit und Intensität weiß.
Doch Brulard lässt sich nicht beirren: Er freundet sich mit Ina an, obwohl (oder weil) die Kommunikationsmöglichkeit sehr eingeschränkt bleibt. Bald führt er sie in die nächste größere Stadt aus, wo Ina in ihrem einfachen Kleid, vollkommen barfüßig (was in den 50ern als etwas anrüchig-unverschämtes Auftreten in der Stadt sogleich missbilligend von allerlei Hausfrauen quittiert wird) ein Fremdkörper bleibt: Ihr erfolgreicher Versuch, die Vögel einer Tierhandlung zu befreien, ist da nicht gerade förderlich. Und auch wenn Brulard bisweilen die Geduld verliert, muss er doch eingestehen, dass er sich verliebt hat. (Ein fader Beigeschmack mag dabei durchaus hochkommen: Dass ein intelligenter, geduldiger Mann eine hübsche, freundliche, sanftmütige und - aus der Perspektive eines zivilisierten Mitteleuropäers betrachtet - strohdoofe Frau liebt und belehrt, bleibt noch dann etwas befremdlich, wenn der Film Inas Naturverbundenheit als hohes Ideal anpreist, dem sich auch Brulard nicht anzupassen weiß: die Beziehung vollkommen unterschiedlicher, aber letztlich doch gleichgestellter Menschen wird in dieser Verfilmung zu einer Beziehung, in welcher der Touch männlicher Erziehung einer hilflosen Frau durchschimmert. Wobei der Film durchaus kein allgemeingültiges Bild weiblicher Naturverbundenheit, Liebe & ausgeprägter Empathiefähigkeit und männlicher Bodenständigkeit & männlichen Intellekts errichtet: die Figur der Chefin Brulards steht solch einer Lesart wieder entgegen.) Auch wenn sich zur Ablehnung durch die Dörfler und zu den Ratschlägen des warnenden Pastors noch die Drohungen der klammheimlich in ihn verliebten Auftraggeberin Brulards, sowie die Weigerung Inas, sich vollständig in die Zivilisation zu begeben, gesellen, gibt Brulard nicht nach. Doch seine Versuche, Ina anzupassen, nehmen ein tragisches Ende: sie besucht den Gottesdienst als dieser beinahe schon zu Ende gegangen ist, erntet böse Blicke und bekommt anschließend vor der Kirche dicke Steine an den Hinterkopf geschmissen, bis sie tödlich getroffen davonwankt um zwischen den Bäumen zu versterben - ein sanftmütiges Reh legt sich hübsch dekorativ neben die Tote ehe der Film schließt... und Brulard sucht seine Geliebte mit verzweifelten Rufen erfolglos in den Wäldern. (Die Zuspitzung selbstgerechter Bigotterie leidet ein wenig am Pathos der auf die Tränendrüse drückenden Inszenierung - und umgekehrt: daraus resultiert ein kleiner Anteil unfreiwilliger Komik.)

Michels Film hat es eilig: dramaturgisch etwas unsauber konzentriert er sich auf das Liebespaar und drängt alle interessanten Nebenfiguren ziemlich an den Rand; der Pfarrer, die Chefin, der Freund Matti, die Großmutter Maila - alle bleiben blass, ihr Einfluss auf das Geschehen bleibt zudem gering. Selbst die Beziehung zwischen den liebenden Hauptfiguren entwickelt sich rasch in zwei, drei Stationen... zwanzig, dreißig Minuten mehr Laufzeit wären hier von Vorteil gewesen.
Diese Eile und Knappheit, die in der (mit ihren mehr oder weniger 100 Seiten auch schon eher kurzen) Erzählung so kaum zu finden ist, geht aber auch auf die zahlreichen Änderungen zurück, mit denen die Vorlage in die damalige Gegenwart und in etwas westlichere Gefilde übertragen worden ist; nicht immer sind diese Änderungen gelungen: wenn aus einem Landpolizeiaufseher, der irgendwo in der Nähe von Polessje gegen Ende des 19. Jahrhunderts auf die Beschwerde eines Gutsbesitzers reagierend (und nicht zuletzt aufgrund einer weit verbreiteten Ablehnung von Außenseitern) zwei Frauen aus ihrer Waldhütte auszuweisen gedenkt, die Chefin eines (französischen) Ingenieurs in Schweden wird, die mitten im 20. Jahrhundert (unter anderem) aus Eifersucht & unerwiderter Liebe zwei Frauen zur Abreise nötigen will, dann schrumpft nicht nur die Glaubwürdigkeit dieser Konstellation zusammen... Darüber hinaus gerät nämlich bei Michel diese Situation auch etwas komplexer (indem aus zwei Parteien plötzlich ein Dreiecksgefüge wird), ohne dass sie jedoch ein höheres Maß an Aufmerksamkeit finden würde als es bei ihrer Entsprechung in Kuprins Erzählung der Fall ist.
Bei Kuprin ist es der adelige Iwan, den es in ein abgeschiedenes Dorf verschlägt. Einzig die Jagd bietet ihm dort einen kurzweiligen Zeitvertreib - wobei auch der Bericht von zwei Hexen in den Wäldern eine fesselnde Wirkung auf ihn ausübt. Auf diese zwei Frauen trifft er schließlich, als er sich bei der Jagd in einem Sumpfgebiet verirrt: zunächst auf eine unwirsche Alte, dann auf deren schöne Enkelin Olessja, die ihn auch wieder aus dem Wald führt. Ist es bei Michel Brulards Freund Matti, so ist es bei Kuprin Iwans Diener Jarmola, der auf die beginnende Beziehung ablehnend reagiert. Bei Kuprin jedoch gibt es kein Verständigungsproblem zwischen Iwan und Olessja, die beide dieselbe Sprache sprechen; und Kuprin schraubt den Fatalismus in der Geschichte drastisch an: Olessja ahnt, wie alles enden wird, sie liest die Zukunft aus den Karten oder führt sie (so ihre Behauptungen, für die Kuprin auch einige Umstände des Handlungsverlaufes sprechen lässt) selbst herbei. Dadurch, dass Iwan den Frauen per Bestechung der Obrigkeit beisteht, als sie vertrieben werden sollen, zieht er sich den Unmut der Bevölkerung zu. Und dann kommt es zur Katastrophe: Olessja besucht auf Iwans Vorschlag die Kirche des Ortes, wird dort nach Ende des Gottesdienstes als Hexe bezichtigt und - als sie die Gemeinde verflucht - derb attackiert und in die Wälder gejagt. Iwan erfährt das erst später, sucht die Hütte der beiden Frauen auf und trifft dort auf die ins Fieber gefallene Olessja und ihre zornige Großmutter. Bei seiner Abreise nimmt Olessja Abschied, als wäre es für immer; ihre Großmutter kündigt ein Unwetter an, das sich bald darauf auch bemerkbar macht und die Felder der Einheimischen verwüstet. Die Bevölkerung schreibt den Sturm Olessjas Fluch zu - und Iwan (selbst mehr oder weniger auf der Flucht vor dem Mob) macht sich auf, die Frauen rechtzeitig zu warnen; er findet jedoch deren Hütte verlassen vor und wird sie nie wieder sehen.

Eine der Änderungen ist in Michels Verfilmung sicherlich zu begrüßen. So lässt er (obwohl er die Hexerei dem Titel zufolge ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt) die Antwort auf die Frage, ob Fatalismus, Hellsichtigkeit & Hexerei nun wirklich gegeben sind, etwas uneindeutiger ausfallen. Schon Kuprin hält sich immer die Hintertür des Zufalls offen - allerdings handelt es sich bei ihm um Zufälle, die ganz besonders unwahrscheinlich anmuten. Michel mildert diese Aspekte ab - ohne jedoch die Möglichkeit des Übernatürlichen zu verneinen - und betont stattdessen den Wahn der Menschen, der auch bei Kuprin schon unübersehbar das Thema bildet. Der Pastor wird im Film mehrfach auf diesen Wahn der Menschen hinweisen und ist insofern eine etwas flache, aber durchaus konsequente Ergänzung zum Figurenarsenal der Vorlage; dass mit dieser Figur jedoch bloß ein Aberglaube gegen einen anderen (gegen den konsensfähigeren Glauben nämlich) eingetauscht wird, mag enttäuschen, ist aber in Ansätzen durchaus der Vorlage geschuldet - auch wenn die Kirche dort noch eine Spur schlechter gezeichnet wird.
Enttäuschen muss dagegen die Konzeption der weiblichen Hauptfigur: Marina Vlady spielt zweifelsohne großartig (und war wohl der wichtigste Grund für den Erfolg des Films), allerdings haben die Drehbuchautoren den Reiz der Figur empfindlich beschnitten. Aus Olessja, der selbstbewussten und durchaus nicht dummen, naturverbundenen Schönheit, die dem Erzähler der Geschichte das Gefühl tiefer Liebe lehrt und zu großen Opfern bereit ist, wird bei Michel die "blonde Hexe", "das Mädchen aus dem Wald" (so die dt. Titel, die zwar nicht dem Originaltitel, aber durchaus dem Film gerecht werden) namens Ina: sie lacht und gluckst, schmust mit Tieren, kann sich in geradezu kindlicher Freude für hochhackige Schuhe begeistern, kann sich trotzig geben und scheint manchmal etwas schwer von Begriff zu sein. Ideal für einen jeden Mann, der eine Frau begehrt, die im Grunde bloß ein etwas doofer Schoßhund ist - Brulards Interesse an der so anderen Lebensweise steht hier nicht allein für sich, sondern wird mit einem etwas chauvinistischen Begehren vermengt, das in Ina das ideale Objekt der Begierde findet. Es verwundert dann auch nicht mehr, dass Ina hier nicht wie Olessja in der Vorlage weitestgehend spurlos verschwindet (und so ein Ende bereits eingeplant hat), sondern ganz konventionell & melodramatisch vorzeitig verstirbt: hier gibt es keine Frau mehr, die (wenigstens teilweise) zum Verzicht auf die große Liebe bereit ist und die sich bewusst vom geliebten Menschen trennt, sondern hier ist die Frau voll und ganz ein Opfer, zum Scheitern verurteilt.
Diese Wendung ins konventionelle Melodram ist - neben der etwas rastlosen Eile des Films - vermutlich der ärgste Kritikpunkt. Wenn man sich mit diesen Einschränkungen arrangieren kann, bekommt man allerdings poesievolle Bildkompositionen inmitten einer wundervollen Landschaft, sowie eine gut aufgelegte Hauptdarstellerin geliefert. Handwerklich wurde insgesamt sehr souverän gearbeitet und inhaltlich kann der Film - wenngleich er Kuprins Stoff eindeutig unterlegen ist - durchaus noch ein paar interessante Aspekte neben der gutmütigen Botschaft aufweisen. Und mag der Film seine Vorlage noch so melodramatisch verkitscht haben: Dank der Poesie in der Gestaltung und der Schauspielerleistungen ist er - trotz des inzwischen nur noch geringen Bekanntheitsgrades - unter den wenigen Verfilmungen von Kuprins "Olessja" (1898) mit Abstand die bekannteste und erfolgreichste geworden.

7,5/10

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