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Ein mysteriöser Mann, der von sich behauptet, das Gedächtnis verloren zu haben, kommt als Arbeiter in einer Schweinefarm unter – und wird Zeuge seltsamer Vorfälle. Seine Kollegen sind von Beginn an schräg drauf, doch als der Chef der Schweinefarm tot aufgefunden wird, bricht der wahre Wahnsinn aus … Kei Fujiwaras »Ido« ist ein Ausflug in die düstersten Ecken des menschlichen Unterbewusstseins. Die grotesken Gewalt- und Sexszenen werden so manchen abschrecken, wobei die konfuse Story ihr Übriges tun dürfte. Die japanische Regisseurin Fujiwara beschäftigt sich mit Themen wie Cross-Dressing, Voyeurismus, Homosexualität, häusliche Gewalt, Missbrauch und Kannibalismus. »Ido« ist verstörend und will verstörend sein. Allerdings sind die Sexszenen nicht ganz so geschmacklos ausgefallen, wie man es hätte befürchten können. So oder so: Wer dabei bleibt, wird Zeuge eines originellen und atmosphärischen Films, der interessante Dinge zu sagen hat.

Der Look des Streifens ist dreckig und billig, doch die Bildführung hat etwas durchaus Ästhetisches. Die Musik ist klasse: Sie verleiht der Geschichte einen gespenstischen und grüblerischen Ton. Zur Soundkulisse gehört das unablässige Grunzen von Schweinen – ein Hintergrundgeräusch, das einen echt nervös macht. Bemerkenswert ist, dass der Film trotz wirrer Geschichte und eklektischer Symbolik niemals auseinander fällt. Fast ist »Ido« eine Aneinanderreihung von sonderbaren Szenen. Aber eben nicht ganz. Ein Thema zieht sich durch den ganzen Film: Der Mensch als Tier, genauer gesagt als Schwein. Immer wieder werden Figuren vorgeworfen, sich wie Schweine zu verhalten. Einmal ruft ein Junge: „Ich bin kein Schwein!“ Tatsächlich verhalten sich die Charaktere tierisch und triebhaft – unmenschlich, könnte man sagen. Das Schwein als Leitmotiv hat mich an William Goldings »Lord of the Flies« erinnert und an die Aussage, dass man das Biest nicht jagen kann, da es im Menschen selbst wohnt. Eine andere Seite dieses Themas ist die Körperlichkeit des Menschen: Die hauchende Erzählerin vertritt eine radikale Position, wenn sie den Menschen als blosse Fleischmasse bezeichnet. Mit »Ido« scheint Fujiwara eine Visualisierung dieser Fleischlichkeit angestrebt zu haben.

Im Film werden zwei weibliche Figuren von traumatischen Erinnerungen geplagt. Es wird suggeriert, dass es sich um Missbrauchsfälle handelt. Die Arbeiterin Ryo (gespielt von Kei Fujiwara selbst) tickt aufgrund ihrer Vergangenheit schliesslich aus und mutiert zum grässlichen Monster. Ich habe grossen Respekt vor Kunstwerken, die tiefen Schmerz kompromisslos zeigen. Und ich finde, Fujiwara ist hier besonders ehrlich und mutig. Aus all diesen Gründen hat mir »Ido« wahnsinnig gut gefallen. Der Film hat mich positiv überrascht. Es dürfte jedoch klar geworden sein, dass »Ido« keine Wohlfühl-Fahrt ist. Wer weder mit Underground-Horror, noch mit Arthouse-Filmen etwas anfangen kann, macht besser einen weiten Bogen um diesen Streifen.

9/10

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