Manchmal ist nichts irreführender als ein Szenenbild oder noch besser: das Plakatmotiv.
Das meistgedruckteste Bild aus James B. Harris Polizeifilm „Cop“ ist das von James Woods, wie er mit entschlossener Miene eine schwere Schrotflinte in der Hand hält.
Das würde einen Gewaltreißer ankündigen (die 80er passen ja dazu), wäre James Woods nicht einer der Schauspieler, die ohne darstellerische und charakterliche Basis nie eine Rolle annehmen würden.
So ist Harris‘ Film dann auch vieles, aber kein Reißer.
Er fängt als reines Polizistenportrait mit einem brutalen Frauenmord (mit Folter offenbar) an, dessen Arbeit das Privatleben belastet, bewegt sich dann in Richtung eines Psychogramms, um schließlich in einer Fanatismusspirale zu enden (oder eben nicht).
Woods spielt, wie immer mit beeindruckender Energie den Vollblutbullen Lloyd Hopkins, der ganz in seinem Beruf aufgeht, sich auf seine Nase und seinen Instinkt verläßt und deshalb auch noch nicht sonderlich weit in der Hierarchie gekommen ist, denn wie wir im Verlauf lernen müssen, sind die höheren Chargen des Polizeiapparats im Wesentlichen paragraphentreuen Sesselpupern mit Reinheitskomplex vorenthalten, während die unteren Ränge ackern.
Immerhin: Hopkins ist sich für nichts zu schade, aber wenn er Witterung aufgenommen hat, sollte ihm möglichst auch nicht der Chef im Weg stehen. Daß er zwischendurch bei einer Ermittlung in einer unübersichtlichen Situation einen Verdächtigen erschießt und dann mit der anwesenden Nutte abzieht, sagt schon recht viel über moralischen Prinzipien, was Ehe und Familie angeht.
Der moderne Polizist tut, was er muß und bewältigt so Druckabbau und Frustbewältigung – daheim ist die liebe Ehefrau jedoch am Ende ihrer Geduld, auch wenn die Tochter den Vater noch uneingeschränkt liebt.
Wer jetzt zahlreiche Opfer und erweiterte Ermittlungen erwartet, erlebt jedoch eine böse Überraschung. Harris Film folgt nämlich wirklich sorgfältigen Ermittlungen und Hopkins wühlt und buddelt solange, bis er einen Serienkillerfall aus der Angelegenheit macht – der Bluthund, der alles um sich herum vergißt. Doch die Polizeioberen sind an einer Aufbauschung alter Fälle nicht interessiert, Hopkins ist zu wenig systemtreu, zu unbeherrscht und bei seinem Job zu arrogant, gerade wegen seines Talents.
In der Folge kommt es zur kompletten Dekonstruktion seines Lebens: seine Frau verläßt ihn, sein Freund wird befördert und sitzt von nun an zwischen den Stühlen, der Chef hat ihn auf dem Kieker, doch die Besessenheit und Arroganz bleiben. Mit geradezu bemerkenswerter Beharrlichkeit verfolgt der Cop die kleinste Spur und entwickelt aus seinem natürlichen „Arschloch“-Ich (in Verbindung mit ultimativ-konservativer Heterosexualität) eine Menge Charme, um sich in die Buchszene der Feministinnen einzuarbeiten und dort Lesley Anne-Down als Buchhändlerin weichzukochen – tatsächlich beginnt Hopkins für sie etwas zu empfinden.
Schlußendlich jedoch verliert sich das Psychogramm im Nebel der Besessenheiten, das Fazit ist, daß der Beruf, das Talent schlußendlich alles überlagert. Woods erscheint zunehmend manischer, besessener, seine Vorgaben fliegen auf, auch sein seltsames Ermittlungsmanagement, in dessen Folge es zu einem weiteren Todesfall kommt, der nicht hätte passieren müssen, den er aber praktisch herauf provoziert.
Schlußendlich bedeutet hier der Verlust von Waffe und Dienstmarke die Befreiung von allen Beschränkungen; Hopkins wird suspendiert, aber damit ist er endlich frei, einen Mörder zu fangen, den niemand wahrhaben will und zieht die Angelegenheit (und hier kommt wieder das Plakatmotiv ins Spiel) mit gnadenloser Härte durch – der Cop, der keiner mehr ist, besiegt das Böse, ebenso brachial wie es selbst erscheint.
„Der Cop“ ist kein Actionfilm und auch kein Thriller, mehr ein Kriminaldrama mit vielen interessanten psychologischen Aspekten und guten Darstellerleistungen, daß jedoch nicht immer am Kriminalplot kleben bleibt, sondern diesen bisweilen fast aus den Augen verliert. Die komplexe Einbindung Hopkins in sein Umfeld wird leider irgendwann fallengelassen, ja aufgelöst, doch damit gebärt der Film etwas Archaisches, ein Jäger-Beute-Verhältnis, in dem sich die Widersacher schlußendlich annähern, obwohl man den Täter erst in den letzten Minuten das erste Mal hört und sieht.
Das bedingt ein bißchen Geduld, jedoch bekommt man mit Woods Leistung damit etwas geschmacklich Anderes geboten, als die buddycomedy-gefärbten 80er sonst so im offensichtlichen Angebot hatten. (7/10)