Neben "Portret" (1835/1842) ist "Vij" (1835) wohl trotz eines humoristischen Tonfalles Nikolai Gogols unheimlichster Beitrag zur phantastischen Literatur. Während sich durch "Portret" deutlich der Einfluss E. T. A. Hoffmanns zieht, schlagen sich in "Vij" vor allem folkloristische Einflüsse nieder. Gogol vermischt [Achtung: Spoiler!] in "Vij" über die Figur des Aufhuckers Vampirmotive und Hexenglauben zu der Geschichte einer schauerlichen Totenwache: Choma Brut, ein Philosophie-Student, findet mit zwei Freunden auf einer Wanderung Unterschlupf in einem Stall, wo sich ihm in der Nacht eine alte Frau nähert, auf seinen Rücken springt und auf ihm durch die Nacht reitet, bis es ihm gelingt sie zu überrumpeln und mit einem Holzscheit zu verprügeln. Doch als er die unter seinen Schlägen zum Sterben Verurteilte anblickt, ist aus ihr eine schöne junge Frau geworden. Wenig später wird Brut von seinem Rektor auserkoren, Sterbegebete für die im Sterben liegende Tochter eines Gutsherren zu halten, doch diese ist bei seiner Ankunft bereits nicht mehr am Leben, so dass er nun drei Nächte lang die Totenwache halten soll. In der jungen Toten erkennt Brut die Hexe wieder, die auf ihm geritten ist, und erfährt auch von entsprechenden Gerüchten, nach denen die junge Frau als Hexe beschrieben wird - und diese sinnt auch nach ihrem Tode auf Rache, so dass die drei Nächte dem Studenten arg zusetzen: er kann sich zwar mit Gebeten und Kreidekreisen vor ihren Angriffen schützen, aber schon nach der zweiten Nacht ist sein gesamtes Haar ergraut. In der dritten Nacht ruft der Leichnam schließlich den Wij herbei, mit dessen Kraft ganze Scharen an Geistern und Monstren über den Studenten herfallen können, der diese Nacht nicht überlebt.
Wie man es von Gogol gewohnt ist, durchzieht ein derb-rustikaler Humor die Geschichte und gerade die saloppen Äußerungen der Figuren im Angesicht mysteriöser und unheimlicher Vorfälle und Geschichten kontrastieren deutlich mit den beschriebenen Gräueln, was eine auflockernd humoristische Wirkung erzielt. In den drei Nächten jedoch überwiegen die unheimlichen Schilderungen und die spürbare Bedrohung etwas mehr und sorgen für eine wohlig gruselige Atmosphäre.
Auch die Verfilmung von Kropachyov und Yershov (die älteste noch erhaltene, sieht man einmal von Mario Bavas "La maschera del demonio" (1960) ab, welcher jedoch mit Gogols Erzählung kaum noch etwas gemeinsam hat) hält die Waage zwischen ausgelassener Heiterkeit und dichter Gruselatmosphäre, die mitunter viel stärker am russischen Märchenfilm angelehnt ist, als am Gothic Horrorfilm, der sich ab Ende der 50er, Anfang der 60er in Italien, England und den USA etabliert hat. Dennoch gerät der Film teils düster und horribel genug, um sich von den gängigen Märchenfilmen abzusetzen, was aus ihm den ersten russischen Horrorfilm macht - als solcher wird er zumindest vielfach angepriesen.
Zu Beginn ist davon jedoch noch nichts zu spüren: Studenten machen aus einem Ziegenbock ihren Rektor und werden gerügt wegen ihrer derben Späßchen, bei denen Trunkenheit und Obszönität zumeist eine große Rolle spielt. Sie stellen den jungen Frauen der Umgebung nach, tun sich an fremden Gänsen gütlich. Und auch als die Nacht hereinbricht und Brut mit zwei Freunden im Anwesen der alten Greisin unterkommt und vor ihr geritten wird, bleibt die Atmosphäre trotz der unheimlichen Erscheinung der Alten und den düster-abgelegenen (teils gemalten) Kulissen in dunklen Blau- und Grüntönen nicht zuletzt dank der Musikuntermalung weniger unheimlich als vielmehr märchenhaft - neben der äußerst harmonischen Musik ist es auch das Erstaunen Bruts, das ihm für Furcht keinen Raum mehr lässt und damit auch dem Publikum kaum Grund zur Besorgnis liefert.
So baut auch der Film erst eine wahrhaft schauerliche Atmosphäre auf, wenn sich die Handlung auf die drei Nachtwachen bei der Toten konzentriert: haufenweise Spinnenweben, flackernde Kerzen, vorbeihuschende schwarze Katzen und der sich aus seinem Sarg erhebende Leichnam, der wieder und wieder versucht, an Brut in seinem Kreidekreis zu gelangen, erzeugen ein wohliges Gruseln, das zum Ende hin mehr und mehr an Intensität gewinnt. Die zum Ende hin herbeigerufenen Monstren wirken teils zwar recht putzig und nicht allzu horribel, womit der Film durchaus kindgerecht gehalten wird, lassen die Szenen damit aber dennoch nicht gleich ins Komische kippen.
Dass der Film auch in diesen Momenten noch den Einfluss der russischen Märchenfilme durchscheinen lässt, mag womöglich auch auf Drehbuchautor Alexander Ptuschko zurückgehen, der als Regisseur von Filmen wie "Kamennyy tsvetok" (1946), "Ilya Muromets" (1956) und dem - an dem "Kalevala" angelehnten - "Sampo" (1959) durchaus Erfahrung mit wundersamen Begebenheiten und Figuren, die dennoch nicht in erster Linie unheimlich oder bedrohlich wirken, gesammelt hat. Daher verwundert es vielleicht auch nicht, dass der Film stimmungsmäßig auch trotz seinen Wechselns zwischen heiter und schauerlich letztlich einen sehr einheitlichen Gesamteindruck hinterlässt.
Dieser bezaubernd märchenhafte Gruselfilm, von humorvollen Auflockerungen durchzogen, weiß auch auf handwerklicher Ebene durchaus zu überzeugen: abgesehen von ein paar weniger gelungenen Rückprojektionen und einigen allzu plumpen Make-Up-Effekten bei zwei, drei Monstergestalten, gelingt es mit minimalen Mitteln eine stimmige, eigene, kleine Welt im Studio aufzubauen. Besonders dann, wenn sich die Kulissen als leicht durchschaubar erweisen - z. B. der auf einer Drehscheibe vorbeiziehende Hintergrund während des Hexenritts (etwa so schön wie der Epilog in Mario Bavas "I tre volti della paura" (1963)) - entfalten sie ihren wahren Zauber: Kropachyov und Yershov wissen offenbar um den Reiz des Künstlichen.
Irgendwo zwischen Bava, Roger Corman und Terence Fisher einerseits, und Ptuschko und Alexander A. Rou (der kurz zuvor mit "Vechera na khutore bliz Dikanki" (1961) eine eigene, phantastische Gogol-Verfilmung abgeliefert hat) andererseits liegt diese Verfilmung von Gogols Erzählung; und wer die besseren Werke der genannten Personen zu schätzen weiß, ist auch hiermit gut bedient. Der Vorlage wird "Viy" ebenfalls gerecht, insofern ist das Ganze rundum empfehlenswert.
8/10