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„Einander zu lieben bedeutet in Wahrheit: Die beiden sind Feinde. Sie haben Krieg!“

Der letzte der lediglich sieben Spielfilme des italienischen Regisseurs Giorgio Stegani, der in den 1960ern Western und Agentenfilme drehte und zu Beginn der 1970er mit „Ein Sommer voller Zärtlichkeit“ auf Erotik-Dramen umsattelte, ist ein ebensolches: „Anna – Ich war ihm hörig“ aus dem Jahre 1977.

„Die Einsamkeit ist uns allen unerträglich. Männer leiden am meisten darunter. Frauen können sie besser ertragen und das ist eine ihrer Stärken – und eine Schwäche des starken Geschlechts!“

Die blutjunge Studentin Anna (Eleonora Giorgi, „Inferno“) lernt im Park den wesentlich älteren Maler Mark (Bekim Fehmiu, „Schwarzer Sonntag“) kennen. Seine Erfahrenheit und Annas unterwürfige Verliebtheit in ihn nutzt der von seiner feministischen Frau (Laura De Marchi, „Girolimoni - Das Ungeheuer von Rom“) getrennt lebende, zynische Chauvi und Vater der sechsjährigen Cristina (Nicoletta Elmi, „Das Geheimnis der grünen Stecknadel“) aus, indem er sie vor immer neue Herausforderungen stellt, um ihm ihre Zuneigung zu beweisen, bis er sie schließlich gar zur Prostitution überredet. Daraus scheint er eine Befriedigung zu beziehen, die jedoch unersättlich ist. Als Anna sich schließlich allen Widrigkeiten zum Trotz endlich von ihm emanzipiert, setzt ein Umdenken bei Mark ein…

„Es gibt niemanden, den ich liebe. Ich glaube, ich liebe nicht einmal mich selbst.“

Stegani eröffnet seinen Film dabei so harmlos: Anna wandelt über eine Blumenwiese, was vermutlich ihre Unschuld metaphorisch zum Ausdruck bringen soll. Dort jedoch konfrontiert der verbitterte Mark die naive junge Frau mit seinen kruden Thesen zu Liebe und Partnerschaft – und nimmt sie mit zu sich nach Hause. Gegenüber seiner verhassten Frau ist er um keinen sexistischen Spruch verlegen. Er sucht Nachtclubs auf, in denen Nackttänzerinnen die Besucher animieren und holt sich eine Hure vom Strich, jedoch ohne mit ihr Sex zu haben. Anna gegenüber lässt er sich abfällig hinsichtlich allgegenwärtigen Sexwahns aus – und irgendetwas scheint Anna extrem an diesem widersprüchlichen Mann, der scheinbar alles dafür tut, nicht geliebt zu werden, zu faszinieren. Sie unterwirft sich ihm komplett, worauf eine Art Collage symbolträchtiger erotischer Bilder folgt, die in einer freizügigen Sexszene münden. Mark nötigt seine junge Gespielin, Geld von ihm anzunehmen, ihm in der Badewanne die Füße zu küssen und hat sie schließlich so weit manipuliert, dass er sie ohne viel weiteres Zutun zur Prostitution überreden kann.

„Du bist eine seelische Judo-Expertin!“

Als sie gerade einem Freier ihren Dienst erweist, unterbricht er sie. Er schleppt sie zu einer feministischen Diskussionsrunde, an der sie sich beteiligt. Seine Frau hat derweil einen neuen Liebhaber: Sie ist nun mit Viktor liiert und will sich scheiden lassen. Anna gibt unterdessen ihre Büroausbildung auf und hegt Pläne, Stewardess zu werden – ein Indiz für einen sich langsam ausprägenden Freiheitsdrang. Als sie erneut bei Mark landet, hat sie ihre Frisur verändert – sie trägt nun Locken. Eine ausgedehnte, beinahe kitschige Erotikszene zerstört zunächst die Hoffnung auf eine sich von ihren selbstauferlegten Fesseln befreiende Anna. Mark macht ihr unmissverständlich klar, kein Kind von ihr zu wollen, doch Anna will sich in letzter Konsequenz gar für ihn umbringen – wozu ein unpassender Funk-Jazz dudelt.

Anna bleibt am Leben und reist nach Venedig, wo Mark sie ausfindig macht – zunächst sehr zu ihrer Freude. Doch als sie ihm eröffnet, wegen einer Abtreibung dort zu sein, bricht für ihn eine Welt zusammen. Er wusste nicht einmal, dass sie schwanger ist und fühlt sich in keiner Weise mehr an seine eigenen Aussagen gebunden. Darüber entbrennt ein Streit und endlich gibt Anna ihre Hörigkeit auf, entwickelt einen eigenen Kopf. Und plötzlich werden die Rollen vertauscht: Nun ist Mark schrecklich verliebt in Anna und rennt ihr hinterher.

Sie lieben sich, sie hassen sich und es ist alles ganz furchtbar. Nähert man sich „Anna – Ich war ihm hörig“ deskriptiv, offenbart sich eine ungesunde Beziehungskonstellation vor dem Hintergrund der Frauenbewegung. Von seiner Frau, mit deren Feminismus er nichts anfangen kann und sich vermutlich von ihm erniedrigt fühlt, verfällt Mark in eine Art Frauenhass, den er an einem aufgrund jugendlicher Unbedarftheit besonders leichtem Opfer auslebt: der jungen Anna, die etwas in ihm sieht, was möglicherweise einmal da war, nun jedoch unter betonmauerdickem zynischem Kulturpessimismus verborgen liegt. Liebe ist für Mark Krieg und er fährt schwere Geschütze auf. Und solange Anna sich ihm gegenüber unterwürfig verhält, um ihm zu genügen und zu gefallen, erreicht sie das exakte Gegenteil. Erst, als Mark ihr genau dieses Verhalten auch noch vorwirft, wird es Anna zu bunt und endlich entwickelt sie so etwas wie einen eigenen Willen, zumindest die Fähigkeit, Contra zu geben. Ab diesem Moment wird die emotionale Abhängigkeit umgekehrt, denn nun begreift Mark sie als echtes Individuum, mit der Folge, dass er sich in sie verliebt. Ob es tatsächlich spontan aufkeimende Vatergefühle sind, die bei Mark eine Rolle spielen, sei einmal dahingestellt, ist aber nicht auszuschließen. Als Aussage des Films verstehe ich jedoch in erster Linie: Mädels, emanzipiert euch, wenn ihr eine glückliche, gesunde Beziehung auf Augenhöhe möchtet! Dass Anhänger von Sado-Maso-Fetischen hier zumindest zeitweise auch auf ihre Kosten kommen, halte ich indes ebenfalls für möglich.

Dafür geht Stegani nicht immer sonderlich subtil, jedoch auch gewiss nicht plump vor. Insbesondere Eleonora Giorgi setzt er nach allen Regeln der erotischen Kunst in Szene und findet eine ausgewogene Balance aus bitterer, melancholischer und sexuell aufgeladener Atmosphäre, einer interessanten, dramaturgisch ansprechenden Handlung und ästhetischen, prickelnden Softsex-Szenen, garniert mit einigen schwelgerischen Bildern und einer anheimelnden, von Streicher- und Klavierklängen dominierten musikalischen Untermalung Gianni Machettis. „Anna – Ich war ihm hörig“ ist weder Sexploitation in ihrer negativen Konnotation noch schmutziger Sleaze, sondern ein bewusst mit Übertreibungen und Überzeichnungen spielendes Erotik-Drama, in das eine individuelle, natürlich letztlich männliche Sichtweise auf die weibliche Emanzipation auf interessante Weise eingewoben wurde – wenngleich das Verhalten der weiblichen Protagonistin aus heutiger Sicht vermutlich schwer nachvollziehbar erscheint. Schade, dass es Giorgio Steganis letzter Film blieb.

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