Review

Folgendes sollte es wohl ursprünglich werden:
Man nehme einen echten Kriminalfall, in dem ein paar drogenvertickende Jugendliche während eines Konfliktes um Schulden den Bruder eines Schuldners entführten. Dumme Idee, denn obwohl man den minderjährigen Jungen gut behandelte, reichte es bei den Entführern weder zu Weitsicht noch zu Verantwortungsgefühl und noch weniger zu eigenem Denken, was wohl dem Drogenkonsum zuzurechnen war. Am Ende war der Junge tot…

Das klingt eigentlich nach einem interessanten Stoff, den sich Nick Cassavettes da vorgenommen hat. Vielleicht wollte er auch endlich mal von seinem Dramen-Herzschmerz-Image mit leichtem Sülzeinschlag loskommen, möglicherweise hat er es geschafft.

Leider ist das filmische Ergebnis nicht dieser Rechnung entsprechend, um es genauer zu sagen, sie ist sauschlecht.
Da hätten wir zum einen die Tatsache, dass es sich um einen realen Fall handelt. Das erschließt sich dem Zuschauer eigentlich nur durch die Tatsache, dass zu einigen der auftretenden Figuren die Untertitel „Zeuge“ mit fortlaufender Nummer eingeblendet werden.
Abgesehen von der Tatsache, dass diese Vorgehensweise generell schon mal ein Spannungskiller ist, denn sie gibt das Ende des Films dadurch schon vorweg, muß der Zuschauer jetzt also mit einer Mischung Realität und Fikton zurechtkommen.

Aber was für einer…

Der Alltag von Hobbydrogendealern, die sich über die Gangstas und Bitches in Musikvideos lustig machen, und selbst doch Klischees a la „Scarface“ und Konsorten folgen.
Das bedeutet offensichtlich, sich den lieben langen Tag mit folgenden Begrifflichkeiten zu belegen: Alter/Arschloch/Nutte/Fotze/Ficker/Mutterficker/Wichser/Pimmel/Pisser.
Wenn man sich nicht in diesen Anreden übt, säuft man exzessiv, kifft Cheech und Chong bis unter die Bodendielen, knutscht und fummelt mit Mädels (die auch nur saufen und kiffen UND vögeln wollen, wie praktisch), spielt Playstation, flucht, streitet sich, beschimpft sich (und die Eltern, Anverwandten, Vorfahren), flucht wieder, präsentiert halbnackt seine Tattoos, fuchtelt mit Knarren rum oder fordert Freunde (und die armen Arschlöcher die sich dafür halten) zu sexuell erniedrigenden Handlungen auf.

Ja, das ist doch ein hübscher Tagesablauf und weil der eben so eindimensional war, hat ihn Cassavetes auch in epischer Breite auf Film gebannt. Endlose Fluch- und Fäkalkaskaden übertünchen komplett, was an Plotmöglichkeiten hier eventuell vorhanden gewesen wären.
Daß das Leben der Jugendlich in fast jeder Form vergeudet oder redundant war, hat der denkende Mensch schon nach vier Minuten begriffen, leider gibt es hier minimum noch 86 weitere, die sich ausschließlich mit diesem Thema beschäftigen.
Nebenbei solls dann abgründig werden, wenn mal Knarren gezogen werden, oder der Bruder des Entführten (der sich mit jüdischen Schriftzeichen und Hakenkreuzen den Body verziert hat), aber was dabei rauskommt ist nur plakativ, reißerisch und soll dementsprechend schocken.

Dabei wird’s zwischendurch bisweilen unfreiwillig komisch, wenn besagter Bruder Jake, wie ein Durchgeknallter auf der Suche nach dem Täter eine ganze Party zusammenprügelt und schräge Sachen schreit – auch hier nur wegen des Unterhaltungseffektes, der natürlich bei jungen Leute irre gut ankommt. Daß Ben Foster in diesem Quark eine sensationelle Darstellung abliefert, möchte ich aber trotzdem erwähnen.
Leider wird die Figur nach zwei Dritteln des Film einfach fallengelassen, nicht gerade eine erzählerische Glanzleistung.

Entscheiden können sich Drehbuch und Regie sowieso nicht, denn wer hier im Fokus stehen soll, wird nie so recht entschieden. Der Fall des Johnny Truelove (nominell) wird zum Fall Ballenbacher, denn Emile Hirsch (den Chef und Möchtegern-Planer) sieht man über weite Strecken des Films gar nicht, stattdessen darf man Justin Timberlake (als Kumpel Ballenbacher) bewundern (der sich der Rolle im Rahmen des hier gebastelten Schrottes recht ordentlich entledigt) und andere nette Figuren, die für einen schrillen Gag gut sind.
Zwischendurch schauen sinnfrei auch noch Bruce Willis und Sharon Stone (noch sinnfreier im Fatsuit) herein, die dem Film inhaltlich überhaupt nichts hinzufügen.

Das führt zu einem narrativen Niemandsland, der Film plätschert in seiner Vorhersehbarkeit endlos dahin und wird dann plötzlich ernst, als es an die Beseitigung des Entführungsopfers geht – aber das kommt zu spät und hat eigentlich schon den letzten Nerv des Betrachters getötet, da freut man sich praktisch, dass das endlich erledigt wird.

Im Anschluß erhält der Film noch einen unnötigen Wurmfortsatz, der sich dann wieder auf Emile Hirsch konzentriert, ehe man endlich erfährt, wer wie viel bekommen hat und wofür.

Selten habe ich einen so fehlkonstruierten Murks gesehen, für den sich Cassavetes gefallen lassen muß, noch sehr sehr lange im Schatten seines Vaters zu stehen.
Ein Drehbuch, das vorgibt, den bösen Realismus abbilden zu wollen, und dann ein Film, der nur plakative Anmacherbilder zu bieten hat, die genau auf die Zuschauer abzielen, für die der Film eigentlich eine Warnung sein sollten. Das kann man jetzt natürlich für den totalen Realismus halten, allerdings wird die gröhlende Masse selbst diese Absicht eher zweckentfremden.

Was können wir von dieser als Warnung getarnten Anbiederung erwarten?
Daß Kiffer, Ghettofilm- und Gangstafans und Hiphop-Freunde diesen Film wegen seiner dollen Ottos in Sachen Sex und Drogen abfeiern werden (und das Drama vorspulen)?
Auf jeden Fall.

Daß kicherne Mädchen mit leuchtenden Augen den ständig oben ohne Jungs mit ihren coolen Tattoos hinterherschmachten (Timberlake inclusive)?
Selbstmurmelnd.

Daß man hier eine brauchbare Chance auf ein Drama ansatzlos gekillt hat?
Da könnt ihr euch ne fette Tüte drauf stopfen.

Billiger Spaß im Affenhaus – dafür findet sich bestimmt ein Publikum. (1/10)

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