„Notturno" nennt sich ein mehrsätziges Instrumentalstück aus dem 18. oder 19. Jahrhundert, welches nachts im Freien aufgeführt wurde. Die französische Bezeichnung „Nocturne" bezeichnet heute Klavierkompositionen, die einen träumerischen Charakter aufweisen. Im gleichnamigen Film soll ein Teil von Franz Schuberts schwermütiger „Winterreise" (insgesamt 24 Lieder mit Gesang und Klavier) gespielt werden und in Verbindung mit den schweren Themen Liebe und Tod genau diese Stimmung einfangen.
Es geht um ein ungleiches Brüderpaar, hier der depressive Freigeist David (Martin Rapold), welcher sich aufgrund zahlreicher ergebnisloser Fragen nach dem Sinns des Lebens umbringen möchte, dort der fest im Leben stehende Gian (Patrick Rapold), der ahnungslos bei seinem Besuch im Hotel „Waldhaus", Davids Zuhause seit ein paar Wochen, damit konfrontiert wird. Gian hat seine sensible Freundin Valeria (Lisa Potthoff) mitgebracht, welche sich zusehends sehr intensiv und fürsorglich um den resignierenden David kümmert. Doch eines Tages soll diese Beziehung aller Drei zueinander in Frage gestellt werden: sowohl durch Davids Entscheidung für oder gegen das Leben und Valerias Hin- und Hergerissenheit zwischen den beiden Männern...
Felix von Muralt fängt das sich entspinnende Drama auf der Schwelle zur Tragödie mit den unruhigen Aufnahmen einer Handkamera in kargen Schwarz-Weiß-Bildern ein, die nur selten nicht trostlos wirken und so den Gemütszustand des grüblerisch-verzweifelnden, aber auch der Suizidromantik verfallenen David, der Nacht für Nacht nicht schlafen kann, treffend einfängt. Er hört sich die Schallplatten von Schubert an, wobei er innerhalb der für den Zuschauer hörbaren Lieder nie zum hoffnungsvollen „Der Frühlingstraum" (welches sein Vater vor Jahren im Hotel sang) vordringt, sondern mit u.a. „Die Krähe", „Erstarrung", „Einsamkeit" und „Rückblick" bei den vom Titel her potenziell melancholischsten Liedern verharrt. Auch Robert Schumanns Lied „Die alten, bösen Lieder" aus der Sammlung „Dichterliebe" fand in den Film Eingang: Dieses handelt vom Abschluss mit der Vergangenheit. Als Zuschauer von Nocturne muss man sich auf derartigen Schwermut einlassen können, um nicht gänzlich das Interesse an diesem mit Liedkunst und (pseudo-)philosophischen Überlegungen vom Tonband zuweilen künstlerisch prätentiös wirkenden Film zu verlieren.
Die Inszenierung von Riccardo Signorell, der mit Nocturne erst seinen zweiten Film realisierte, zeugt von einem intensiven Stil: Mit vielen Großaufnahmen immer nah dran am Geschehen gelingt es ihm neben seiner Unaufgeregtheit, den Charakteren Tiefe zu geben und den Zuschauer ansatzweise den Blick in deren Inneres zu ermöglichen. Das kleine Budget ist dabei kein Hindernis, eine dramatische „Ménage à trois"-Geschichte zu entwickeln, die zwar am Ende eine Entscheidung trifft, allerdings alle anderen in ein offenes Ende münden lässt. David übt auf die wankemütige Valeria eine seltsame Faszination aus, was Ausgangspunkt von Liebeswirrungen an der Grenze zum Selbstmord, allerdings weitgehend nur schwer nachvollziehbar ist. Dramaturgisch durch sehr viele Dialoge und lange Einstellungen mit Schwächen behaftet, wird das Tempo vermieden, welches notwendig gewesen wäre, von dem Eindruck der Substanzlosigkeit des Inhalts abzulenken.
Allerdings wird der Plot von dem Darsteller-Trio solide getragen. Sie geben sich auch bei den intensiven Szenen keine Blöße und agieren meist realistisch. Und dieser Anspruch des Realismus, der irgendwie an den Dogma 95-Filmstil erinnert, macht Nocturne zu einem sehenswerten Film, der auch in der zunächst unglücklich erscheinenden Wechselwirkung mit den vielen (manchmal überfrachtet wirkenden) Liedern des 19. Jahrhunderts von Schumann und - vor allem - Schubert bestehen, wenn auch nicht immer überzeugen kann (6/10).