Welch eine Perle des phantastischen Films!
Schon die Anfangssequenz hat es in sich: Eine Leichenprozession, das Wetter passt dazu, alles in Grau- und Schwarztönen, eine dunkle Gestalt erscheint über den zerfallen(d)en Mauern des Friedhofes, mürrisch dreinblickend ergreift sie zunächst das Weihwasser, dann bittet sie um den Spaten - und rammt ihn in den geschlossenen Sarg. Das Holz birst, ein Schrei ertönt, Blut quillt aus dem Sarg!
Es folgt eine herrliche Überblendung auf das Gesicht der Vampirin mit ihren Fangzähnchen - und dann auf ein Vehikel Baujahr etwa 1910, das da bei herrlichem Sonnenschein durch einen geharkten Wald tuckert. Wie geht es weiter? Natürlich geht das Benzin aus! Und nun finde mal um 1910 irgendwo im tiefsten Oberbayern eine Tankstelle! Der Mann geht los und bittet seine holde Angetraute (die wirklich zum anbeißen aussieht!), bei dem Auto einsam im Wald zu verweilen. Dies alles geschieht unter den Augen des Obervampirs Dr. Ravna, der die beiden mit einem Fernrohr beobachtet. Bei Tageslicht! Ja, genau! Vampire können sich in diesem Film auch am Tage bewegen, nur sollten sie direktes Sonnenlicht vermeiden.
Professor Zimmer - eine Art Van Helsing - verscheucht einmal zwei Vampire, die das Hochzeitspaar in dem Landgasthof (herrlich "Grand Hotel" betitelt!) besuchen, mit den Worten: "Guten Morgen. Das Wetter hat sich etwas gebessert. Es scheint sich aufzuklären!". Don Sharp arbeitet mit feinem Humor, mit Nuancen. Herrlich das Klavierspiel des jungen Grafen, der Marianne, die junge Braut, betört, die allerdings der Papa schon für sich reserviert hat. Leider wird diese Karte im weiteren Film nicht ausgespielt.
Ein Maskenball ist dann der Höhepunkt des Films: Der naive Bräutigam wird von einem weiblichen Vampir abgefüllt, während seine Braut getäuscht und in das Zimmer des Grafen gelockt wird, wo sie von diesem verführt wird. Frei nach Poe verschwindet dann die Dame und niemand will sie gesehen haben. Auch im Hotel fehlen jegliche Spuren von ihr. Leider wird auch dieser Handlungsstrang nur kurz angerissen.
Zum Schluss wird den Vampiren das Blut ausgesaugt! Nie war ein Angriff von Fledermäusen erotischer! (Die Fledermäuse stehen hier mal nicht im Dienste der Vampire!)
DER KUSS DES VAMPIRS war Don Sharps erster Horrorfilm, er zeigt jedoch ein außerordentlich gutes Gespür für eine feine Gruselatmosphäre und versteht es ausgezeichnet, die Schauspieler zu führen. Die Musik von Hammers Hauskomponist James Bernard ist wirklich vortrefflich, nie aufdringlich, die Ausstattung sehr detailverliebt.
FAZIT: Einer der besten Vampirfilme, allerdings einer der leiseren Sorte. Dr. Ravna ist kein Christopher Lee, der mit blutunterlaufenen Augen Mädchen beißt und Jungs verprügelt und sich mit Gewalt das holt, was er will. Ravna verführt.
PS: Roman Polanski hat DER KUSS DES VAMPIRS sicher gesehen, als er seinen TANZ DER VAMPIRE vorbereitete.
PS II: In gewisser Weise gibt es auch Parallelen zu Kubricks EYES WIDE SHUT. Ein Grund dafür könnte die Nähe beider Filme zu Edgar Allan Poe sein.