"Bin ich verrückt? Oder sind es die Menschen um mich herum, die verrückt sind?" Wer sich das schon öfter als einmal gefragt hat und noch immer keine Antwort darauf gefunden hat, der sollte sich einmal "Mein Freund Harvey" anschauen. Denn hier erfahren wir recht schnell und auf äusserst unterhaltsame Art und Weise, wie unterschiedlich die Auffassungen der Menschen darüber, was verrückt ist und was nicht, sein können...
Elwood P. Dowd (James Stewart) ist ein wohl erzogener, charmanter Mann im besten Alter, der hin und wieder mal gerne den einen oder anderen Martini mit seinem Freund Harvey "lüpft". So weit eigentlich nichts Ungewöhnliches... wenn sein Freund Harvey ein Mensch aus Fleisch und Blut wäre. Aber Harvey ist ein überdimensionales Kaninchen, das nur er sehen kann. Und das ist es auch, was sich als großes Problem für seine Schwester Veta Louise (Josephine Hull) darstellt. Denn sie will ihre Tochter Myrtle Mae (Victoria Horne) unbedingt in die höheren gesellschaftlichen Kreise einführen und befürchtet, dass ihr geisteskranker Bruder dabei ein Hindernis darstellen könnte. So unternimmt sie den Versuch, Elwood in ein Sanatorium einzuweisen, und landet bei diesem Versuch flugs selbst in der Irrenanstalt...
Wenn man sich James Stewart in der Rolle des Elwood P. Dowd anschaut, so kommt man anfänglich zunächst tatsächlich zu dem Urteil, dass der Hauptfigur - nebst imaginärem Freund - eine Einweisung ins Sanatorium ganz gut tun würde. Doch anstatt dass sich dieser Eindruck verhärtet, wechselt der Zuschauer auf einen Schlag die Fronten und muss erkennen, dass doch nicht alles so ist, wie es scheint. Elwood P. Dowd ist mit seiner immer höflichen und immer fröhlichen Lebensweise offensichtlich der normalste Charakter, der uns in der Leinwandadaption des Theaterstücks von Mary Chase begegnet. Dass dem so ist, das liegt sicherlich an der literarischen Vorlage, aber das Gros der Lobeshymnen für die Erscheinung des Charakters Elwood steht uneingeschränkt James Stewart zu. Stewart lebt die Rolle dieses höflich, aber sonderbar erscheinenden Mannes wie es wohl sonst niemand anderes getan hätte. Zugute kommt ihm dabei wohl, dass er - ebenso wie u.a. Josephine Hull - "Harvey" bereits am Broadway gespielt hat, und dadurch einen noch stärkeren Bezug zur Rolle hatte. Diese Bühnen-Erfahrung ist es jedoch auch, die dazu führt, dass man Stewart in manchen Szenen dabei erwischt, wie er sich haarscharf an der Grenze zum Overacting befindet; vorzugsweise in jenen Szenen, in denen er den imaginären Freund mit in sein Spiel einbezieht. Das mag für den einen oder anderen Zuschauer als ein enormer Störfaktor angesehen werden, bei mir jedoch überwiegt die positive Betrachtungsweise der schauspielerischen Leistung von James Stewart. Ebenso ist es bei der Darstellung der intriganten Schwester Veta durch Josephine Hull. Nicht zu unrecht wurde die schrullige, alte Dame für ihre Rolle als mehr um ihren Ruf als um den eigenen Bruder besorgte Veta Louise mit einem Oscar bedacht…
Das Drehbuch hält sich stark in den eingefahrenen Bahnen des Theaterstücks, spielt niemals mit dem Gedanken, Effekthascherei zu betreiben und verliert gerade dadurch rein gar nichts von der Stärke des Originals. Dass „Harvey“ nur geringe musikalische Untermalungen widerfahren sind, mag zunächst befremdlich, aber keineswegs negativ wirken, denn so wirkt der Fokus auf die darstellerischen Leistungen und die Nuancen des Drehbuchs im Grunde genommen nur noch positiv verstärkt.
Genauso charmant wie Elwood P. Dowd erscheint dem Zuschauer auch „Mein Freund Harvey“. Mit dem Begriff „zeitlos“ sollte man normalerweise nicht allzu freigiebig um sich werfen, jedoch ist es im Falle von „Mein Freund Harvey“ mehr als angebracht von einem „zeitlosen Klassiker“ zu sprechen. „Harvey“ ist ein wundervoller Vertreter des Kinos der frühen 50er Jahre, der nicht nur wegen der erstklassigen Darsteller, sondern auch wegen der wundervoll positiven Stimmung, die man nach diesem Film in jedem Fall hat, jedem Zuschauer in guter Erinnerung bleiben wird. 9 von 10 Kuschelhäschen und abschließend der Wunsch, dass es doch mehr Elwood P. Dowds auf dieser Welt geben sollte. Ich jedenfalls habe von Elwood einiges gelernt und betrachte das Leben auf andere Weise als zuvor… Danke, Elwood!
Und bedenke: Nicht Du bist verrückt, es sind Deine Mitmenschen, die nicht ganz normal im Kopf sind... ;-)