„Ich zeige Ihnen einen exzellenten Wundbrand!“
Die zweite Arbeit des französischen Regisseurs Henri-Georges Clouzot in den 1940ern ist nach „Der Mörder wohnt in Nr. 21“ das Kriminaldrama „Der Rabe“ aus dem Jahre 1943, dessen Drehbuch Clouzot zusammen mit Henri Chavance verfasste.
„Ich weiß es nicht. Ich weiß nichts mehr.“
Mehrere Bewohnerinnen und Bewohner einer französischen Kleinstadt sehen sich anonymen Verleumdungen in Form von Schmähbriefen ausgesetzt, stets mit „Le Corbeau“ unterzeichnet. So wird der Mediziner Rémy Germain (Pierre Fresnay, „Der Mann, der zuviel wußte“) beschuldigt, illegale Schwangerschaftsabbrüche durchzuführen. Der jungen Frau Laura (Micheline Francey, „Das Geheimnis der blauen Limousine“) wird ein außereheliches Verhältnis vorgeworfen. Schon bald ist kaum eine bekanntere Person mehr davor sicher, in den Dreck gezogen zu werden. Man verdächtigt sich gegenseitig; unter anderem gerät Lauras Schwester Marie (Héléna Manson, „Das unheimliche Haus“) in Verdacht, die Briefeschreiberin zu sein. Doch Germain trägt tatsächlich ein Geheimnis mit sich herum…
Clouzots Portrait eines sozial dysfunktionalen Kleinstadtgefüges entstand während der Zeit der Besatzung Frankreichs durch Nazideutschland und kann als bissiger Kommentar auf das verängstigte und untereinander unsolidarische Verhalten der französischen Gesellschaft während dieser schweren Zeit verstanden werden. Die Nazis missbrauchten „Der Rabe“ gar als antifranzösischen Propagandafilm, was Clouzots Reputation nach Kriegsende zusätzlich schadete. Seine Landsmänner sahen sich durch den Film verunglimpft, verhängten ein Arbeitsverbot gegen Clouzot und steckten Hauptdarsteller Pierre Fresnay für einige Woche hinter Gitter. Bereits 1947 jedoch wurde Clouzot rehabilitiert und der Film vom Publikum selbstkritisch reflektiert, was ihn zu einem Kassenerfolg werden ließ und ihm positive Kritiken einbrachte.
Im Stile eines Film noir zeichnet Clouzot – trotz des Verzichts auf einige noir-typische Elemente, allen voran ein urbanes Ambiente – das Bild einer Gesellschaft, in der denunziatorische Briefe einer Einzelperson genügen, um nachhaltig Missgunst und Zwietracht zu säen und die Menschen dazu zu treiben, sich gegenseitig zu zerfleischen. Die Saat geht auf, denn irgendetwas bleibt immer hängen, was „Der Rabe“ auch zu einer Fallstudie über die Brisanz übler Nachrede und Denunziantentums macht. Die Wurzel allen Übels scheint sich in den Menschen selbst zu befinden, die sich wie die Ärzte in Zynismus üben, regelrecht übergriffig um Zuwendung buhlen, wie es Denise (Ginette Leclerc, „Louise“) gegenüber Germain tut, und es generell an gegenseitiger Wertschätzung und Respekt mangeln lassen. Damit weist „Der Rabe“ starke gesellschaftssatirische Züge auf, die Clouzot schwer vom deutschen Expressionismus beeinflusst inszeniert. Die Dialoglastigkeit gereicht seinem Film nicht zum Nachteil.
Im Speziellen erinnert „Der Rabe“ an bis heute aktuelle, unsägliche Hetzkampagnen gegen Abtreibungen durchführende Ärztinnen und Ärzte, Clouzots Film hat aber ganz generell leider kaum an Aktualität eingebüßt. Nicht nur deshalb ist „Der Rabe“ unbedingt sehenswert – ein ebenso düsteres wie erhellendes Juwel europäischer Filmkunst der 1940er.