Dick und Doof - Die späten Jahre (Teil 1)
Aus rein künstlerischer Sicht markierte das Jahr 1940 den letzten, größeren Höhepunkt für Laurel und Hardy, alias Dick und Doof. Mit In Oxford und Auf hoher See lieferte das Duo zwar keine Meisterwerke ab, die sich mit Sternstunden wie Fra Diavolo oder Im Wilden Westen vergleichen lassen (man kann diesen Umstand auf Produzent Hal Roach schieben, der diese letzten beiden Laurel-und-Hardy Filme nach altem Muster unter dem Banner seiner sogenannten "Streamliners" in Auftrag gab - Machwerke irgendwo zwischen Kurz- und Spielfilm, die nicht über fünfzig Minuten kommen sollten), doch aus heutiger Sicht sind sie die letzten sympathischen Vertreter ihrer Art. Laurel und Hardy in einem Film, der auch nonstop Laurel und Hardy bietet; in altbewährter Manier, mit den typischen Eigenschaften der Komiker. Nach Auf hoher See wechselte das Team zu 20th Century-Fox und MGM - man wollte künstlerisch frei sein, ein durchaus nachvollziehbarer Wunsch nach annährend zwanzig Jahren Erfolg. Doch oh weh, oh weh, 1941 kam Great Guns, diese erste Zusammenarbeit mit den "großen Studios", in die Kinos, und nichts war mehr so wie früher.
Great Guns, hierzulande als Schrecken der Kompanie oder übersetzungsgerecht Große Kaliber bekannt, markiert den ersten, richtigen Tiefpunkt des Gespanns. Es würde zu lange dauern, eine Liste auf's Papier zu bringen, die alle absonderlichen Fehler des Drehbuchs zu Tage fördert, doch sollen die größten Schlaglöcher nicht unerwähnt bleiben.
Nummer Eins: Das Szenario an sich. Es ist klar, dass der Krieg mit all seinen ernsten Attributen ein Fest für Dick und Doof und ihren kindlichen Humor ist, aber man kann den Bogen sicherlich auch überspannen. Zwei Jahre zuvor kam In der Fremdenlegion in die Lichtspielhäuser, ein schwer zu überbietender Ausflug in das Soldatenleben. Davor gab es Klotzköpfe, der ebenfalls mit einer Szene im Ersten Weltkrieg begann. Dazu noch weitere Kurz- und Spielfilme, in denen man sich über Laurel und Hardy inmitten einer Armee amüsieren konnte.
Schrecken der Kompanie ist mit weitem Abstand der schlechteste Vertreter. 20th Century-Fox musste natürlich den zweiten Weltkrieg mit Filmen unterstützen, eine Unsitte, die unter Hal Roach nicht passiert wäre. Roach wollte das Publikum mit unbeschwerten Humor ablenken - 20th Century-Fox dagegen nahm Laurel und Hardy als Maskottchen für das lustige, gar nicht so schreckliche Soldatenleben. Urks.
Nummer Zwei: Die Geschichte. Hier kann man direkt an den vorherigen Punkt anknüpfen. Laurel und Hardy spielen das Personal eines verwöhnten Knabens mit Namen Daniel, der wegen einer Krankheit ans Bett gefesselt ist. Eines Tages bekommt der bebrillte Schönling eine Einladung zur Musterung, stößt einen Jubelruf zur Decke aus und hat plötzlich den Lebenstraum, Soldat zu werden, "um meinem Land zu dienen!" Bei der ärztlichen Untersuchung beweist er allen, dass ihm gesundheitstechnisch nichts fehlt. Stan und Ollie lassen sich ebenfalls einschreiben, damit sie auf den jungen Herren aufpassen können. Fortan wird einem das Leben als amerikanischer Soldat mit der Sahnetorte serviert. Eine nette, gesellige Camping-Atmosphäre, die knarzigen Ausbilder sind gar nicht so schlimm, und zu allem Überfluss läuft einem auch die ein oder andere hübsche Frau über den Weg - Grund genug, sich zu verlieben. Laurel und Hardy werden zu Nebenfiguren degradiert, Fokus liegt auf Soldat Daniel, der sich zunächst in die Fotoladen-Verkäuferin Ginger verliebt und dann in einen Twist mit Ausbilder Hippo gerät, welcher ebenfalls ein Auge auf die Dame mit Dauerlächeln geworfen hat. Dazu sei gesagt, dass man dem restlichen Cast auch ein paar müde Gags in den Schoß legt, von denen kein einziger zündet. Daniel wird in dem Zusammenhang als blasse Identifikationsfigur für den Zuschauer aufgebaut, begutachtet die Aktionen von Stan und Ollie mit einem gefälligen Gesichtsausdruck und lacht auch mal über die Missgeschickte der beiden. Damit der Zuschauer weiß: Aha, das war lustig.
Falls ich mich wiederhole: Urks.
Nummer Drei: Laurel und Hardy. Sicherlich sind die beiden der einzige Grund, diesem Film eine Chance zu geben, doch arbeiten Drehbuch und Regie gegen die beiden und damit auch gegen den Zuschauer. Ollie ist nicht mehr der arrogante, aber liebenswerte Aufpasser von Stan. Ohne großartige Gegenwehr erträgt Hardy die tollpatschigen Ausrutscher seines Partners, murrt ab und an mal, ohne dabei je die Sympathie des Zuschauers zu gewinnen, geschweige denn Charakter zu zeigen. Ollie ist einfach da. Stan Laurel dagegen spricht sich plötzlich um Kopf und Hut. Wenn es etwas zu sagen gibt, sagt er es, nicht Ollie. Vorbei die Zeit des kindlichen Beobachters, der häufig einfach nur schüchtern ist. Hier hat Stan für alles einen Kommentar. Auch wenn die deutsche Synchro mit Walter Bluhm wie meist hervorragend ist, kann einem der neue Stan gefallen, muss aber nicht.
Das betrifft auch die Gags. Natürlich kann man ein paar Mal heiter schmunzeln, doch fehlt es an denkwürdigen Augenblicken. Ein bisschen Wortwitz von Stan (siehe oben) rettet den Braten auch nicht; trauriger Höhepunkt die Szene, in der die beiden laut lachend dem peinlichen Rodeoauftritt von Ausbilder Hippo beiwohnen. Das wirkt so unnatürlich wie es unlustig ist.
Aber: das Finale ist gelungen, lässt sich sogar mit den alten Klassikern vergleichen. Im Rahmen einer abschließenden Übung, in der sich zwei Teams zum Spaß an der Freude bekriegen (Team A versucht, eine Brücke an einem unbekannten Ort zu bauen, Team B muss das verhindern), absolvieren unsere Jungs eine waghalsige Geländefahrt, werden mit Mehlsäcken bombadiert und schließlich vom gegnerischen Team gefangen genommen. Hier schalten Stan und Ollie auf Slapstick-Modus und bringen damit doch noch ihre guten alten Stärken in den ansonsten eigentümlichen Film.
Immerhin, aus heutiger Sicht ist Schrecken der Kompanie nicht mehr ganz so erschreckend, wie er es Anno 1941 gewesen sein muss. Der amerikanische Kritikervergleich, Laurel und Hardy stellen hier nur müde Kopien von Abott und Costello dar, sei mal dahingestellt. Erstens ist zweitgenanntes Komiker-Duo in Deutschland weit weniger berühmt, als dass man die beiden wirklich vergleichen könnte, zweitens - und das ist meine Meinung - sind und waren Abott und Costello schon immer eher Abziehbilder von Laurel und Hardy, nicht umgekehrt. Ziemlich unlustige dazu.
Schrecken der Kompanie geht nun also 74 Minuten - zieht man 30 Minuten ab, die den Zuschauer mit Daniel und Ginger (und wie die ganzen unlustigen Figuren hier alle heißen) quälen, hat man zumindest noch gute 40 Minuten Laurel und Hardy Light. Für einen gemütlichen Sonntagabend reicht es zwar immer noch, doch sollte man keine qualitativen Ansprüche an dieses Machwerk stellen.
Die gute Nachricht ist letztlich: von ihrem 40er-Jahre-Output lässt sich Schrecken der Kompanie noch in den oberen Durchschnitt einteilen. Und das soll viel über die weiteren Filme aussagen.