Was immer man von Macoto Tezukas Black Kiss halten mag, eines kann man ihm nicht absprechen. Visuell ist der Film eine Wucht. Zusammen mit seinem Kinematographen Kazuhiro Shirao gelingen Tezuka da zahlreiche sensationelle, atemberaubende Bildkompositionen, die man am liebsten abspeichern, ausdrucken und an die Wand hängen möchte. Schon der in kräftige Grüntöne getauchte Beginn läßt den phasenweise exquisiten Augenschmaus erahnen, der da auf den gespannten Betrachter zukommt. Und der Rest hält im Großen und Ganzen auch, was der Anfang verspricht. Die nächtlichen Impressionen einer von unzähligen Neonschildern grell beleuchteten Metropole lassen ebenso staunen wie die artifizielle, mehrfarbige Szenenausleuchtung in manchen Sequenzen, die den Film einen fast schon surrealen Anstrich geben. Offensichtlich haben sich die Macher sehr viele Gedanken über den Look ihres Filmes gemacht, und vielleicht ist es ja auch da passiert, daß man den Inhalt aus den Augen verloren hat. Black Kiss beeindruckt und enttäuscht nämlich in gleichem Maße.
Ein selbstbewußt auftretender Filmproduzent namens Isamu (Shinzen Okada) stellt seiner hübschen Begleitung, einem jungen Model, eine große Rolle in einer Fernsehserie in Aussicht. Anschließend könnte man noch einen Bildband rausbringen, vielleicht sogar eine Musik-CD, wer weiß? Das naive Ding kauft ihm die verlockenden Versprechungen ab, und so landen die beiden in einem schäbigen Hotelzimmer in Tokios schillerndem Rotlichtviertel. Daß der Produzent den folgenden Sex mitfilmen läßt und ganz andere Pläne mit der leichtgläubigen Frau hat, erwähnt er natürlich nicht. Als der Schmierlappen ins Liebesnest zurückkommt, nachdem er sich kurz die Beine vertreten hat, ist die Frau großteils verschwunden. Lediglich ein abgetrennter Finger ist in der Dusche zurückgeblieben. Dann wird Isamu niedergeschlagen und kommt auf einem Bett wieder zu sich, Arme und Beine an die Pfosten gefesselt. Eine grazile Frau in nachtschwarzer Latexkleidung mit dazu passenden Handschuhen setzt sich rittlings auf den hilflosen Mann. Ein Skalpell blitzt auf, die scharfe Klinge gleitet über seinen Körper, dringt unterhalb des Halses in ihn ein und schlitzt ihn langsam von oben nach unten auf. (Als die Polizisten später am Tatort sind, wird einer von ihnen so fasziniert wie angeekelt feststellen: "Frogs don't get dissected this bad.") Das Model Asuka (Reika Hashimoto, Survive Style 5+), die seit kurzem zusammen mit der undurchsichtigen Kasumi (Kaori Kawamura) ein Appartement im Gebäude gegenüber bewohnt, wird Zeugin der gräßlichen Tat. Doch nicht nur das bringt sie in tödliche Gefahr, denn Kasumis Freunde haben die ungute Angewohnheit, verfrüht aus dem Leben zu scheiden. Oder hängt das etwa alles irgendwie zusammen?
An der ersten halben Stunde gibt es kaum etwas zu bemängeln. Der Eröffnungsmord ist - obwohl nur kurz angedeutet - sehr heftig, die Figuren werden behutsam eingeführt, das Interesse des Zusehers wird geweckt, die düstere Atmosphäre wird etabliert. Das ist alles sehr stimmig und macht Lust auf mehr. Und dann geht's bergab. Tezuka verzettelt sich in Details, die weder die Geschichte vorwärts bringen, noch den Betrachter interessieren. Als Beispiel sei die Arbeit der im Dunkeln tappenden Polizisten genannt, die leider jegliche Spannung vermissen läßt, vor allem dann, wenn in einem Versammlungsraum herumgesessen und mit den strengen Vorgesetzten debattiert wird. Besser wird da schon das Verhältnis zwischen der süßen aber schüchternen Asuka und der sich wild und unangepaßt gebenden Kasumi geschildert. Letztere ist die mit Abstand interessanteste Figur im Film und wird von Kaori Kawamura auch gut und glaubhaft gespielt. Doch das kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß im unfokussierten Mittelteil des über zwei Stunden langen Filmes so wenig bedeutsames passiert, daß man als Zuschauer das Interesse zu verlieren droht. Zwar wird die lange aber immerhin famos bebilderte Durststrecke von ein paar deftigen Schockmomenten unterbrochen, aber der Spannungsbogen ist in der immer konfuser werdenden Geschichte längst gerissen. Positiv hervorzuheben sind die Opfer des geheimnisvollen Mörders, da dieser sehr kreativ zu Werke geht und die Körper zu schaurig-schönen Kunstwerken formt.
Eigentlich ist Black Kiss ein astreiner, im Model-Milieu spielender Giallo, mit allem was dazugehört. Ein mysteriöser, sadistischer Killer, der fast schon übernatürliche Kräfte zu haben scheint? Check. Ein Messer als bevorzugte Mordwaffe, geführt von schwarz behandschuhten Händen? Check. Ausgefeilte, makabre Mordtableaus (die allerdings nicht die Tötung an sich, sondern das bizarre Hinterher detailliert veranschaulichen)? Check. Eine Augenzeugin, welche die Aufmerksamkeit des Mörders auf sich zieht? Check. Viele Verdächtige? Check. Ein treibender Soundtrack (von Kan Takagi), der stark an die italienischen Thriller der Siebziger erinnert? Check. Diverse Geheimnisse der Protagonisten, die nach und nach ans Licht kommen? Check. Eine (unnötig) verzwickte und teilweise arg konstruierte Handlung? Check. Hübsche Frauen? Check. Eine geniale Szenenausleuchtung? Check. Außerdem zitiert Tezuka munter die großen Meister des Genres: Alfred Hitchcock, Dario Argento, Mario Bava und Brian de Palma. Überhaupt wirkt Black Kiss streckenweise, als hätte sich Argento nach Tokio begeben, um seine eigene Version von David Finchers Seven zu drehen. Doch falls Tezuka tatsächlich versucht hat, einen japanischen Giallo zu schaffen, so war er letztendlich inkonsequent, hat er den Film doch zu sehr mit anderen Elementen (Drama, Voodoo, Numerologie, Polizeiarbeit) verwässert. Sehr seltsam mutet in einigen Sequenzen auch der Schnitt an; der Einsatz sogenannter Jump-Cuts irritiert und wirft die Frage auf, was der Regisseur damit bezwecken wollte. Und die Auflösung bleibt trotz spannendem Finale, welches zudem einen herausragenden Schockmoment zu bieten hat, ziemlich unbefriedigend. Auch wenn das alles jetzt sehr negativ klingt, so erachte ich Black Kiss trotzdem als sehenswert, vor allem für Freunde des Giallo-Genres. Die Floskel "Style over Substance" trifft hier definitiv zu. Aber wenn der "Style" so beeindruckt, dann läßt sich die enttäuschende "Substance" immerhin besser verkraften.