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Eine einsame Wüstenebene, auf der ein Mann auf einem Pferd vor sich hin reitet. Dazu hört man ein ausgelassenes Pfeifen und seltsame kratzende Geräusche (gar ein Schaden auf der Tonspur?). Plötzlich ein Schuss, der Mann fällt vom Pferd und der Zuschauer begreift: Die Geräusche waren das Zusammenbauen eines Gewehrs.

Mit dieser so kurzen und simplen wie genialen Szene steigt Meisterregisseur Sergio Leone in die Fortsetzung seines Klassikers "Für eine Handvoll Dollar" ein. "Für ein paar Dollar mehr" erzählt ein weiteres Abenteuer des mysteriösen Fremden (Clint Eastwood), der sich mittlerweile als Kopfgeldjäger verdingt. Als er sich die hohe Belohnung für einen besonders gefährlichen Verbrecher sichern will, kommt er Colonel Douglas Mortimer (Lee Van Cleef) in die Quere. Nach anfänglichen Reibereien schließen die beiden Meisterschützen sich zusammen, um dem Gangster und seiner Bande das Handwerk zu legen.

Der Erstling der berühmten Dollar-Trilogie war ein roher, grob behauener Diamant. Dieser zweite Teil ist schon ein vollendeter Edelstein: Formal und erzählerisch erklomm Leone einsame Niveauhöhen im Western-Genre der 60er-Jahre. Kameraführung und Schnittmontage gehören zum Beeindruckendsten ihrer Ära - ob Landschaftstotalen der erbarmungslosen Wüste oder wild hin und her geschnittene Duelle zwischen den brutalen Agierenden: Allein durch seine stilistische Brillanz erzeugt der Film immer wieder hochspannende Sequenzen, in denen der Atem stocken kann. Nahaufnahmen eisenharter, verschwitzter Gesichter und rasante Schnitte in den zahlreichen Kampfszenen erzeugen ein hohes Tempo, das von dem bombastisch schmetternden Soundtrack Ennio Morricones brillant untermalt und intensiviert wird. Ausstattung und Setting wirken deutlich hochwertiger und überzeugender als noch im Vorgänger. Man sieht also "Für ein paar Dollar mehr" deutlich das höhere Budget an - und das zum Guten.

Denn auch die Geschichte, die Leone hier erzählt, glänzt durch mehr Tiefgang und eine cleverere Erzählstruktur. Wie Leone es später in seinem Meisterwerk "Spiel mir das Lied vom Tod" perfektionieren würde, erzeugt er auch hier schon durch das kurze Einstreuen einiger weniger Rückblenden eine tiefe Tragik, die dem groben Oberflächengeschehen emotionale Bedeutung verleiht. Auch gestalten sich die Handlungsentwicklungen anfangs gemächlich, steigern sich aber mit laufendem Film in immer rasantere und dramatischere Höhen. Das spannende Drehbuch wird dabei von den Darstellern meisterhaft unterstützt: Eastwood bleibt seinem Figurentypus treu, ist mit stählerner Miene und verborgener Loyalität ein faszinierender Charakter - und wird doch ein wenig von Lee Van Cleef ausgestochen: Wie dieser zwischen seiner eisenharten Coolness immer wieder trotz minimalistischer Mimik die tiefe Verletzlichkeit seiner Figur hervorschimmern lässt, sucht im Western-Genre seinesgleichen. So wird er zum emotionalen Identifikationsmittelpunkt der Handlung.

Darüber hinaus jagt hier eine geniale Szene die nächste: Ob die bitterböse und obercoole Streichholzsequenz zwischen Van Cleef und dem jungen Klaus Kinski in einer Bar oder mehrere atemberaubend spannend inszenierte Duelle - die formale Kraft des Films erzeugt eine dichte Atmosphäre, der man sich kaum entziehen kann. Und im Vergleich zum Vorgänger fällt hier auch deutlich mehr sarkastischer Humor auf, der diese intensiven Szenen regelmäßig angenehm auflöst. "Für ein paar Dollar mehr" ist trotz kleiner Genre-Klischees und unglaubwürdiger Details ein Genre-Klassiker, der neue Maßstäbe setzte und bereits die voll ausgeprägte Handschrift seines Regisseurs trägt. Wer sich für Western interessiert, kommt an diesem Film und der ganzen Trilogie, die ein Jahr später mit "Zwei glorreiche Halunken" vollendet wurde, nicht vorbei.

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