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Rache, das ist wohl gerade im asiatischen Raum eines der meistgebrauchten Motive, um einem Filmplot der Motor zu sein. Dementsprechend variantenreich fällt die Vergeltung von Fall zu Fall differierend auch aus; vom individuenfokussierten, persönlichen Drama bis hin zur Projektion der eigenen Wut auf eine ganze Gruppe Unschuldiger, die zu Sündenböcken für die Probleme Einzelner werden. Kwak Kyung-Taek möchte mit “Typhoon” gerne das Alpha und das Omega sein. Als ein alles bisher Dagewesene abdeckender Rundumschlag vom Familiendrama über die Woo-eske intime Beziehung zwischen zwei Feinden hin zum Terroristen-Actioner à la “The Rock” ist “Typhoon” das alles verschlingende Konglomerat. Und zerbricht wie zu erwarten an der eigenen Last.

Der gediegene Aufbau, entgegen des überladenen Drehbuchs in manchen Abschnitten sogar schon fast langatmig zu nennen, kann den Umstand etwas ausbremsen, dass quasi in einem Atemzug ernstgemeinte historische Aspekte zur angespannten Beziehung zwischen Nord- und Südkorea in den 80er Jahren angeschnitten werden und zugleich ein betont fiktionales Element in Form einer technisch schier unmöglichen Racheaktion gegen das komplette Land eingebaut wird. Das Geheimnis liegt darin, dass letzterer Punkt bis zur letzten halben Stunde, die wahrlich nicht mit Krach und Dynamik geizt, ausgespart wird. Bis dahin inszeniert Kyung-Taek einen optisch unterkühlten Mix aus “Sieben”, “The Killer” und vor allem Park Chan-wooks Rachetrilogie rund um “Oldboy”, ohne einmal dessen erzählerische Raffinesse zu erreichen. Dazu bleiben schon genug Szenen ohne spürbaren Gehalt; berücksichtigt man dann noch die nicht immer gelungenen Dialoge, wird schnell klar, dass “Typhoon” trotz der optischen Hochwertigkeit eine gute Klasse tiefer spielt.

Am meisten gefällt noch die Rückblende in die Kindheit des vorbildlich charakterisierten Piraten Sin (Jang Dong-gun). Mit dem Wissen um die damaligen Ereignisse, die außerdem sehr ordentlich historisch eingeordnet werden, darf man nun Rückschlüsse auf die Entwicklung des flüchtenden kleinen Jungen hin zum Terroristen ziehen. Die Beziehung zu seiner Schwester, in der Gegenwart der Geschichte eine Prostituierte, die ihrem Tod durch eine Krankheit entgegensieht, bringt zusätzliche Dramatik ins Spiel.
In die Mitte der Handlung eingebaut, wirkt die Rückblende nun wie die Eröffnung einer neuen Perspektive auf das, was bisher geschehen ist und was noch passieren wird. Obwohl dialogtechnisch nicht immer ganz glücklich getragen, entfaltet sich an dieser Stelle durchaus eine Art von Charakterkomplexität, die zwar so eigentlich schon viel zu oft dagewesen ist, aber doch immer wieder glückt. Jang Dong-gun ist erfreulicherweise auch noch das schauspielerische Highlight, das den Restcast leicht überragt. So bekommt die Charakterisierung seiner Figur Boden zum Gedeihen. Auch Dong-gun passt sich zwar anfangs der kompletten Produktion an, indem er ziemlich zurückhaltend agiert, doch spätestens beim Wiedersehen mit seiner Schwester ist er warmgelaufen und bietet das, was man sich von einem guten Vertreter des Genres erhofft: Dramatik und Emotionen.

Sein Gegenspieler Gang Se-jong (Lee Jung-jae), unseren Moralvorstellungen nach der “Gute” der Geschichte, kommt da leider nicht ganz mit. Das ist weniger die Schuld von Jung-jae, der mit seiner trockenen, aber seriösen Art nicht die Idealbesetzung sein mag, aber mit dem dreckiger und theatralischer agierenden Dong-gun gut harmoniert. Vielmehr fehlt seiner Figur ein ähnlicher persönlicher Hintergrund, wie ihn sein Opponent erfahren hat. Sicherlich ist es eher die Geschichte des Terroristen und folglich ist der Entschluss nachvollziehbar, dass man sich auf seine Persönlichkeit konzentriert hat. Aber Kwak Kyung-Taek wählt nun einmal auch den Ansatz der beiden Gegenspieler, die in sich unter anderen Umständen Freunde sehen würden - eine Sache, die John Woo einst chic gemacht hat.
Hier ist es aus genannten Gründen für die Katz. Wenn das Thema mal aufkommt, dann sehr oberflächlich und abrupt, untermalt von vorhersehbaren Phrasen wie “Weisst du, was diese Situation so schlimm macht? Dass wir uns so gut verstehen.” In die Geschichte wird es unterschwellig nicht eingebaut, es platzt nur hin und wieder in den Handlungsverlauf und steht dann dort fehl am Platz und bettelt um die Gunst des Zuschauers, der dem jedoch keine Gunst gewähren mag. Das Band zwischen Jäger und Gejagtem, die gesellschaftlichen Konventionen und die situativen Aspekte, die zwischen ihnen stehen, werden nicht deutlich genug. Zu wenig erfahren wir von Se-Jong, zu wenig wird darauf selbst seitens Sin in seinen vielen emotionalen Szenen eingegangen. Die inspirative Richtung, hinter der “The Killer” zu vermuten ist, kann man damit grundlegend als fehlgeschlagen, und fast noch schlimmer, überflüssig bezeichnen.

Inzwischen ist dann auch genug Zeit vergangen, dass man Zeuge wird, wie der Vergeltungsaspekt der Story durch seine multiple Darstellung vergeigt wird, obwohl das auf den ersten Blick durch die kluge Inszenierung nicht sofort ersichtlich wird. Im Gegenteil, die Spannungskurve steigert sich sogar stetig und man wird ein wenig eingelullt in den flüssigen Übergang zu einem Showdown mit Wumms, der sich gewaschen hat. Auf einmal ist man mitten drin in einem Unwetter aus türkisblauen Partikeln, überall explodieren irgendwelche Tanks und auf der Brücke stehen sich die Intimfeinde “The One”-like gegenüber, die sich vorher 90 Minuten lang zurückhaltend beschnuppert haben. Das naturalistische Thrillerdrama ist auf beeindruckende Weise einem Over-the-Top-Actioner gewichen, mit Überstilisierungen, soweit das Auge reicht. Lässt man sich von den Bildern vernebeln, könnte man sogar mit einem Lächeln auf dem Gesicht in den Abspann treten, doch versucht man auch nur ansatzweise, in dieser Phase dem Gehirn eine Initialzündung zu verpassen, so wird allzu leicht klar, welch unmögliche Mixtur hier plötzlich gebraut wird. Um Cover und Filmtitel Tribut zollen, muss hier natürlich endlich und endgültig eine Stilbombe gezündet werden, denn die Erwartungshaltung des Publikums ist auch auf Action ausgelegt, welche sich bis dahin abgesehen von einer ausgedehnten Schießerei rar gemacht hat. Jedoch ist ein Selbstzweck hinter dem sehr merkwürdig ausgespielten Titel “Typhoon” kaum zu leugnen. Diese Geschichte, die gerne alles sein möchte, ist doch in letzter Instanz nichts, wenn sie zwar von allem etwas bietet, nichts davon jedoch mit ganzem Herzen. Und so überwältigend ist dann selbst die Ladenschluss-Action nicht, dass man deswegen wieder rundum zufrieden aus dem Kinosessel aufstehen würde.

Fazit: Die moderne südkoreanische Stylegranate bekommt man geboten, viele andere Erwartungen könnten aber bitter enttäuscht werden. Weder ist “Typhoon” ein reinrassiger Actioner noch ein konsequenter Thriller oder ein vollwertiges Drama, sondern höchstens von allem ein wenig. Optisch sind wir das Kaliber ja inzwischen gewohnt, musikalisch ist noch nachzutragen, dass der Score ein recht merkwürdiger Mix aus choralen Elementen und unpassenden Stücken ist, die manchmal bizarrerweise an Hong Kong-Comedies erinnern. Die Darsteller sind okay bis sehr gut (Jang Dong-gun), die Charakterzeichnung zumindest für einen der beiden Hauptdarsteller befriedigend. Alles weitere ist ein schwerlich zusammenpassender Zusammenschluss aus verschiedenen Rache- und Ehrbarkeitsgeschichten, das von einer gelungenen dramaturgischen Ausrichtung nur unzureichend kaschiert wird.

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