„Es geht nicht darum, politische Filme zu machen, sondern darum, Filme politisch zu machen“ – Jean-Luc Godard
Diese kleinliche Unterscheidung zwischen dem Adjektiv und dem Adverb „politisch“ ist eine hervorragende Rechtfertigung für einen Film wie Clint Eastwoods „Firefox“. Ähnlich wie der französische Autorenfilmer entstammt auch Clint Eastwood einer Generation von Filmemachern, die man retrospektiv gerne als Nachfolgegeneration des „klassischen“ Kinos, womit man heute hauptsächlich das kommerzielle und relativ streng reglementierte Kino Hollywoods bis Ende Fünfziger meint, einordnet. Während ersterer, manchmal den zweifelhaften Ruf als Maulheld genießend, sich freiwillig und sozusagen von „außen“ auf dieses klassische Kino bezog (und ihm dadurch immer entfernt schien), wurde zweiterer, oft den ebenso zweifelhaften Ruf als maulfauler Mann der Tat genießend, durch seine Arbeit als Schauspieler und die dadurch entstandene Starpersona in diese Tradition hineingezogen und personifizierte sie. Die Aussage, dass man Filme „politisch“ machen kann, kann jeder in dem Maße ernstnehmen oder interpretieren (oder dies nicht tun), wie er das möchte. Für mich bekommt sie u.a. immer dann eine Bedeutung, wenn ich einen Film innerhalb einer Tradition, eines Genres, eines Trends, kurz: einem bekannten Kontext einordnen kann und zugleich sehe, wie er absichtlich auf diesen Kontext verweist, um darüber hinauszugehen, hin zu etwas mir zuvor Unbekanntem: Ein Film wird „politisch“ (als Adverb) gemacht, wenn er seinen Kontext (also die Umstände seiner Geburt) als etwas politisches behandelt. „Firefox“ erfüllte diese Kriterien und ist es wert, ernstgenommen zu werden.
Die konkreten Umstände seiner Geburt sind uns natürlich nicht komplett bekannt, aber die sind auch nicht so wichtig. Den „Kontext“, um den es geht, spürt man bereits zu Beginn: Ein Helikopter, lauter Lärm der Rotoren, ein Wald, mittendrin ein joggender Clint Eastwood, eine Rückblende zu Kriegserfahrungen in Vietnam, traumatischer Schock, uniformierte Vorgesetzte, die ihn zu einer Mission nach Russland schicken, weil er „der beste“ ist, alles mit einer Geradlinigkeit und Sensationslosigkeit erzählt, als sei es ein Gegebenes. Ein Film der Achtziger, für die Leute damals bestimmt klar ersichtlich und für uns überdeutlich, der kalte Krieg ist die faktische Ebene, assoziiert mit dem Rotorenlärm, dem Wald, dann die fiktionale Ebene, vom Popstar Clint Eastwood verkörpert, durch die fantastische Handlung um einen gedankengesteuerten Kampfflieger der Russen noch mal unterstrichen. Hier kommt das konfuse Zitat von oben ins Spiel: Auf den ersten Blick kein Film über den eigentlichen kalten Krieg, sondern ganz klar und deutlich seine fiktionale, eskapistische Repräsentation, also eher großer Spaß. Doch da dieser Spaßfilm seine Geburt aus einerseits einem kommerziellen, manipulativen, propagandistischen Spaßfilmgeschäft und andererseits einem echten, davon beeinflussten politischen Klima seiner Zeit deutlich macht, verweist er eher auf etwas anderes: Der kalte Krieg ist kein Spaß.
Wenn ich eine Geschichte zu Ende denke, nähere ich mich dadurch der Wahrheit, auch wenn sie ursprünglich dem Zweck der Lüge dient. In Sam Peckinpahs Meisterwerk „The Wild Bunch“ bspw. werden wir dazu gebracht, einem Mythos zu glauben, indem wir schlicht und einfach unseren Augen vertrauen: Wenn an dieser Geschichte von Cowboys und Individualität was Wahres sein sollte, dann war sie wohl eher so.
Ein paar Stichworte zur Unterstreichung meiner These, dass Firefox ein subversiver, „politisch gemachter“ Film ist:Zunächst einmal muss einem auffallen, dass alles, was in anderen Filmen dieser Art Aufhänger ist für a) Pathos oder b) Eskapismus, hier auf seine bloße, rein physikalische Präsenz reduziert ist: Eine den Helden erklärende Rückblende (die übrigens sehr unpatriotisch ist), auf die nie weiter eingegangen wird, in Zusammenhang mit dem Satz eines Vorgesetzten „Traumata dieser Art holen unsere Soldaten nach und nicht während der Mission ein“, der Held selbst, seine völlige Ohnmacht in der Rolle als „Filmheld“ und als Marionette seiner Vorgesetzten, und seine Vorgesetzten selber, seine Helfer, ihre Motive, weiterhin die russischen Feinde, und schließlich die Szenen von ausbrechender Gewalt: Sie sind alle reduziert auf ein Niveau, wo sie jeweils nur aufzeigen, wie in dieser abgeschlossenen Geschichte das eine zum Anderen führt, wo sie nur trocken erklären, niemals verklären. Was sich durch Firefox zieht ist ein immer beißender, leise kreischender, aber nie direkter Zynismus. Dadurch werden einem die „klassischen“ Elemente fremd.Doch dieser Zynismus ist nicht der Zweck selbst, sondern eher eine Nebenerscheinung. Die Klasse des Films liegt in der Art und Weise, wie er anhand seiner stark reduzierten und präzisen Darstellung von Konkretheiten (sei es ein Unfall-Mord in einer öffentlichen Toilette, bloß eine Zuckung in Clint Eastwoods Gesicht beim Halten seiner Waffe, oder die Aufforderung, „russisch zu denken“) bis zu einem Maße abstrakt wird, dass es bis gegen Ende ausreicht, die Büros der Vorgesetzten auf beiden Seiten mit den öffentlichen Plätzen und schließlich dem weiten, leeren Himmel entgegenzusetzen, den der Filmheld für seine Mission durchqueren muss, um uns ein außergewöhnliches Abbild davon zu geben, was es, ausgehend von der Welt des Kriegsfilm-, Agenten- oder Ein-harter-Hund-gegen-die-bösen-Russen –Genres heißen könnte, den Krieg nicht von außen sondern von innen zu erleben, ihn in echt zu erleben. Die finale Kampfjetszene ist dabei die Krönung: Der Jet hat in diesem Film eine ähnlich ambivalente, abstrakte Funktion wie der Boxring in „Million Dollar Baby“, das Gewehr in „Erbarmungslos“ oder der Regiestuhl in „Weißer Jäger, schwarzes Herz“: Er ist keine Metapher für irgendwas, er steht nur für sich selbst, erhält aber als „bedeutsamer“ Teil der Handlung eine ganz eigenartige Eigendynamik. Firefox ist auf den ersten Blick formelhaft, auf den zweiten Blick aber ganz deutlich experimentell.
Fazit: Ich hätte lieber einen außergewöhnlichen Film, der zwei Leute erreicht, als einen Film von der Stange, der zwei Millionen erreicht. Ob Firefox nun ein Meisterwerk ist, kann ich noch nicht beurteilen, aber er ist sehr viel unberechenbarer und aufregender als all die grandiosen „Events“, die uns komplexe Angelegenheiten in Fastfood für Hirn und Herz umwandeln.