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Der reiche, vergnügungssüchtige Michel (Daniel Vigo) lebt in einer riesigen Wohnung, feiert wilde Partys mit seinen Freunden und lässt es sich gut gehen. Als seine bisherigen Haushälterin entnervt kündigt, meldet sich bald eine neue Haushälterin namens Gisele (Nathalie Vernier). Erst will er sie nicht – sie ist ihm zu jung – aber dann bemerkt er ihren Fleiß und stellt sie ein.

Sie ist zunächst von seinem wilden Leben (er vögelt lautstark eine Blondine nebenan, trinkt viel) irritiert und beobachtet es eher leicht gelangweilt. Bald aber findet Michel immer mehr Gefallen an der zugegebenermaßen wunderschönen, einfältigen und naiven Gisele und macht sie zu seiner Geliebten. Zunächst will sie nicht, doch dann verliebt sie sich in ihn und unterwirft sich ihm. Michel ist Sadist und schlägt sie – zunächst wehrt sie sich, doch bald akzeptiert sie seine bizarren Spiele und lässt sich auch von ihm immer stärker manipulieren.
Allerdings entdeckt sie auch immer mehr in ihren eigenen Willen… 

Ähnlich bizarr wie dieser ungewöhnliche Film aus Belgien war, wie ich ihn überhaupt entdeckt habe: ich habe letztens einen mehr als schrägen Sexfilm von 1970 aus unserem Nachbarland gesehen und so schnell ich den Film dann auch vergaß: die Hauptdarstellerin Nathalie Vernier blieb mir im Gedächtnis – sie sieht unfassbar gut aus. So stieß ich dann auf ihre überschaubare Filmografie und einen ihrer sehr wenigen Filme, der zumindest in Belgien und Frankreich etwas bekannter ist: „L’etreinte“ bzw. „De omhelzing“, also „Die Umarmung“. Bei uns kam der Film unter dem Titel „Die Keusche“ geschnitten (ca. 10 Minuten) 1970 ins Kino. Und zufällig habe ich bei der belgischen Cinemathek in Brüssel entdeckt, dass es dort eine DVD-Veröffentlichung des ungeschnittenen Films im Original (Französisch) mit englischen Untertiteln gibt. Zügig bestellt und schnell gesehen.

Ich stehe auf schräge europäische Filme der 60er und 70er und „L’etreinte“ passt nahtlos in diese Reihe. Er ist gewissermaßen ein unschuldigerer Vorläufer des viel bekannteren „Die Geschichte der O.“ von Just Jaeckin mit Udo Kier und Corinne Clery.

Michel ist ein hedonistischer Nichtsnutz – womit er sein Geld verdient, weiß man nicht, vermutlich hat er gut geerbt. Der Film beginnt damit, dass er ins Waschbecken bricht, weil er so viel getrunken hat. Gisele mit ihrer geradezu aufreizenden „Unschuld“ und Naivität reizt ihn – aber er spielt nur mit ihr. Und er nennt Gisele auch nicht bei ihren Namen, er nennt sie „O“… er raubt sie ihrer alten Identität, kleidet sie neu und aufreizend an und verlangt von ihr Gehorsam. Und zunächst ist Gisele auch ein geeignetes Opfer: sie hat keine Eltern mehr und ihre Tante will nicht, dass sie länger bei ihnen bleibt, denn ihr Onkel zeigt offensichtlich zu großes Interesse an der schönen Nichte. Sie ist wie ein leeres Blatt und hat diese aggressive, aber auch bedingungslose, leidenschaftliche Zuwendung zuvor nie erlebt, daher hat Michel leichtes Spiel. So verbrennt sie auch bald die alten Briefe ihrer Eltern – sie hat eine neue Identität, aber es entwickelt sich anders, als dies Michel erhofft hat.

Denn als Michel 4 Wochen in Hong Kong auf „Geschäftsreise“ ist, zieht seine alte Freundin Leni als Gesellschaft für Gisele/O ein und sie ermuntert sie, selbstbewusster zu sein und zeigt ihr das Buch „Die Geschichte der O.“. Als Gisele es liest, wird ihr klar, dass sie für Michel nur ein Spielzeug ist. Sie jedoch hat durch ihre Unterwerfung Selbstbewusstsein entwickelt und manipuliert am Ende Michel – so wie er sie zuvor manipuliert hat und sie auf seinem Wunsch hin mit ihrem Onkel schläft, der sie an sich abholen wollte.

Unterwerfung als Befreiung? Es ist ein heikles Thema und schwankt zwischen reißerischer und emanzipatorischer Thematik. Der Erstlingsfilm der beiden Belgier Paul Collet und Pierre Druout ist aber nicht reißerisch – er ist geradezu nüchtern, sehr elegant, wunderschön fotografiert. Die schöne Wohnung von Michel wird nie verlassen – fast erscheint sie als edles Gefängnis, aber am Ende bleibt die Frage, wer hier der Gefangene ist.  

Als schmieriger Sexfilm funktioniert „L’etreinte“ nicht, denn dazu bietet er nicht genug sexistische Schauwerte – allerdings ist die Antwerpenerin Nathalie Vernier genug Schauwert an sich (sie macht sich auch häufig frei). Und sie spielt die Wandlung der O./Gisele von einer naiven Landpomeranze zu einer selbstbewusste(ren) Frau erstaunlich gut, ebenso Daniel Vigo als Michel, der definitiv nicht nur unsympathisch ist und O./Gisele auch zum Teil sehr liebevoll und nett behandelt. Aber sobald Alkohol im Spiel ist, verliert er die Kontrolle. Tja, ein bizarres kleines Juwel des europäischen Films – definitiv. Er ist nicht frei von Längen und generell habe ich manchmal ein ungutes Gefühl bei Filmen über weibliche Unterwerfung. Aber hier fehlt die Hochglanzoptik von Just Jaeckins Film von 1975, es ist geradezu nüchtern und erleichterte mir dadurch die Identifikation mit Gisele und ihrer Wandlung.

In der belgischen Cinemathek gibt es noch viele Filme zu entdecken – unbekannte und bekannte. Wenn da drunter weitere kleine Perlen wie „Die Keusche“ sind, freue ich mich jetzt schon. 7/10.

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