Eigentlich arbeitet Dokumentarfilmer Cliff Stern (Woody Allen) an einem Film über einen jüdischen Philosophen, doch aus Geldmangel muss er eine Doku über seinen erfolgreichen Schwager (Alan Alda) drehen. Währenddessen plant Cliffs Zahnarzt Judah Rosenthal (Martin Landau), der von seiner Geliebten Dolores (Anjelica Huston) unter Druck gesetzt wird, widerwillig einen Mord…
„Er hatte eine Affäre mit meiner besten Freundin. Zudem in meinem Himmelbett! Und sie hätten nicht auch noch meine ganzen Pistazien wegessen müssen!“ Woody Allens Humor hat auch in seinem 19. Film nichts von seiner Absurdität verloren. „Crimes and Misdemeanors“ sieht aus, wie ein Thriller mit Elementen des zeitgenössigen Gangsterfilms, tatsächlich ist die Mischung aus Drama und Komödie eine der tiefgründigsten Abhandlungen des Autors und Regisseurs über Schuld und Sühne, Glauben, Liebe und Hoffnung. „Rabbi, bete für meinen Bruder, der heute einen wichtige Boxkampf hat!“, „ Das will ich gerne tun, aber besser ist, wenn er einen Punch schafft!“ Judah, der den Mord an seiner Geliebten in die Wege leitet, bereut später die Tat und heuchelt, „Ich glaube an Gott, weil ohne ihn die Welt eine Jauchegrube ist“. Der Philosoph in Cliffs Doku bezweifelt das nicht, mahnt aber, „Das menschliche Glück scheint im Schöpfungsplan nicht vorgesehen zu sein“, doch er weiß, „das Universum ist ein ziemlich kalter Ort und wir füllen es mit unseren Gefühlen“. Bei so viel Weisheit erschüttert sein plötzlicher Selbstmord umso mehr, den der geschockte Cliff wie folgt kommentiert: „Als ich aufgewachsen bin in Brooklyn hat keiner Selbstmord gemacht. Alle waren viel zu unglücklich.“
Woody Allen streut kurze Rückblenden, sowie eine lange mit einer religiösen Diskussion am Festtagstisch ein und zeigt kurze Ausschnitte aus Filmklassikern, wenn Cliff mit seiner Nichte oder der verehrten Kollegin tagsüber ins Kino geht, was den Film zu einer kleinen Hommage an das Kintopp macht, ähnliche seinem 5 Jahre (und Filme) zuvor entstandenen „The Purple Rose of Cairo“. Die Darsteller spielen wieder an der Obergrenze ihrer Möglichkeiten, besonders stark sind Anjelica Huston („Die Ehre der Prizzis“ 1985) als labile Geliebte mit Ambitionen und Alan Alda („M.A.S.H.“ TV 1972-83) als Erfolgsmensch. Seine Rolle wird während des Drehs immer mehr ausgebaut. Am Ende siegen der Böse und der Erfolgreiche, also die Skrupellosen, während der gute Zweifler wieder der Dumme ist. Woody Allen droht, „Wenn Sie ein Happy End wollen, dann sehen Sie einen Hollywood Film an“, schiebt dann aber versöhnlich nach, „Es bleibt die Hoffnung, zukünftige Generationen begreifen vielleicht mehr“. (9/10)