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Jonathan Larsen erschuf vor mehr als zehn Jahren mit „Rent“ nicht nur sein größtes und letztes eigenes Werk sondern gleichzeitig einen unangefochtenen Höhepunkt im modernen Musical. Wie seine anderen Stücke geht es auch hier um Homosexualität, den AIDS-Virus und um das Leben als mittelloser Künstler. Leider verstarb Mastermind Larsen am Premierentag und konnte so den überdimensionalen Erfolg und die zahlreichen Auszeichnungen nicht mehr persönlich erleben. Wahrscheinlich wäre Larsen mit der Umsetzung höchst zufrieden gewesen, denn Chris Columbus hält sich akribisch an die Vorlage und geht keine Experimente ein.

Columbus ist eher bekannt als Regisseur für hitverdächtige Familien-Komödien, der Routinier inszenierte nicht nur „Home Alone 1 & 2“ und Mrs. Doubtfire, auch die ersten beiden Teile der „Harry Potter“-Reihe entstanden unter seiner Führung. Mit „Rent“ veröffentlichte Columbus sein wohl persönlich am meisten engagiertes Werk, nachdem der Besuch des Musicals ihn tief beeindruckt hatte. Aus der Tatsache, dass sich der Film sehr eng an die Vorlage bindet, lassen sich sowohl positive als auch negative Aspekte ableiten, Puristen werden aber vollauf zufrieden sein.

Angefangen beim Ensemble, welches fast komplett aus der Bühnenversion besteht: Die jahrelange Zusammenarbeit ist in jeder Szene zu spüren, jeder Darsteller ist bestens mit seinem Charakter vertraut und so gelingt es den meisten spielend Höchstleistungen zu erbringen. Selten zuvor stimmte die Chemie so gut in einem jüngeren Hollywood-Musical und zusätzlich kommt dem Film die gesangliche Qualität zugute. Kraftvoll und emotional interpretieren die Sänger Larsen’s elektrisierende Musik.

Einzig Rosario Dawson („Kids“, „25 Stunden“) spielt eine wichtige Rolle ohne im Musical dabei gewesen zu sein, fügt sich aber nahtlos ein. Ihre Vorstellung entbehrt auch der typischen Theatralik von Musical-Darstellern. So werden wohl viele Zuschauer am ehesten in ihrer Darstellung schauspielerische Brillanz erkennen.

Trotz all der Lobeshymnen in Bezug auf Optik, Akustik und Schauspielerei funktioniert „Rent“ unterm Strich gesehen nur bedingt. Denn die spürbare Überlänge von 135 Minuten beansprucht den Zuschauer schon sehr und verlangt hohe Aufmerksamkeit. Da sich ein Song an den anderen reiht besteht der ganze Film aus Musik, Gesang und (teilweise) aus Tanz. Für Dialoge ist nur wenig Platz, sämtliche Emotionen werden musikalisch ausgedrückt, wenn auch auf höchstem Niveau.

Mit tiefsinnigen Texten und anspruchsvollen Arrangements überzeugen alle Songs durch die Bank weg und vermeiden jeglichen Kitsch. Die konstruierten Situationen aus denen heraus die Musik beginnt wirken auf der Leinwand manchmal seltsam und einfach unpassend für einen Kinofilm, ähnlich wie in Richard Attenboroughs Adaption von „A Chorus Line“ (1985).

Fazit: Wer auf Musicals steht, der sollte sich „Rent“ auf keinen Fall entgehen lassen denn kaum ein anderer Genre-Film der letzten Jahre vereint so eindrucksvoll sämtliche Qualitäten und Vorzüge dieser Richtung. Wer sich an theatralischer Überzeichnung und den ständigen Gesangseinlagen stört, der ist ganz klar im falschen Film.

6,5 / 10

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