Review

Was denn, ein Animationsfilm, der unterhält und nicht aus dem Hause Pixar oder Dreamsworks stammt?
Zwar merkt man der Produktion der Brüder Cory und Todd Edwards deutliche Schwächen in Sachen Ausstattung an, jedoch kann die turbulente Erzählung über einige visuelle Mängel hinwegtäuschen und dem geneigten Märchen – sowie Krimifreund ein kurzweiliges Vergnügen bereiten.

Natürlich geht es um das Märchen Rotkäppchen und seine bekannten Figuren.
Die Schlüsselszene der Geschichte findet sich bereits in den ersten drei Minuten und erweist sich schnell als einer der humoristischen Höhepunkte des bunten Treibens:
Rotkäppchen (Sarah Kuttner) betritt Großmutters (Hans-Werner Olm) Haus und findet im Bett den verkleideten Wolf (Axel Prahl) vor. Als es zu einer Auseinandersetzung zwischen Wolf und Käppchen kommt, die gefesselte Großmutter sich aus dem Schrank befreit und auch noch ein Riese mit einer Axt durchs Fenster einbricht, rollt die Polizei wegen Ruhestörung an.
Nachfolgend dürfen alle Beteiligten ihre Version zum Vorfall schildern.

So bietet sich eine episodenhafte Schilderung verschiedener Sichtweisen, die Erstaunliches zu Tage fördert: Rotkäppchen ist in Wirklichkeit Karate-Käppchen, ein rebellierender Teenager, der Wolf gibt sich als Sensationsreporter aus, der Typ mit der Axt wäre gern Werbestar und Großmutter ist gar Extremsportlerin.
Doch letztlich geht es darum, wer das begehrte Rezeptbuch in seine Finger kriegen wollte, um allgegenwärtige Macht im Waldgebiet zu erlangen und da macht das Mitraten auf Sparflamme tatsächlich ein bisschen Spaß.
Vor allem, weil der gesprächsführende Kommissar ein Frosch ist, mit der Synchro von Max Raabe ausgestattet wurde und sich gegen Ende als eine Mischung aus Holmes und Poirot aufspielen darf. Aber auch sein Assistent, ein ewig murrender Grizzly, darf ein paar zündende One-Liner bringen.

So liegt denn das Hauptgewicht der Geschichte bei den einzelnen Figuren und diese sind wiederum sehr unterschiedlicher Qualität in Sachen animatorischer Detailverliebtheit.
Will sagen, Rotkäppchen ist da als Figur eher schwach ausgefallen und erinnert stark an japanischen Zeichentrick mit großen Augen, aber wenig dahinter.
Die ausdruckslose Stimme von Sarah Kuttner hilft da überhaupt nicht über die Austauschbarkeit der Figur hinweg.
Ganz das Gegenteil ist der Wolf, den Axel Prahl („Tatort“- Kommissar) exzellent vertont und zudem ist dieser in Sachen Mimik und Ausdruck die am besten animierte Figur.
Den größten Spaß-Faktor bringt jedoch die Großmutter, die natürlich genau das Gegenteil von dem präsentiert, wie wir sie aus dem Märchen kennen. Statt krank und senil im Bett herumzuliegen, besteigt Oma Berge, kann behände Snowboard fahren und wirbelt zig Mal beherrscht durch die Luft.
Der Bursche mit der Axt bringt nicht ganz so viel Fun, wahrscheinlich nervt hier der künstlich wirkende, bayrische Dialekt auf Dauer, auch wenn der Typ Schnitzel am Stick verteilt und mich irgendwie an „The Incredibles“ erinnert.

Die größten Lacher finden sich aber einmal mehr bei den Sidekicks.
Da gibt es das hyperaktive Eichhörnchen, das durch Kaffee noch hektischer wird und mit Stimme in dreifacher Geschwindigkeit spricht, so dass man allenfalls die Hälfte versteht.
Dann einen Angler, der am Rande immer wieder mit Figuren in misslicher Situation konfrontiert wird und letztlich den Redneck-Ziegenbock, der sämtliche Aussagen in Country-Songs verpackt und Rotkäppchen zur Verzweiflung treibt. Zudem kann er seine Hörner universell einsetzen und verformen, im Extremfall auch zum Hubschrauberrotor.
Jan Delay bringt an dieser Stelle eine außerordentlich gute Leistung als deutsch-amerikanischer Ziegenbock.

Also, ordentlich Tempo kann der Film aufweisen, keine Frage. Ob es eine turbulente Achterbahnfahrt ist, ein Skiabfahrtslauf, der einen Bösewicht namens Dolph hervorbringt, äußerlich aber eindeutig Arnold Schwarzenegger darstellt, oder ob Rotkäppchen sich im Finale in Sachen Martial Arts mit dem wahren Bösewicht messen will.

Puristen wird allerdings recht schnell die qualitativ minderwertige Computeranimation auffallen, die zeitweise an PC-Spiele vergangener Zeiten erinnert. Besonders einige Hintergründe wirken zu steril und zu statisch. Wenn dann das am schwächsten animierte Rotkäppchen durch den Wald läuft, ist das Adventure anno 1995 perfekt, - mich persönlich hat das fast überhaupt nicht gestört und eher einen Pluspunkt eingefahren, denn das birgt einen gewissen Charme mit Mut zum verneinten Perfektionismus, das Budget war offensichtlich knapp.
Auf der anderen Seite können niedliche Ideen, wie ein aufgeschlagenes Märchenbuch in 2-D, das sich in 3-D verwandelt, optische Schauwerte hervorbringen, die mit der wolkenartigen Frisur der Großmutter vergleichbar sind: Das fällt auf, das ist nicht perfekt, aber es bringt Freude.

Und Freude liefert der komplette Streifen, die Idee wurde konzeptionell gut umgesetzt, die Gagdichte ist zwar nicht allzu hoch und auch einige Figuren erringen nicht sämtliche Sympathien des Zuschauers, dafür sitzen die Späße am Rande umso besser.
Wenn man dann noch auf die wenigen deutschsprachigen Songs verzichtet hätte, wäre die gute Laune ungetrübt.

Im Jahre 2006, dem Jahr der unüberschaubaren Beiträge an Animationsfilmen, liefert dieser einen würdigen Abschluss.
Für Freunde des Genres und Kinder, die nicht mehr ganz so Kind sind, ein überaus solider und kurzweiliger Beitrag.
Gute
7 von 10

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