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Kolumbien. Trostlose Landschaften, verwahrloste Menschen, verfallene Gebäude, Drogen und tägliche Morde. Hier wohnt Orozco, Orozco ist professioneller Einbalmsamierer. Jeden Tag säubert, entweider und vernäht die Wunden mehrerer Leichen, um ihnen zumindest im Tode die Ehre zu geben, die sie im Leben nicht hatten.

Der junge japanische Regiesseur hat in meinen Augen das geschafft, was zahlreiche Mondos (Gesichter des Todes, Traces of Death, Faces of Gore, Shocking Asia etc) schaffen wollten oder zumindest vorgegeben haben schaffen zu wollen, nämlich einen realistischen Einblick in die Welt des Todes zu geben.

Minutenlang sehen wir, wie den Leichen die Organe entnommen und wieder eingeführt werden, wie Gehirne entnommen und der leere Schädel mit zusammengeknülltem Zeitungspapier wieder gefüllt wird, wie die Wunden vernäht, und die leichen angezogen werden. Diese Szenen werden uns weitestgehend ohne Kommentare vorgesetzt (im Gegensatz zu zB Gesichter des Todes, wo die Kommentare essentieller Bestandteil waren), man sieht nur Orozco bei seiner blutigen Routine und hört ihm dabei zu, wie er über Kolumbien, seine Vergangenheit und die Konkurrenz spricht. Aber der Film besteht nicht nur aus solchen Szenen. Es werden auch auf sehr direkte Weise die verheerenden Umstände in Kolumbien geschildert, so sehen wir zum Beispiel in Wohnbezireken spielende Kinder und einen Mann, der Crack (?) raucht, etc.

Insofern ist Orozco als eine schonungslose und kalte Milieustudie anzusehen, die dem Zuschauer durch das Aufzeigen von schonungslosen Szenen die grausige Wahrheit vor Augen führt. Interessant ist hierbei, das im Gegensatz zu allen Mondos nur echte Szenen gezeigt werden, jedoch ist dieser Film nicht im geringsten so plakativ und selbstzweckhaft, wie zB die Traces of Death Reihe oder der total geschmacklose Faces of Gore. Der Regiesseur entführt und für anderthalbstunden in eine Welt voller Schmerz, Hoffnungslosigkeit und Tod, und lässt den Zuschauer allein mit seinen Gefühlen, denn eins ist sicher: Orozco dürften niemanden kalt lassen.

Obwohl der Film ganz klar NICHT massenkompatibel ist, spricht er mehrere Menschengruppen an. Es gibt natürlich die Gruppe von Menschen, die auch bei Traces of Death oder Faces of Death ihre helle Freude hatten, und sich hier an vielen schmerzhaft langen Ekelszenen ergötzen können, dann gibt es noch die Gruppe von Menschen, die sich für die Situation in fernen Ländern interessieren, und auch (seriöse) Dokumentationen (ARTE etc) konsumieren. Desweiteren dürfte es auch genügend Schaulustige geben, die eventuell schon immer mal sehen wollten, wie denn das Innenleben eines Menschen aussieht, oder wie eine Einbalsamierung von statten geht. Nicht zu vergessen die Leute, die einfach nur mitreden wollen. Obwohl die Beweggründe den Film zu schauen bei diesen Gruppen grundsätzlich verschieden ist, dürften sie wohl alle den selben "Spaß" beim betrachten haben.

Fazit: Ehrlicher und schonungsloser Film, der trotz der Thematik mehr zu bieten hat, als stumpfe Ekelszenen und Schockmomente. Ein interessantes und wichtiges Werk über die Seiten des Lebens, die sonst eher verdrängt werden. Intensiv und hart.

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