Gelegentlich poltere ich jetzt immer wieder durch das Werk von William Castle, dem König der B-Movie-Gadgets, dessen Regie-Output meistens auf diese Welle von Thrillern reduziert wird, die möglichst große Fußstapfen in der Filmgeschichte hinterlassen haben. Die ganzen anderen Regiearbeiten fallen da häufig hinten über, aber die Gimmick-Filme sind immer ein guter Ausgangspunkt, sich ihm zu nähern.
Unter all den Gruslern und sonstigen Axtmörderthrillern der frühen 60er ist „The Tingler“ jedoch tatsächlich noch eine Art Ausnahmefall. Der Film wird zwar immer in die Horrornische geschoben, ist aber von der Prämisse eigentlich SciFi, wenn auch auf einem sehr groben Level.
Es ist auch kein besonders strukturierter Film geworden, vielmehr ein Mischmasch aus „mad scientist“, den typischen Vincent-Price-Abgründigkeiten, fiesem Thriller und Monster-on-the-Loose-Movie, was den knapp 80 Minuten an Einheitlichkeit nicht eben gut tut.
Aber dafür zieht Castle praktisch einen perfekten Halloweenspaß aus dem Hut, indem er postuliert, jede Mensch hätte an seiner Wirbelsäule einen sogenannten Tingler sitzen, eine Art Chimäre aus Tausendfüßler und Languste, der unkontrolliert wächst, sobald man große Angst empfindet. Um zu verhindern, dass er das Rückenmark zerquetscht, muss der Betreffende sich mit einem gellenden Schrei Luft machen, der den „Tingler“ zur Starre und Untätigkeit verdammt.
Allein das ist ein so großer Mumpitz, dass man sich über den Restfilm nicht mehr wundern muss, aber Spaß haben sollte man damit.
Price spielt hier einen Wissenschaftler und Teilzeitpathologen, der daheim im Keller nach den Krabbelviechern sucht, aber daran verzweifelt, dass irgendwo immer eine holde Maid kreischt und die Viecher schrumpfen lässt.
Ein prima Zufall kommt ihm zu Hilfe, denn als ihn ein Stummfilmkinobesitzer um Hilfe bei seiner Frau bittet, die scheinbar stumm ist und sich nur mit Zeichensprache verständigt, hat er einen Fall gefunden, wo der rettende Schrei natürlich unmöglich gemacht wird.
Alsbald kommt es dann im nachtschattigen Heim der armen Frau zu allerlei finsteren Geistererscheinungen, vom pizzagesichtigen Axtschwinger bis zur Leichenhand, die aus einer blutigen Badewanne winkt (dieses Insert ist übrigens die einzige – überknallige – Szene, die in Farbe gedreht wurde). Prompt geht die arme Frau perdu.
Nachdem wir zwischendurch aber schon gesehen haben, dass Price satanisch genug ist, seine offenbar aus Vernachlässigung untreue Frau zwecks seiner Forschungen zu „erschießen“ – ein böser Scherz, der eine Ohnmacht hervorruft – und dann zu röntgen, um die Wirkung zu sehen, ahnen wir, dass er der Mörder gewesen sein könnte. Dennoch tut er sich vorab in seinem Labor noch eine doppelte Ladung LSD rein, um sich selbst zum Forschungobjekt zu machen – auch eine Erstentdeckung in einem reinen Unterhaltungsfilm.
Wer sich ein wenig auskennt, weiß natürlich, was den „Tingler“ sonst noch ausmachte: die berühmte Kino-Sequenz, in der die Leinwand dunkel wurde, eine Stimme das Publikum informierte, der Tingler sei „JETZT IN DIESEM KINO“ und das man doch bitte wie wild schreien sollte, unterstützt durch einige Sitzreihen in speziellen Sälen, wo minimale Elektroschocks an die Besucher verteilt wurden. Der Spaß ist zwar der Höhepunkt, der heute nur noch bedingt nachgefühlt werden kann, bei entsprechendem Informationsstand funktioniert die Sequenz aber immer noch.
Dabei soll noch erwähnt sein, dass das recht riesige Geschöpf (Größe eines Kätzchens) durchaus überzeugend als sich bewegender Prop auf die Leinwand gebracht wurde.
Anschließend gibt es dann noch eine nette Schlusspointe, die einige Fragen offen lässt, aber dennoch den Gruselspaß abrundet.
Natürlich passen die verschiedenen Elemente nicht alle zueinander, vor allem die LSD-Sequenz wirkt mehr oder minder angeklatscht und die häuslichen Eifersüchteleien sind etwas langgezogen, bieten Price aber die Bühne für seine patentierte gefährliche Herablassung des gehörnten Ehemanns.
Alles in allem ist der „Tingler“ aber wirklich ein großer Spaß als Kuriosum, der in einigen Szenen eine beunruhigende Wirkung durch seine Lichtgebung und Kameraführung ausübt. Hier gerne 7/10.