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Als Alfred Hitchcock 1966 in der Diskussionsrunde „Frankfurter Stammtisch“ auftrat, wurde er als „der Gruselmann“ eingeführt. Ich fand das immer etwas befremdlich, weil ich sein Werk deutlich vielschichtiger wahrnehme. Wenn es aber einen gibt, der seine Filme exakt auf die Reaktionen des Publikums zuschnitt, dann ist es William Castle. In seinem Film THE TINGLER manifestiert sich diese umsatzträchtige Eigenschaft, Angst zu empfinden, sogar in Form eines Parasiten, der an der Wirbelsäule wächst und nur durch Geschrei getötet werden kann. So wie die Protagonisten den „Tingler“ suchen, sucht Castle den „complete terror“ beim Publikum. Denn Castles Filme waren vor allem ein Ereignis, das man hautnah erleben konnte, wie man in Joe Dantes Film MATINEE (1993) sehen konnte, der sich lose an Showman William Castle orientiert. Für THE TINGLER verkabelte er ausgewählte Sitze, damit er elektronische Reize ins Publikums schicken konnte, um den gewünschten Effekt zu erzielen: Geschrei an der passenden Stelle, das ansteckend sein sollte. Neben diesen physischen Reizen setzte er aber auch optische und akustische ein, etwa wenn das monochrome Bild plötzlich blutrot wird oder von Mono auf Stereo schaltet, wodurch der Zuschauer nicht mehr weiß, ob die Schreie wirklich aus dem Publikum kommen, oder er es sich nur einbildet. Unverkennbar lehnt er sich fast filmisch an Alfred Hitchcock an und schafft eine Suspense-Szene nach der anderen und tritt sogar selbst zu Beginn des Filmes auf. Selbst das Titelmotiv des Films erinnert stark and den einen Jahr zuvor kurz erschienen VERTIGO, in dem Bernard Herrmann den Zuschauer mit seiner musikalischen Spirale in den Bann zieht. Die große Stärke von THE TINGLER ist eindeutig Vincent Price. Er trägt den Film mit einer sympathischen Gelassenheit und Ruhe, so dass man als Zuschauer in Kauf nimmt, was er „im Dienste der Wissenschaft“ an Unsäglichkeiten begeht. Die Kreatur in Star Trek 2: THE WRATH OF KHAN werde ich nach diesem Film wohl nicht mehr so furchteinflößend finden, wie ich das in meiner Jugend getan habe, da sie doch sehr vom Tingler inspiriert zu sein scheint. Sehr empfehlenswert.

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