Review

„Get rich or die watchin’“ oder wie verarsche ich selbst Fans meiner Musik

Reich wird man zwar nicht, wenn man sich das Eintrittsgeld für diesen Blödsinn spart, aber immerhin lässt sich mit dem einiges anderes, Besseres, Sinnvolleres anstellen. Denn wenn man hier tatsächlich mit dem Wissen, dass es eben dieser Film ist, reinspaziert und nachher keinen 50 Cent hinterher heult, dann muss man schon ganz harter „50 Cent“-Fan sein oder darf sich an Klischees, Schicksalsschlägen im Minutentakt und „Gangstersprüchen“ nicht stören lassen.

Marcus’ (Curtis „50 Cent“ Jackson) Kindheit ist schrecklich (und da sie so schrecklich ist, dürfen wir das erste Viertel des Films auch Klein-Marcus dabei zu sehen, wie seine Mutter stirbt, er beginnt, Drogen zu verticken, in einem heruntergekommenen Haus mit seinen Großeltern und weiteren Verwandten zu leben und von seinen Freunden dumm angeguckt zu werden, weil er sich keine Sneakers leisten kann). Nach dem Tod seiner Mutter verkauft auch er, genauso wie sie, Drogen, macht Geld und wird immer angesehener. Und das macht er lange, sehr, sehr lange im Film und plötzlich will er doch Rapper werden und beginnt zu nuscheln…

Es sollte wohl ein ähnlich durchschlagender Erfolg werden wie es „8 mile“ für „50 Cents“ besten Kumpel (wenn mich meine nicht vorhandenen Hip Hop-Kenntnisse nicht vollends täuschen) Eminem war. Doch wie auch schon in jüngster Vergangenheit „Hustle & Flow“, der in eine ähnliche Kerbe schlägt, versucht „50 Cents“ Filmdebüt mit mäßigem Erfolg, viel zu viel in ellenlange zwei Stunden zu quetschen, tritt dabei auf der Stelle, desinteressiert den Zuschauer, der nach kurzer Zeit entsetzt in die Popcorntüte schaut, seinen einzigen Freund darin vermisst und am liebsten sofort rausstürmen möchte, damit er einfach raus aus dem Sessel kommt...äh…kurz Popcorn holen kann und holt schlussendlich nicht ganz so stark wie „Hustle & Flow“ aus, trichtert seine Aussage dem Zuschauer aber ordentlich ein. Dass Gewalt- und Kriminaltaten dabei fast schön geredet werden, ist da nur ein Ärgernis, das man in solch einer Art Film schon fast akzeptiert; akzeptieren muss, denn „50“ und seine Kumpels sind „cool“ und „voll Gangster“, da bleibt kein Raum für Legitimationsfragen, nein, da wird erst geschossen und dann unter Umständen gefragt, aber selbst das besser nicht, denn die Synchronstimme „50s“ passt mal wie die Faust auf’s Auge, oder halt die Kugel in die Hand oder die Kauleiste, und, fällt das unter Selbstironie?, so passiert es, dass „50“ jedes Mal, wenn er rappt, versucht zu rappen, nuschelt, was das Zeug hält und mal gerade eine Freundin, die sich mit mir den Film antat (unbeabsichtigt muss dazu gesagt werden, da es eine Sneak war), etwas verstand, aber auch nur weil sie Engländerin ist. Als er dann auch noch angeschossen wird und eine Art Spange trägt, die ihm den letzten Funken Sprachdeutlichkeit raubt, ist die unfreiwillige Komik auf dem Höhepunkt.

Diese breitet ihren Mantel über dem gesamten Film aus. Terrence Howard („Hustle & Flow“, „Crash“) rechtfertigt sein komisches Verhalten während einer Autofahrt, indem er zu erklären versucht, wann er Recht hat und wann nicht. Und selbst wenn er nicht Recht hat, hat er Recht – logisch, oder? Das alles zweimal hintereinander und selbst der intellektuelle Betrachter sitzt da, sucht kurz, ob das tatsächlich einen Sinn hat, scheitert und widmet sich wieder dem Popcorn, das erschreckenderweise immer noch nicht wieder aufgefüllt ist. Wieso laufen bei solchen Filmen eigentlich keine Angestellten im Kinosaal rum und verkaufen noch Knabbersachen…?!

Nebenbei wird noch ein Haufen Eigenpromo betrieben, der neuste Song wird einem mehrfach um die Ohren geknallt (und bleibt damit fast das einzige an Musik, da sonst nur ein wenig Nuschel-Rap ohne Musik betrieben wird und man das beim besten Willen noch nicht als solche anerkennen kann) und man fragt sich, warum genau dieser Film in Amerika so schlecht lief - ein Film von einem der erfolgreichsten Rapper der jüngsten Zeit. Vom Einspiel genauso wie auch von den Reaktionen der Leute, der Fans, war das alles andere als ein Erfolg. Noch deutlich hinter Britney Spears’ „Crossroads“ in der IMDb gefallen, bleibt abzuwarten, wie er denn hier laufen wird.
Und auch ich muss dem zustimmen. Hiergegen war Spears’ Debüt fast schon unterhaltsam, da nicht so lang (geschlagene zwei Stunden sitzt man vor „50“ gelangweilt im Kinosaal), optisch attraktiver und wenigstens für die Zielgruppe in Ordnung gehend. Hier dürfte nicht mal diese angesprochen werden, da es um Hip Hop bestenfalls zum Schluss geht. Vorher wird sich auf den Werdegang Marcus’ konzentriert, der kaum etwas mit Hip Hop zu tun hat.

Die Emotionen, die einen mit der Hauptfigur in Dramen mitleiden lassen sollen, fehlen hier ebenfalls. Keine Aktion von Marcus, bei der man sich denkt: „Gut gemacht, du tust mal tatsächlich das Richtige, das Bessere, so hätte ich das auch gemacht.“ Hier wird geschossen, erschossen, überfallen, zusammengeschlagen, ohne jede Bedenken. Dabei ist die Gewaltdarstellung zwar nicht übermäßig brutal (obwohl es einige blutige Einschüsse aus der Nähe gibt), doch das fehlen jedes Motivs macht das ganze schlimmer. Solche Verhältnisse wie in Marcus’ Umgebung dürften auch in Wirklichkeit herrschen, aber dann sollte es zumindest einen Sympathieträger im Film geben, der das Menschliche vertritt. Davon gibt es hier aber keinen. So freut man sich nicht, als Marcus auf die Bühne tritt, seinen Traum verwirklicht und etwas aus sich gemacht hat, leidet nicht, als eines seiner Gangmitglieder angeschossen wird oder er im Knast Prügel bezieht. Die Scheiß-egal-Haltung, die den Betrachter schnell überkommt, darf einfach nicht in Dramen aufkommen.
Aber alles wird gut, wenn man die ganze Zeit sein dickes Goldkettchen mit dem Kreuz trägt…

Irgendwas Positives an dem Film? Schauspieler vielleicht… Da lässt sich wenigstens halbwegs Gutes deklarieren. „50 Cent“ spielt sich selbst nur unter anderem Namen (sein Künstlername hier ist nicht „50 Cent“, sondern „Young Cesar“), weshalb auch nicht viel schief geht. Sobald er jemand anderen spielen müsste (Gott bewahre), dürfte er zwar gnadenlos überfordert sein, aber seinen „Gangsterrapper“ hat er drauf.
Seine Gangmitglieder und auch alle anderen Gangs, die man mit der Zeit kaum noch vermag, auseinander zu halten, da auch das eine inferiore Rolle spielt, wer hier mit wem zusammen steckt oder gegen wen gerade vorgeht, spielen ebenfalls solide, aber warum gerade Terrence Howard, der zuletzt in „Crash“ positiv auffiel, sich für so was hergeben muss, ist unverständlich.
Was nebenbei die Synchronstimme von Bill Duke („Payback“) als Levar, einem der Oberbosse, sollte, bleibt auch ein Rätsel. War das eine Anspielung auf „The Godfather“? Besser hätte es Marlon Brando damals nämlich auch nicht hinbekommen.

Auch die Action kann, so fragwürdig sie auch ist, halbwegs überzeugen. Sie ist nicht zahlreich vertreten, aber dennoch immer wieder schick in Szene gesetzt, wenn man mal von der Schlägerei im Knast absieht. Wären da nicht die immer auftretenden „Gangstersprüche“ zwischendurch, würden diese Passagen auch nicht durch die Möchtegern-Coolness gestört. Man kann es mit den Schimpfwörtern auch übertreiben und wenn dann jeder zweite…eigentlich jeder Satz mit „Motherfucker“, „Scheiße“ oder ähnlichem endet, zerrt das schon an der Geduld des Zuschauers. Ich würde zwar gerne wissen, wie viel Authentizität bei der Synchronisation draufging, aber noch mal auf Englisch gucken, muss auch nicht sein…

Bezeichnend für den Film, jedenfalls für mich persönlich, war dann die eben angesprochene Szene, in der Marcus im Gefängnis landet. Er sitzt da gefühlte drei Stunden, aber laut Uhr wohl nur knapp 15 Minuten. Und während sich einige Insassen nackt unter der Dusche beginnen, zu verprügeln, die Wärter eingreifen, mitprügeln, das Blut langsam den Abfluss runterfließt und das ein oder andere gute Stück den Bildschirm verzaubert, begann ich zu überlegen, ich hatte einiges an Zeit, wie Marcus noch mal ins Gefängnis kam. In der Belanglosigkeit der ganzen Story, wenn man die denn so titulieren will, wird eine Episode an die nächste gehängt, bleibt uninteressant und auswirkungslos und wie er denn nun in den Knast kam, weiß ich immer noch nicht. Nach zehn Minuten schon alles vergessen, während ich noch im Kino saß. Das ist Rekord und krönt dann den Film mit einem Titel, den er sicher nicht will: die eben angesprochene „Belanglosigkeit“. Irgendwann, wieder im Knast, kommt ihm die Erleuchtung, nachdem er den Gedanken anfangs schon nach drei Stunden verworfen hatte, dass er Rapper werden will („Was bist du?“ – „Ich bin ein Gangster; ich bin ein Rapper; ich bin ein Gangsterrapper.“). Warum, wieso, weshalb, weiß man nicht, will man nicht wissen und ist auch egal. Am Ende steht „50“ auf der Bühne, so wie man ihn kennt und unter Umständen liebt, wie es dahin ging, ist Nebensache, Hauptsache es ging dahin. Des Zuschauers Gebete wurden erhört, der Film ist zu Ende. Und was nimmt man mit? Nicht viel, lebe mal wieder deinen Traum, morde dafür und wenn du Gangster bist, bist du sowieso ein Held, und du schaffst es ganz sicher. Beruht das auf „50s“ Leben? Laut eigener Aussage ja, wobei doch alles konstruiert, dick aufgetragen wirkt und nur noch Eckdaten übereinstimmen dürften. Wenn jetzt jeder Rapper anfängt, sein Leben zu verfilmen und darum eine tolle „Gangsterstory“ bastelt, damit die jugendlichen Fans zufrieden sind und ihr Geld neben in die Platten auch noch in die Filme stecken, dann mal los. Mein Sneakbesuch wird dann aber in der Nähe dieser Veröffentlichungen gecancelt. Allerdings geht es hier mehr um das Leben eines perspektivlosen Jungen, der seinen Weg geht, auch wenn der anfangs mit tonnenschweren Steinen versehen ist, und weniger um Hip Hop an sich. Das dürfte auch die Tatsache sein, die die Fans stören wird, womit „Get rich or die tryin’“ kaum Fans finden dürfte, da er filmisch ebenfalls eine kleine Katastrophe ist.
Nach diesem Kapitalflop sieht es aber glücklicherweise wieder besser aus für die Zukunft der Filme – ohne Hip Hop-Größen, die sich im Schauspielern versuchen und scheitern. Eminems „8 mile“ hat selbst mich, als Hip Hop-Hasser, begeistert und „Hustle & Flow“ ging auch in Ordnung, aber „50 Cent“ ist nicht mal eben diese wert. Großen Bogen drum machen und lieber noch mal „8 mile“ schauen…

Details
Ähnliche Filme