Review

Da hat man gerade für eine mutige Rolle einen Oscar gewonnen und konnte so das Publikum auch mit schauspielerischen Fähigkeiten statt mit Optik für sich einnehmen, schon wird man wieder in ein unvorteilhaftes Kostüm gezwängt und muss sich durch ein mediokres Comicspektakel winden. Arme Halle Berry.

Bitte, um die geht es hier gar nicht? Das Thema ist nicht „Hollywood und seine Frauenrollen“? Na dann… Entschuldigung.

2006, das Jahr der Politthriller, da steht auch die Science Fiction nicht hintenan und kramt das olle Thema vom Totalitärstaat wieder hervor. „V for Vendetta“, „Ultraviolet“, und den Anfang macht „Aeon Flux“, die Adaption von Peter Chungs gleichnamiger Anime-Serie. Die lief Mitte der Neunziger mal im Spätprogramm auf MTV, und das genügt heutzutage ja bereits, um mit dem Label „Kult“ versehen zu werden.

„Girlfight“-Regisseurin Karyn Kusama bringt das Ganze dann auch mit reichlich Anime-Chic auf die Leinwand, wobei sich auch hier wieder mal niemand die Frage gestellt zu haben scheint, ob man denn die grundsätzliche Unmöglichkeit, von der Zeichentrick nun mal lebt, zum Leben erwecken kann, ohne lächerlich zu wirken. Auf Papier sieht alles immer ganz anders aus… So haben wir nun ein merkwürdig gepresstes Outfit für Charlize Theron (nicht, dass sie nicht immer noch gut aussieht, aber am Kostüm liegt das nicht), eine Frances McDormand, der wohl im Schlaf das Kopfkissen explodiert ist, und einen Pete Postlethwaite, den man in einen Raupe-Nimmersatt-Müllsack gezwängt hat. Der Mann wirkt doch schon allein durch sein Gesicht, Leute!

Warum ich meine Kritik ausgerechnet mit dem Kostümdesign beginne? Nun, schlicht und ergreifend deshalb, weil es inhaltlich nichts zu erzählen gibt. Zwar wartet der Film mit einer hübschen Grundidee auf (auf die ich aber nicht näher eingehen kann, das ist schließlich der Twist des Films), darüber hinaus bietet er jedoch absolut nichts, was man nicht schon von anderen Filmen vorgekaut bekommen hätte. Futuristische Enklaven, böse Anführer, tapferer Widerstand, einsame Helden. Es ist doch immer das Gleiche.
Actionfans können sich den Film getrost sparen, denn obgleich die Kämpfe zwischen Aeon und den (unvermeidlichen) Sicherheitskräften (all in black, of course) flott choreographiert und gut geschnitten sind, so sind sie auch spärlich über den Film verteilt und lassen zudem jeglichen eigenen Stil vermissen. Lässiges Entwaffnen, Sprungkick, beidhändiges Schießen, bekannt, bekannt.
Ebenso geht es schauspielerisch zu: Jeder leistet hier nur Dienst nach Vorschrift.
Theron hat praktisch überhaupt keine Mimik zu vermitteln, aber das ist nicht ihre Schuld, denn die Rolle der Aeon bleibt den ganzen Film über dem Mittelmaß verhaftet. Vage Erinnerungen an die Vergangenheit (Jaa, hier gibt es Flashbacks! Viele Flashbacks!), der Verlust eines geliebten Menschen, und schließlich ein Feind, dem sie sich merkwürdig vertraut fühlt: Nichts, aber auch gar nichts, verhilft dem Charakter zu einer gewissen Einzigartigkeit. Aeon Flux, Heldin von der Stange. Wie soll man sich da hineinfühlen?
Mit den anderen Figuren verhält es sich ähnlich: Ob nun Marton Csokas als Boss der Megacity oder Frances McDormand als Guerillaführerin from the Hirnrinde, alle nölen ihre Zeilen antriebslos in die Kamera, weil sie dem Zuschauer nichts Neues, Frisches anzubieten haben. Die Dialoge sind vorhersehbar und ohne jeglichen Verve, es wird sich auf die nötigsten Floskeln beschränkt („are you ready?“, „don´t do this“ oder der Klassiker „I want her alive“ – ich hoffe, die deutsche Synchro rettet hier etwas), man kann schon beim ersten Ansehen fast mitsprechen. Selbst in der Zukunft ist jetzt schon alles gleich, alles Routine. Schöne Aussichten.

Klingt jetzt, als habe mir „Aeon Flux“ nicht gefallen. Dem ist nun auch nicht so. Zwar würde ich den Film nie in einer persönlichen Bestenliste auftauchen lassen, aber für die komplette Katastrophe ist der Film dann wieder zu gut. Wie nennt man das noch gleich… ah, ja, Mittelmaß. Dies ist halt die Sorte Film, die man sich anschauen kann, aber nicht anschauen muss. Abseits des lahmen Handlungsschemas (bis auf die Grundidee, die ist wirklich nett) bietet dieser Film immer noch genügend verrückte Ideen, um ihn vor „Catwoman“-Regionen zu bewahren. Datentransfer per Zungenkuss, eine intelligente Bombengruppe und ein mörderischer Garten wussten mich dann doch zu unterhalten.

Guten Gewissens ans Herz legen kann ich diesen Film aber niemand, außer vielleicht meiner ehemaligen Kunstlehrerin, die wäre über all diese Formen, Farben und Stoffe sicher ganz entzückt. Hey, da habe ich ja dann doch noch eine Zielgruppe: Kunst-LKs.
Denn der Film ist ein einziges Bekenntnis zur Form. Der Inhalt ist hier nebensächlich.
Schön veranschaulicht in einer Szene, als Aeon ein über der Stadt herumgurkendes Raumschiff entern will. Zuerst probiert sie es ganz action-like mit einer Enterhakenkanone, als dies aber scheitert, muss sie sich, hach, an einem Traum von einem Seidentuch emporziehen, das völlig sinnloserweise mit vielen anderen seiner Art an der Unterseite des Raumschiffs baumelt. Ja, so läuft das hier.
„Aeon Flux“, die „Barbarella“ des neuen Jahrtausends?
Nein, eher doch nicht.

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