"Auch wenn man den Schlagstock anstelle eines Gesprächs einsetzen kann, werden Worte immer ihre Macht behalten."
In naher Zukunft herrscht in Großbritannien ein skrupelloses und totalitäres Regime unter dem Kanzler Adam Sutler (John Hurt). Mit eiserner Faust verängstigt sein aufgebauter Staat die Bevölkerung durch schnelle Verurteilung oder Exekution von Querdenkern und Kritikern. Eigenständige Meinung und Freiheit sind nicht mehr unter der Befürchtung einer Strafe möglich.
Evey (Natalie Portman) wird während der nächtlichen Ausgangssperre von staatlichen Sicherheitsbeamten abgefangen. Als gerechte Strafe für ihr Vergehen haben die Beamten eine Vergewaltigung auserkoren. Aber zu dessen Ausführung kommt es nicht. Ein mit geschliffenen Zitaten um sich werfender Fremder (Hugo Weaving) mit einer Guy-Fawkes Maske hindert sie an ihrem Vorhaben. Er stellt sich als V vor und nimmt Evey mit zu einer eigenst inszenierten Sprengung eines Justizgebäudes. Evey beobachtet erschrocken das Spektakel und missversteht auch später die Intention hinter V's Ermordung staatlich wichtiger Personen. Die Versuche die Bevölkerung mit der Ankündigung der Sprengung des Parlaments wach zu rütteln sieht die Regierung gar nicht gern. Chief Inspector Eric Finch (Stephen Rea) wird angesetzt um V und die mittlerweile als Terroristin bezeichnete Evey ausfindig zu machen.
Larry und Andy Wachowski ("Matrix") adaptieren mit ihrem Film "V wie Vendetta" den gleichnamigen Comic von Alan Moore. So wie auch schon Watchmen enthält der Comic V wie Vendetta eine überaus komplexe Handlung. Da die Fülle an Nebenhandlungen und immer neuen Nebenfiguren bereits dem Leser eine hohe Aufmerksamkeit abverlangt, wurde die Filmfassung enorm entschlackt und verändert, ohne die wichtigsten Inhalte zu vernachlässigen.
Wer wegen der Mitwirkung der Wachowskis einen Actionknaller erwartet, der sei aufs Schärfste gewarnt: Die Gemeinsamkeiten mit der "Matrix"-Trilogie erschöpfen sich in der Zeichnung einer dystopischen Gesellschaft, einem dagegen ankämpfenden Charakter und einer Person, die beigebracht bekommt, was es bedeutet frei zu sein. Dagegen gibt es nur eine einzige, wirklich größer angelegte, brillante Actionszene zum Ende des Filmes hin. Ansonsten schreitet die Hauptfigur nur in knackig kurzen Kampfeinlagen zur Tat, die aber niemals all zuviel Raum zugestanden bekommen. So transportiert der Film sein Anliegen über unglaublich viele Dialoge und Handlungsszenen.
"V wie Vendetta" begnügt sich nicht damit sein fiktives, totalitäres Regime als schlichtes System hinzustellen, sondern investiert sehr viel Zeit und Mühe um die Mechanismen, die Hintergründe, die Dynamik und die Funktionsweisen des scheinbar übermächtigen und überaus brutalen Staatsapparates detailliert zu veranschaulichen. Dabei erlangen die Figuren der Gegenpartei eine ähnliche Greifbarkeit wie die der Helden.
Emotionale Höhen erreicht "V wie Vendetta" beispielsweise durch eine Sequenz, die das Leben einer Frau beschreibt, wie sie ihren persönlichen Wandel und den der politischen Ebene erlebt. Eindringlich wird erzählt, wie sie vor ihren empörten Eltern ihre lesbische Neigung zugibt, eine Zeit persönlichen Glücks erlebt und schließlich durch das Regime untergeht.
Die Comic-Adaption ist vollgepackt mit kritischen, politischen Zeitbezügen, welche oftmals sehr ernsthaft thematisiert werden, aber manchmal durchaus mit einem Schuss überzogenen, subversiven Humor ausgestattet sind. Somit reißt "V wie Vendetta" unterhaltsame Blockbuster-Elemente zwar an, verlangt in vielen Szenen aber eine kritische Auseinandersetzung mit seinen Themen Korruption, Terror, Folter und Homosexualität.
Optisch enthält "V wie Vendetta" passend zu seinen schwerwiegenden Themen düstere Bildern und Farben, aus denen vor allem Rot-Töne kräftig herausstrahlen. Gemeinsam mit einem grandiosen Sounddesign und einer stimmungsvollen Musikuntermalung erzeugen diese Kompositionen von Bild und Ton eine immense Atmosphäre.
Die wenigen Geplänkel und die finale Actionszene enthalten aus visueller Sicht eindeutig die Handschrift der "Matrix"-Macher. Die Perfektion mit der Zeitlupen, Beschleunigungen und Kamera-Positions-Wechsel bei den Nahkampfszenen eingesetzt werden, ist unverwechselbar und erzielt maximale Wirkung.
Hugo Weaving ("Der Herr der Ringe"-Trilogie) gebührt größter Respekt, schafft er es doch trotz starrer Vollgesichtsmaske einen menschlichen Charakter zu erschaffen, der vor allem über die Gestik und leichte Variationen der Kopfhaltung viel ausdrücken kann. Natalie Portman ("Star Wars: Episode I - III") fällt besonders durch ihre passend dargestellte Wandlungsfähigkeit ihres Charakters heraus. Souverän präsentieren Stephen Rea ("The Musketeer") und John Hurt ("Hellboy 1 & 2") ihre Rollen, ersterer ruhig und kontrolliert, letzterer impulsiv und radikal.
"V wie Vendetta" ist ein überaus inhaltsstarker Film, der sowohl auf unterhaltsamer Ebene, als auch auf hochgradig kritischer, politischer Ebene funktioniert. Die nur wenigen Actionszenen enthalten detailliert bebilderte Kampfchoreographien mit den üblichen Effekten der Wachowski Brüder. Obwohl sich der Film weit von der Comicvorlage entfernt, sind seine komplexen Handlungsstränge noch immer funktionstüchtig, jedoch wesentlich einfacher zu durchschauen. Technisch gibt sich die Comic-Adaption keine Blöße und brilliert mit ansehlichen Effekten sowie einem atmosphärisch dichten Zusammenspiel zwischen Bild und Ton. Vielleicht ein etwas unerwarteter Film von Larry und Andy Wachowski, aber ein durchaus wirksamer.
9 / 10