Meiner Meinung nach ist Tobe Hooper kein besonders guter Regisseur, geschweige denn ein “Master of Horror“. Am Anfang seiner Karriere hatte er das Glück, dass ihm der Klassiker “the Texas Chainsaw Massacre“ gelang. Es folgten eine Reihe fulminanter Flops (wie “Lifeforce“ oder “Invaders from Mars“) und schwacher B-Filme (“Night Terrors“, “Crocodile“ etc), wirkliche Erfolge gelangen ihm nur in Zusammenarbeit mit seinem Kumpel Steven Spielberg (“Poltergeist“/“Taken“). Im Jahre 2003 überraschte er mich jedoch mit seinem erstaunlich unterhaltsamen “Toolbox Murders“-Remake, nur um mit dessen Nachfolgewerk “Mortuary“ dann wieder zu gewohnter (Tief-) Form zurückzukehren. Man kann sich also vorstellen, wieviel ich mir im Vorfeld von seinem Serien-Beitrag, welcher den Titel “Dance of the Dead“ trägt, versprochen habe…
Eröffnet wird mit einem knallbunten Kindergeburtstag: Alle haben Spaß und erfreuen sich an den Luftballons, Seifenblasen und Spielchen mit den Freunden – bis auf einmal schwarze Schwaden am Himmel erscheinen, welche sich mit rasender Geschwindigkeit nähern. Nach einem Moment der Verwunderung bricht Panik aus, die Menschen versuchen sich in Sicherheit zu bringen, doch es glückt nicht allen, rechtzeitig einen Unterschlupf zu erreichen. Wem das nicht gelingt, kommt mit einer Art Fallout in Berührung, welcher augenblicklich die Haut zu zerfressen beginnt (beschreibbar als Kombination aus Säure und einem besonders aggressiven Virus) – an dieser Stelle bricht die Rückblende (vorerst) ab, nämlich als die 17-jährige Peggy (Jessica Lowndes) ihre Mutter Kate (Marilyn Norry) aus ihrem unruhigen Schlaf erweckt.
In einer nicht allzu fernen Zukunft, wenige Jahre nach dem Ende des durch einen Terroranschlag ausgelösten dritten Weltkriegs, sind die geordneten Gesellschaftsstrukturen nahezu zusammengebrochen – Anarchie und Gewalt herrscht in den Straßen, eine gewisse Endzeitstimmung ist deutlich spürbar. Jener Tod-bringende Niederschlag damals, genannt „Bliss“, hat unterschiedliche Ausprägungen hervorgebracht: Manche sind von den Folgen vollkommen verschont worden, andere starben entweder auf der Stelle oder im Laufe der Zeit, viele wurden körperlich verunstaltet, einige fristen gar ein Zombie-ähnliches Dasein. Peggy und Kate hatten Glück. Letztere hat sich größte Mühe gegeben, ihre Tochter zu behüten und sie fern allen Bösen zu halten, was wohl dadurch gelang, dass die beiden Frauen ihre gesamte Energie vereint in einen altmodischen Diner steckten, welcher quasi ein Fleckchen Idylle in einer Welt, die steig im Chaos zu versinken scheint, repräsentiert.
Eines Tages ändert sich das jedoch – und zwar als die beiden jungen Männer Jak (Jonathan Tucker) und Boxx (Ryan McDonald) gemeinsam mit zwei Mädels das Restaurant betreten. Vor allem ersterer hat es Peggy sofort angetan, denn er verkörpert das rohe, unbekannte Leben „da draußen“, durch das er sich selbständig mit obskuren Jobs schlägt (der Zuschauer weiß bereits, dass er und Boxx Menschen überfallen und ihnen Blut abzapfen). Natürlich erkennt Kate die aufbrodelnden Hormone und verweist den durchaus charismatischen sowie recht wüst (aber gut) aussehenden Biker-Punk (Tattoos und Maskara inklusive) mitsamt seinem „Gefolge“ umgehend ihrem Laden – doch es ist bereits zu spät, denn in einem unbeobachteten Moment ist der Funke übergesprungen: Er hat ihr angeboten, sich mit ihm um Mitternacht draußen zu treffen, damit sie mal einen Blick auf „seine aufregende Welt“ werfen kann…
Nach einem klassischen „sich an Mama vorbei aus dem Haus schleichen“-Manöver findet sich Peggy spät nachts in einem Cabrio auf dem Weg nach Muskeet wieder, lernt Drogen sowie das Gefühl des Küssens kennen und fühlt sich dank der vielen neuen Reize und Empfindungen zum ersten Mal richtig frei. In der Stadt steht der Besuch eines Clubs namens „Doom Room“ an, mit dessen Besitzer (Robert Englund als „the MC“) die Jungs Geschäfte tätigen. Das Publikum, eine Energie-geladene Mischung aus Punks, Goths, Metal-Heads und Lesben (etc), kann den Beginn der Hauptdarbietung kaum erwarten, welche von dem MC himself aus seine ganz spezielle Weise angekündigt wird: Es gilt, den „Dance of the Dead“ zu bestaunen, bei dem infizierte Menschen (in ihrem Zombie-haften Zustand) mit Viehtreibern auf die Bühne befördert sowie Elektroschocks ausgesetzt werden, so dass sie zuckend eine Art Tanz aufführen. Peggy beobachtet die groteske Show sowohl angewidert als auch (von den Drogen forciert) belustigt, bis sie entsetzt etwas erkennen muss, das eine schreckliche Tatsache ans Licht bringt…
Diese Episode basiert auf einer Kurzgeschichte von Richard Matheson (“I am Legend“/“Stir of Echoes“), welche in seiner 1961er Anthology „Shock!“ veröffentlicht wurde. Nun hat sein Sohn Richard Christian (“Full Eclipse“/“It Waits“) die Story für die „MoH“-Reihe adaptiert, und ich muss sagen, dass sie im Rahmen dieses Formats durchaus gut funktioniert. Im ersten Moment mag einem die fehlende Charakterentwicklung auffallen, doch da sich alles innerhalb nur eines Tages abspielt, ist das durchaus nachzuvollziehen – bei einer Laufzeit von unter einer Stunde lässt sich das zudem (selbst unabhängig davon) unproblematischer akzeptieren. Interessant war es für mich, diverse klassische Motive der 50er-Jahre zu entdecken: Aufgewachsen in einem behüteten, ur-amerikanischen Umfeld (der altmodische Diner mit seinem schmackhaften, selbst zubereiteten Apple Pie etc), sehnt sich Peggy irgendwann trotz allem nach Jungs, Liebe sowie der weiten, gerade für sie aufregend erscheinenden Welt. Genau das versucht ihre streng fürsorgliche Mutter aber (natürlich) von ihr fernzuhalten, um sie von etwaigen verderbenden Einflüssen zu schützen. Es ist klar, dass der rebellische, eine Lederjacke tragende Fremde da einen ungemeinen Reiz auf sie ausübt, so das sich das jugendliche Mädel (wie selbstverständlich) über die Vorschriften hinwegsetzt, um von der verbotenen Frucht zu naschen und einen abenteuerlichen Spaziergang auf der Wild Side zu wagen. Sex, Drugs und Hard-Rock sind die Folgen, doch Jak entpuppt sich tatsächlich als einer, der sich um sie kümmert – er ist der Anti-Held und dadurch keineswegs bloß die Wurzel allen Übels, wie zumeist in (vom Schema her) vergleichbaren Cautionary Tales. Gegen Ende sind die Grenzen unumkehrbar verschoben, und für Peggy hat sich einfach alles gravierend verändert – das Leben hat sie eingeholt, die Unschuld der Jugend ist definitiv vorüber. Diese altbewährten Elemente hat man in ein (post-) apokalyptisches urbanes Setting eingebettet, in welchem Splatter-Punks die Straßen unsicher machen und von den Auswirkungen des Krieges in Mitleidenschaft gezogene Personen gnadenlos ausgegrenzt werden. Einiges hat mich dabei an „Land of the Dead“ erinnert – vor allem in Bezug auf die menschliche Sucht nach Unterhaltung und die daraus hervorgegangenen Abarten: Hier kann man sich zwar nicht mit einem Zombie fotografieren lassen oder zusehen, wie diese in einem Ring-Käfig auf etwas bzw jemanden gehetzt werden, sondern der Club dient der Vermittlung von Spaß, indem L.U.P.s (abgeleitet von „Lifeless Undead Phenomenon“) per Stromstöße oder ihren eigenen Zuckungen zur Belustigung des Publikums zum „Tanzen“ gebracht werden. Alle Individuen, auch die nicht-infizierten, sind Opfer des Konflikts – so können sie sich allerdings trotzdem überlegen fühlen, das Betrachten stellt für sie quasi ein Ventil für die eigene Wut, Verzweiflung und Frustration dar (im Sinne der psychologischen Katharsis-These). Im Vergleich übertreffen die von Hooper präsentierten Szenen jene von Romero um Längen, denn das gewollt kranke, menschenverachtende Gefühl wird faktisch erzeugt, während es in „Land“ zwar ansatzweise zu erspähen, letztendlich aber nicht wirklich spürbar war.
Neben den genannten „Dance“-Einlagen existieren noch verschiedene andere Momente, welche unweigerlich im Gedächtnis hängen bleiben – allen voran eine Sequenz, in der ein Van in einer Gasse anhält, zwei Männer mit aufgesetzten Gasmasken herausspringen, die Hintertüren öffnen, worauf der Blick auf einige wahllos übereinander gestapelte, lebende, nackte L.U.P.s freigelegt wird, welche anschließend in einen großen Müllcontainer geworfen sowie mit einem Flammenwerfen bei lebendigem Leibe (sehr explizit) verbrannt werden. Hinzu kommen diverse Rückblenden auf die anfängliche Geburtstagsfeier, wo man verschiedene sterbende Kinder zu sehen bekommt, deren Haut sich (vornehmlich im Gesichtsbereich) unschön zersetzt. Oder Jak und Boxx, wie sie ein älteres Ehepaar überfallen und ihnen Blut „abnehmen“, welches sie später in Form von Plasma an den MC verkaufen, der damit „seine“ L.U.P.s aufpäppelt. Das bringt mich nahtlos zu dem „Master of Ceremonies“ himself: Dass Robert Englund („Nightmare on Elm Street“) köstliche „Over the Top“-Performances abzuliefern vermag, ist nun wahrlich ein alter Hut und zieht sich wie ein roter Faden durch seine gesamte Karriere (“Ford Fairlane“,“2001 Maniacs“ etc) – und da bildet dieser Part keine Ausnahme. Ähnlich wie bei „Freddy“ wird die Waage zwischen Amüsement und Abscheu gehalten, allerdings ohne dabei gen Cartoon oder Karikatur zu kippen. Auf der Bühne heizt er die Menge an und entwickelt als Gastgeber einen gewissen schrägen Charme (einmal fängt er an zu husten, spukt Blut in ein Glas und fährt mit den Worten „Since we run an upscale establishment here…“ fort), hinter den Kulissen hingegen ist er eine ernste, kranke, bedrohliche Gestalt, welche sich öfters inmitten von nackten L.U.P.s aufhält und sich von ihnen befriedigen lässt. Das will man als Fan von dem Mann so sehen – und die Dialoge, welche man ihm in den Mund legte, unterstützen genau dieses Gefühl superb. Jonathan Tucker (Nispel´s“TCM“,“Hostage“) schlägt sich wacker als Jak und verkörpert ganzheitlich das Musterbeispiel eines Punk-Rockers – inklusive eines Softspots unter der harten, vom (Über-) Leben geprägten Schale. Die Hauptrolle spielt die Newcomerin Jessica Lowndes, welche zuvor nur in „Saving Milly“ zu sehen war. Sie ist eine echte, mit genügend Talent sowie Ausstrahlung gesegnete Schönheit und liefert eine überzeugende Leistung ab. Ich persönlich hoffe, sie in Zukunft noch öfters in interessanten Produktionen entdecken zu können. Abgerundet wird der positive Eindruck auf diesem Gebiet von einem soliden Auftritt der TV-erfahrenen Marilyn Norris (u.a.“Madison“&“the Seninel“) als Peggy´s Mom – alle anderen Beteiligten sind nicht der Rede wert.
Wenn es Regisseur Hoopers Intention war, eine möglichst groteske und abgedrehte Folge umzusetzen, dann ist ihm das wahrlich gelungen. Anfangs wirkt alles etwas abgehackt und bruchstückhaft, doch mit der Zeit fallen die Dinge an einen nachvollziehbaren Platz und fügen sich zu einem interessanten Gesamtbild zusammen, welches allerdings auch einige offene Ansätze nicht zu erklären bzw einzubinden vermag: Was hat es damit auf sich, dass sich die beiden jungen Männer selbst das Plasma in ihre Muskeln spritzen? Was waren die genauen Hintergründe des Krieges, wie entstand der „Bliss“-Niederschlag oder das „Undead“-Phänomen? Okay, mit solchen Problemen haben viele Filme zu kämpfen, weshalb man bei einer Episode vielleicht ein Auge zudrücken sollte. Die erzeugte Atmosphäre ist annehmbar: Intensive Endzeitstimmung kommt zwar kaum auf, doch wenigstens tendieren kurze Einstellungen (wie etwa ein Panoramablick über die kaputte Stadt) ab und an in diese Richtung. Flashbacks oder Zwischeneinblendungen (von Opfern, ungeordneten Zuständen draußen etc) erzeugen darüber hinaus dieses aus ähnlichen B-Movies bekannte (leicht billige) Gefühl der Trostlosigkeit. Hooper unterfüttert die sich um seine Protagonisten herum entfaltenden Geschehnisse mit diversen solcher (Hintergrund-) Einschüben, was meiner Meinung nach passabel funktioniert. Leider entschied man sich dafür, bestimmte Stilmittel zu verwenden, die eigentlich ganz cool sind, auf Dauer jedoch überreizt wirken: Während der gesamten Fahrt nach Muskeet (jene hätte übrigens getrost ein Stück kürzer ausfallen dürfen) werden bunte Background-Projektionen eingesetzt, welche die vorbeirasenden Lichter in Kombination mit den Empfindungen der eingenommenen Drogen visualisieren sollen (ein Effekt, der mich immerzu an „Natural Born Killers“ oder eines der letzten „Green Day“-Videos erinnerte). Zurückhaltung wäre da besser gewesen, was auch für die wüsten Szenen-Überblendungen in anderen Schlüsselmomenten gilt. „Death Metal“-Freunde kommen sicher auf ihre Kosten – die aggressive Verwendung dieser Musikart übertüncht aber leider den feinen, (nicht nur im Vergleich) angenehm ruhigen Score von „Smashing Pumpkins“-Frontmann Billy Corgan.
Letztendlich hat mich Hooper positiv überrascht, denn er lieferte einen netten Beitrag ab, der unter seiner umfangreichen Oberfläche (aus vorwiegend abstoßenden, unsympathischen Menschen, Sex, Drogen, lauten Klängen, kranken Einfällen, einer aufdringlichen Kameraarbeit sowie viel nackter Haut) tatsächlich im Kern den Verlust der gesellschaftlichen Humanität anhand ausgewählter Beispiele gut aufzeigt – zwar kein „Horror“ im klassischen Sinne, dafür allerdings ein unkonventioneller, grotesker Trip … 6 von 10