Review

1.4: Jenifer - 4/10

In meinen Augen verdienen nur zwei der für „Season 1“ ausgewählten Regisseure aufgrund ihrer Verdienste fürs Genre wahrhaft den Titel „Master of Horror“: John Carpenter und Dario Argento. Es entbehrt allerdings nicht einer gewissen Ironie, dass es ausgerechnet diesen beiden Filmemachern seit rund 20 Jahren nicht mehr gelungen ist, ein wirklich herausragendes Werk zustande zu bekommen. Sicher, sie inszenierten jeweils ein bis (maximal) zwei annehmbare Projekte in dieser Zeit, wie etwa „Vampires“ oder „Aura“, doch ein größerer Wurf, welcher in einem Atemzug mit ihren alten Erfolgen zu nennen wäre, kam nicht mehr zustande. Jüngst blamierte sich Carpenter mit seinem Ideen-Ausverkauf „Ghosts of Mars“, während es Argento sogar schaffte, einen der lachhaftesten Thriller der letzten Dekade („the Card Player“) zu fabrizieren, den ich damals (2004) sogar im Kino über mich ergehen lassen „musste“. Gute Voraussetzungen also für seinen Serien-Beitrag mit dem Titel „Jenifer“ – schließlich ist es auf keinen Fall mehr möglich, eine glatte „1 von 10“-Bewertung noch zu unterbieten…

Frank Spivey (Steven Weber) ist es bislang recht annehmbar gelungen, sowohl ein guter Cop als auch liebevoller Ehemann und Vater zu sein – von „geringfügigen“ Abstrichen, wie etwa die im Laufe der Zeit zurückgegangene Intensität der partnerschaftlichen Sexualität, mal abgesehen. Seine Existenz ist gesichert, es gibt keine Probleme mit Alkohol oder so, seinen Dienst verrichtet er mit Überzeugung. Aber wie es das Schicksal nunmal so will, reicht oft nur ein einziger Augenblick, um alles aus seiner geordneten Bahn zu lenken – in Franks Fall ereignet sich dieser während einer Mittagspause, welche er mit seinem Partner unten am Fluss verbringt: Beim frische Luft Schnappen hört er zufällig die Schreie einer weiblichen Person, worauf er sich die Sache näher anschaut und dabei auf einen Mann mit einem Fleischermesser trifft, welcher gerade eine gefesselte Frau zum Ufer hinunterschleift. Sich dem Ernst der Lage bewusst, zieht er sogleich seine Waffe und fordert den wirr wirkenden Angreifer auf, das Messer fallen und sein Opfer los zu lassen, doch der Mann scheint fest dazu entschlossen zu sein, die Tat unter allen Umständen auszuführen – Frank hat keine Wahl und streckt ihn im letztmöglichen Moment mit einem gezielten Schuss nieder. Der Frau (ihr Namen ist Jenifer – übrigens das letzte Wort des Sterbenden) scheint es den Umständen entsprechend gut zu gehen, allerdings ist (nicht nur bei genauerer Betrachtung) zu erkennen, dass sie ein grotesk entstelltes bzw verzerrtes Gesicht hinter den langen blonden Haaren besitzt (u.a. große schwarze, Pupillen-lose Augen sowie eine bis nach oben in die Wange hinein verlaufende Mundöffnung, welche den Blick auf übergroße, scharfe Zähne preisgibt), was einen bizarren Kontrast zu ihrem ansonsten perfekten Körper erzeugt…

Auf dem Revier wird Frank von seinem Chef zu den üblichen Psychiatersitzungen befohlen, doch Jenifer, die nicht richtig sprechen kann und angesichts ihrer jetzigen Lage umso schutzbedürftiger wirkt, geht ihm nicht mehr aus dem Sinn, zumal sich die Kollegen nun über sie lustig zu machen beginnen. Daheim will ihn seine Frau am Abend von den Geschehnissen des Tages im Bett etwas Ablenkung verschaffen, doch der Akt gerät irgendwann derart außer Kontrolle, dass ihm die Couch für die restliche Nacht gewiss ist. Am nächsten Morgen erkundigt er sich über Jenifers Zustand in der Nervenheilanstalt, in welcher man sie inzwischen untergebracht hat – und dank einiger Bemühungen kann er sie schon abends mit zu sich nach Hause nehmen, um sich „um sie zu kümmern, da sie ja sonst keinen hat“. Erwartungsgemäß fällt die Konfrontation mit Frau und Sohn arg abweisend aus – erst recht, als sie seine Frau anspringt, auf die Lippen küsst und diese dabei mit ihren Zähnen blutig aufkratzt. Trotzdem bringt es Frank nicht übers Herz, sie zurück in die Anstalt zu fahren. Stattdessen hält er irgendwo an, um über alles nachzudenken, als sie ihn plötzlich „besteigt“ und sie wilden Sex im Wagen miteinander haben. Nun kann er sie schon gar nicht wieder einliefern, worauf er seine bessere Hälfte erneut davon zu überzeugen versucht, dass es für Jenifer am besten wäre, wenn sie übergangsweise bei ihnen wohnen könnte. „Leider“ wird das Gespräch dadurch unterbrochen, dass die Familienkatze plötzlich aufheult – und nachdem man Jenifer dann im Bad vorfindet, wie sie gerade genüsslich die Innereien des Stubentigers frisst, ist die Sache insoweit geklärt, dass die Familie umgehend das Haus verlässt und Frank dadurch die Entscheidung abnimmt …

In der Folgezeit bleibt er mit ihr allein zurück, vernachlässigt seinen Job, wendet sich verstärkt dem Alkohol zu und genießt den guten Sex mit der merkwürdigen, aber auf eine gewisse Weise durchaus anziehenden Frau. Als sie schließlich jedoch das Nachbarkind verspeist, erkennt Frank, dass er handeln muss – aber auch die folgende, von ihm arrangierte Aktion endet mit einem unschönen Ergebnis (inklusive Überreste einer weiteren Leiche zum Vergraben im Hof), so dass er gemeinsam mit ihr die Stadt verlässt, in eine Hütte in den Wäldern zieht und ganz von vorne beginnt (er nimmt einen Aushilfsjob in einem kleinen Laden an etc). Leider lassen sich gewisse über Jahre gefestigte Gewohnheiten allerdings nicht so einfach unterdrücken bzw abtrainieren…

Die meisten Episoden dieser Reihe basieren auf Kurzgeschichten – diese hier allerdings auf einem Comic von Bruce Jones und Berni Wrightson (erschienen 1964 in einem Band mit dem Titel „Creepy“). Adaptiert von Hauptdarsteller Steven Weber (Connection hinter den Kulissen: mit „MoH“-Schöpfer Mick Garris drehte er die Stephen King Verfilmung „the Shining“), weckt das Ergebnis (dank der Mischung aus Gewalt, nackter Haut und groteskem Humor) Erinnerungen an klassische „Tales from the Crypt“-Folgen, was zugleich eine gewichtige Schwäche offenbart: Mit etwas unter einer Stunde Laufzeit ist „Jenifer“ mindestens 15 Minuten zu lang ausgefallen – und selbst diese Angabe ließe sich leicht verdoppeln, wenn man dazu bereit wäre, wenigstens auf einige Einstellungen der gezeigten Sex-Akte zu verzichten, denn jener Anteil gleicht locker dem einer typischen Zalman King Produktion. Natürlich wollte man so aufzeigen, wie stark Frank Jenifer aufgrund ihrer Sexualität verfallen ist – doch Argento hat sich wohl gedacht, dass das eine perfekte Chance wäre, sich mal an typischen Softcore-Sequenzen zu versuchen. Das Problem ist nur, dass jene ihren Zweck verfehlen: Selbstverständlich geht es darum, dass Spivey mit einer Frau schläft, die ein abstoßendes Gesicht (aber einen tollen Körper) besitzt, nur überlässt die Inszenierung das in diesen betreffenden Augenblicken fast zu einhundert Prozent der Vorstellungskraft des Zuschauers, denn ihre langen Haare verdecken dabei immerzu ihre Missbildungen. Würde man es nicht anders wissen, etwa bei einer Betrachtung dieser Szenen unabhängig des Rests, würde man kaum darauf kommen, dass es sich nicht um ein ganz normales Paar handelt. Hätte man ihre Züge direkt gezeigt, hätte das den gewünschten Effekt in der Magengrube erzeugt – nicht indessen diese Vorgehensweise, bei der man sich gewiss kaum ständig ins Gedächtnis ruft, wie sie eigentlich hinter der auf dem Bildschirm gerade zu sehenden Fassade tatsächlich ausschaut. So bekommt man eine Nummer im Auto, dann im Bett, später in der Hütte (etc.) geboten, was den Verlauf unnötig dehnt. Apropos Spannung: Die tendiert stark gen Nullpunkt. Alles entwickelt sich genau so, wie man es sich bereits nach fünf bis zehn Minuten beinahe detailgetreu ausmalen kann (inklusive des „fiesen“ Finales, versteht sich). Kleinere Überraschungen tauchen nur dann auf, wenn der in ihrem Bann gefangene Frank mal wieder eine Entscheidung trifft, die man als Zuschauer partout nicht nachvollziehen kann, da der Film ausgerechnet diese Tatsache nicht eindringlich genug zu vermitteln vermag.

Alles steht und fällt letztendlich mit den beiden Hauptprotagonisten. Die Figur der Jenifer vereint eine Vielzahl bekannter Eigenschaften: Sie ist zugleich die Schöne und das Biest, vom Körper her eine Femme Fatale, welche ihre Reize zielgerichtet einzusetzen weiß, strahlt (nicht nur im Bett) etwas Animalisches aus (von der Art her einer Katze nicht unähnlich, was ihre Laute mit einschließt), erweckt ein gewisses Schutzbedürfnis (wirkt teilweise hilflos wie ein verängstigtes Kind) und löst die in ihren Bann geratenen Männer gar von deren klaren Menschenverstand (entfernt zu vergleichen mit bestimmten Attributen einer Sirene oder eines Sukkubus). Hinzu kommen Klischee-Geschichten wie von der Partnerin, welche man nur wegen des Beischlafes um sich herum haben will, oder jene von dem Hard-Body mit der unansehnlichen Visage (Stichwort: über den Kopf gestülpte Papiertüte). Irgendwelchen Punkten dieser Faszinationsfacetten verfällt Frank: Direkt die erste Begegnung hinterlässt ihre Spuren in seiner Psyche, denn als er am Abend mit seiner Frau intim wird, blitzen Erinnerungen an ihre Befreiung vor seinem geistigen Auge auf, worauf er seine Partnerin in die nach vorne gebeugte Stellung dreht, in welcher er sie am Fluss vorgefunden hat, und ohne ihr Einverständnis eine anale Penetration vornimmt, was die abwärts verlaufende Spirale auf privater Ebene erst richtig in Gang setzt. Mit der Zeit, als er nur noch sie um sich hat, gibt es aus der entstandenen Obsession kein zurück mehr – trotz ihres Verspeisens der Katze und Nachbarstochter (welche im Anschluss augenscheinlich seltsamerweise weder vermisst noch gesucht wird). Das Leben um ihn herum gerät aus den Fugen und bricht immer weiter ein, Angst kommt mit ins Spiel, doch die Anziehung ist stärker. Ein Schlussstrich erfordert größtmögliche Überwindung – und Frank kann endlich das Schicksal des Mannes, den er anfangs erschossen hat, verstehen. Carrie Anne Fleming (“Bloodsuckers“/“the Tooth Fairy“) ist zwar nur in einer Traumsequenz (vom Gesicht her) zu erkennen, verkörpert Jenifer allerdings von der Gestik her perfekt, ohne dass je Ansätze von Lächerlichkeit entstehen. Zwar keimt auch beim Betrachter ein gewisses Maß an Mitleid und Erregung angesichts der Dame auf, aber so weit gehen wie Frank würde wohl keiner. Gerade diesen gewichtigen Vorwurf muss das Skript über sich ergehen lassen, denn sein Verhalten ist teilweise einfach zu abwegig. Steven Weber (“Jeffrey“/“Timecode“) müht sich redlich und liefert (bis auf die emotionalen Spitzen) eine solide Performance ab – es ist jedoch so, dass keine richtige Verbindung zu ihm aufgebaut werden kann, weshalb er ansatzweise blass, uninteressant und gar unsympathisch erscheint.

Von der Regie her ist diese Episode vollkommen belanglos und unterbietet damit selbst Larry Cohen´s „Pick me Up“-Beitrag um ein ganzes Stück. Die erste Einstellung bleibt das einzige Highlight in diesem Bereich: Eine Aufnahme von oben herab auf zwei in einem Wagen sitzende Cops (das eigentlich vorhandene Dach ist dabei für die Kamera nicht vorhanden), die sich beim Essen mit einer (CGI-) Fliege herumplagen müssen. Das war´s in Sachen Kreativität – alles andere bekommt jeder x-beliebige TV-Regisseur mindestens genauso gut hin. Vor allem eine Zeitraffer-Sequenz wirkt vollkommen deplaziert, fast lachhaft. Obwohl Dario Argento (“Phenomena“/“Opera“) bekanntermaßen seine besten Tage lange hinter sich hat, hätte man mehr als das hier Gebotene erwarten dürfen – und die Ausrede, er habe dieses Mal ja mit der Vorlage eines anderen gearbeitet, ist natürlich absolut irrelevant. Dafür tobt er sich in Sachen Sex und Gewalt aus: Brutaler und freizügiger ist keine andere (ausgestrahlte) Folge der ersten Staffel. Menschliche und tierische Gedärme, ein Kind mit weit aufgerissenem Bauch, ein Jugendlicher, der bei lebendigem Leibe sein „bestes Stück“ abgefressen bekommt – alles sehr direkt ins Bild gerückt. Untermalt wird das Geschehen von den klassisch anmutenden Klängen Claudio Simonettis, welche nett anzuhören sind, aber ebenfalls keine wirklichen Akzente setzen können. Jenifers Make-up-Gestaltung ist schön abstoßend (vor allem die Augen sind sehr creepy), offenbart aber leichte Schwächen in (seltenen) Großaufnahmen. Das größte Problem bleibt jedoch das unterdurchschnittliche Drehbuch, welches mau und vorhersehbar daherkommt: Natürlich richtet sich der Angreifer noch einmal „überraschend“ auf, als sich der Cop über ihn beugt, Frank bekommt die Images von ihr nicht mehr aus seinem Kopf (dem Zuschauer werden diese parallel aufblitzend vorgeführt), der Abstieg vom guten Bürger zum Alkoholiker vollzieht sich geradezu schlagartig über Nacht, die Familie findet nach ihrer Flucht aus dem Haus rein gar keine Erwähnung mehr und so weiter. Die Dialoge sind schwach, klischeehaft und werden hölzern vorgetragen (der Polizei-Chief: „If it walks like a duck, quacks like a duck: It is a duck!“), Franks Partner wirkt eher wie ein schmieriger Kleinkrimineller, seine Handlungen sind nicht nachzuvollziehen: Warum sie nicht verlassen oder selbst töten, sondern stattdessen einen Zirkus (!) aufsuchen und den Freak-Show-Besitzer (!!) dafür bezahlen, sie zu entführen (!!!)? Allein die Zirkus-Einbindung ist sowas von einfallslos, dass man ein symbolisches Gähnen nicht unterdrücken kann. Gelegentlich blitzt zudem der mir aus „the Card Player“ noch schmerzhaft in Erinnerung gebliebene unfreiwillige Humor auf – etwa als Frank einen neuen Job als Aushilfskraft (in einem 2-Personen-Laden) anfängt, sich aber erst weitaus später im Verlauf bei seiner Chefin offiziell mit Namen und Handschlag vorstellt. Am Ende retten nur ganz wenige Punkte diese Episode vor dem totalen Absturz: Die interessante Ausgangsidee, die ganze Figur der Jenifer (einschließlich der mit ihr verbundenen Tragik), ein bis zwei stimmige Szenen (z.B. als sie zum ersten Mal auf die Katze im Flur trifft) sowie die konsequente, ungeschönte Gewaltdarstellung. Zurückgelassen wird man allerdings mit dem Gefühl, ein schwaches, vorhersehbares Skript belanglos, unspannend und unnötig ausgedehnt vorgesetzt bekommen zu haben … knappe 4 von 10

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