Review

1.5: Chocolate - 5/10

Mit „Chocolate“ präsentiert uns Mick Garris (“Critters 2“/“Psycho 4“), Produzent und „Schöpfer“ der „Masters of Horror“-Serie, seinen eigenen Regie-Betrag, welcher zudem auf einer Kurzgeschichte basiert, die er selbst vor rund zwanzig Jahren verfasst hat (veröffentlicht wurde sie in der Anthology „Hot Blood“). Was diese Episode von den meisten anderen (zumindest der ersten Staffel) unterscheidet, ist ihre ruhige Natur sowie die Stärke der erzählten Geschichte. Getragen von der cleveren Ausgangsidee, wird die bewusst subtile Umsetzung, welche weitestgehend auf Kameraspielchen und/oder Gewaltszenen verzichtet, sicher nicht den Geschmack jeden Zuschauers treffen – dafür allerdings all jene erfreuen, die schon immer Fans der guten alten „Twilight Zone“ waren…

Jamie (Henry Thomas) ist ein Mann mit besonders ausgeprägten Sinneseigenschaften. Nein, es handelt sich dabei nicht um irgendwelche Superkräfte, wie man sie aus Comics oder Filmen kennt, sondern „einfach nur“ um die Gabe, zum Beispiel anhand des Geschmacks oder Geruchs einer spezifischen Speise deren Zusammensetzung bzw enthaltenen Zutaten zu identifizieren. Im Rahmen seines Berufes als Lebensmittelchemiker, der im Labor an der Entwicklung künstlicher Aromen arbeitet, kann er diese Fähigkeiten optimal einbringen sowie zugleich im übertragenen Sinne seinen Appetit auf all diese kalorienreichen Speisen befriedigen, welchen er ansonsten wegen seinem strengen Diät-Bestreben konsequent aus dem Weg geht. Der Job ist ihm sehr wichtig und nimmt den größten Teil seines ohnehin introvertierten Lebens ein, was sicher ebenfalls ein Grund dafür war, dass ihn seine Frau Vanessa (Stacy Grant) kürzlich nach sieben Ehejahren (zusammen mit dem gemeinsamen Sohn) verlassen hat.

Eines Nachts erwacht er plötzlich aus dem Schlaf und stellt einen intensiven Edel-Schokoladen-Geschmack in seinem Mund fest – so als hätte er sich gerade eine Praline mit Genuss einverleibt. Diese geschmackliche Irritation lässt sich einfach nicht erklären, denn normalerweise kann er sich immer präzise auf seine Sinne verlassen. Als er mit seinem Kollegen Wally (Matt Frewer) kurz darauf ein Punk-Rock-Konzert besucht, setzt auf einmal sein Gehör aus, worauf er in dieser Phase klassische Musik vernimmt. Irritiert versucht er diese Symptome innerlich herunterzuspielen, doch als er auf der Heimfahrt scheinbar durch die Augen einer anderen Person zu sehen beginnt, wächst die Sorge, dass mit ihm ernsthaft etwas nicht in Ordnung ist. Unabhängig davon scheint sein Liebesleben derweil wieder in Gang zu kommen, als er im Supermarkt die genauso ernährungsbewusste Elaine (Leah Graham) trifft und mit ihr eine leidenschaftliche Nacht verbringt. Am nächsten Morgen kommt es allerdings zum Eklat, als seine gesamte Wahrnehmung schlagartig in den Körper einer anderen Person zu schlüpfen scheint – und zwar in den einer Frau, welche gerade Sex mit ihrem Liebhaber hat. Unfähig sich zu wehren, durchlebt er den Akt an ihrer Stelle. Unglücklicherweise taucht just in dem Moment Vanessa in der Wohnung auf, um ihren Sohn fürs Wochenende vorbeizubringen – die Reaktion auf sein unerklärliches Verhalten sowie die halbnackte Elaine ist natürlich nicht sonderlich positiv.

Von da an ist Jamie wieder allein im Leben, weshalb er seine Aufmerksamkeit verstärkt auf diese andere Frau richtet, in welche er sich vollkommen hineinzuversetzen vermag. Eine Art Faszination, welche er gar für Liebe hält, entsteht für diese Person, deren Leben ungleich aufregender als seins verläuft. Er glaubt sich mit ihr seelenverwandt, da er sie in allen Einzelheiten fühlen und verstehen kann – aus diesem Grund ruft er jenen Zustand auch öfters aktiv herbei. Eine Vision zeigt schließlich auf, wie sie ihren Freund mit einer anderen jungen Dame im Bett erwischt, dieser sie aber sogleich zu einer Ménage à Trois überreden will, was allerdings auf vehemente Ablehnung stößt. Später dann, als die beiden wieder unter sich sind, stößt sie ihm beim Versöhnungs-Sex ein langes Messer in den Bauch und schlitzt ihn bis oben hin auf. Er sympathisiert mit ihrer Tat, da er ihre durchlebten Emotionen verspürt, doch die Verbindung zu ihr reißt daraufhin vollkommen ab. Verzweifelt versucht er sich Einzelheiten der gesehenen Bilder erneut in den Sinn zu rufen, um so mehr zu erfahren – und tatsächlich gelingt es ihm, sie per Recherche in Kanada ausfindig zu machen. Jetzt gilt es nur noch, die schöne Catherine (Lucie Laurier) persönlich aufzusuchen, ihr seine Liebe und Verbundenheit zu offenbaren sowie sie vor der Polizei zu schützen, welche (trotz fehlender Beweise) Ermittlungen eingeleitet hat…

Sowohl stilistisch als auch inhaltlich erinnert „Chocolate“ an klassische TV-Unterhaltung á la „Unwahrscheinliche Geschichten“ oder „Unbekannte Dimensionen“, was einen beinahe altmodischen Eindruck erzeugt, welcher von der ruhigen Herangehensweise (inklusive Verzicht auf Videoclip-Optik sowie schnelle Schnittfolgen) zusätzlich verstärkt wird. Die übernatürlichen Elemente sind untrennbar mit der Hauptperson verbunden und dienen somit der Story an sich, da sie konstant mit seiner psychischen Beschaffenheit bzw Verfassung interagieren und zu keiner Zeit um des bloßen Effektes willen dargeboten werden. Im Endeffekt lässt sich diese Episode als Kreuzung aus „the Eyes of Laura Mars“ und „What Women want“ umschreiben, nur ohne den Humor-Anteil letzterer Produktion. Es geht um die heutzutage weit verbreitete Einsamkeit vieler Menschen, welche auf die eine oder andere Weise danach streben, einen gleichgesinnten Lebens- (Abschnitts-) Gefährten zu finden. Persönliche Distanziertheit verhindert oft, sich in andere Personen wirklich hineinversetzen zu können. Hier geschieht genau das – auf extreme Weise. Jaime empfindet eine natürliche Faszination für diese Gefühle, trennt aber nicht zwischen Catherines Sinnesempfindungen und ihren eigenständigen charakterlichen Facetten, weshalb er alles undifferenziert auf sie projiziert sowie dieses Konstrukt letztendlich für Liebe hält. Wie schnell daraus eine Obsession entstehen kann, ist hinlänglich bekannt – man steigert sich in etwas hinein und erkennt dabei die Grenzen nicht, die man im Verlauf überschreitet. Für ihn ist das mehr als ein Abenteuer, denn er glaubt, sie umfassend zu kennen. Warnzeichen, dass sie ja eigentlich eine Mörderin ist, werden bis zu einem gewissen Punkt ausgeblendet bzw in der Vorstellung so ausgelegt, dass er ihr bei ihren Problemen helfen kann – also das typische „Retter in der Not“-Denken, welches ja zugleich eine übergeordnete Position voraussetzt, die wiederum dem verbreiteten Bild der „schutzbedürftigen Frau“ entspricht. Wie man(n) sich doch manchmal irren kann…

Die allererste Szene, eine klassische „Film Noir“-Eröffnung (Jamie im direkten Lampenschein eines mit Zigarettenqualm vernebelten, dunklen Raumes sitzend, sein Hals und Hemdkragen mit Blut bespritzt), liefert Ansätze bezüglich des Ausgangs der Geschichte, welche folgend in Rückblenden während des Polizeiverhörs präsentiert wird. Henry Thomas (“ET“/“Legends of the Fall“) überzeugt bravourös in der Hauptrolle, denn er spielt gewisse Situationen absolut überzeugend, die leicht hätten peinlich wirken können (wie etwa sein Durchleben des Geschlechtsverkehrs aus der weiblichen Betrachtungsweise oder einer Masturbation per Duschkopf). Eigentlich ist er der typische introvertierte Labor-Geek, der in seiner Arbeit vollkommen aufgeht, bis ein Impuls die Sichtweise der Dinge grundlegend verändert, doch dank seiner Performance kann ihn der Betrachter jederzeit verstehen, ohne von seiner Art belustigt zu werden, denn er ist ehrlich zu sich sowie seiner Umwelt (gibt offen zu, dass er aus Eitelkeit fastet etc), trauert seiner geliebten Familie hinterher und wirkt einfach wie ein netter Kerl. Die attraktive Lucie Laurier („Don´t say a Word“) erhält als Catherine kaum Material, sich zu entfalten – dafür stiehlt der großartige Matt Frewer (TV´s “Max Headroom“ oder „Taken“) als Wissenschaftler mit Punk-Rock-Ader (wie so oft) allen in seinen (zu wenigen!) Szenen die Show.

Regisseur Mick Garris hat mit Frewer bereits (u.a.) bei „Quicksilver Highway“ zusammengearbeitet, sich in den letzten Jahren allerdings vorwiegend auf Stephen King Adaptionen (u.a.“the Stand“,“Riding the Bullet“,“Desperation“) konzentriert (kleine Anspielung: auf Jaimes Nachtisch liegt ein Buch des Autors). Ich muss jedoch gestehen, dass ich (bis auf „Sleepwalkers“) all seine Filme bestenfalls mäßig fand – und da macht dieses Werk hier leider keine Ausnahme. Meiner Meinung nach hätte man noch viel mehr aus der Prämisse des „perfekten Voyeurs“ herausholen können – sei es im Sinne der Erforschung der intimsten Geheimnisse jenes Menschen (über die Sexualität hinaus), vor allem wenn es sich dabei auch noch um das andere Geschlecht handelt, oder der ganzen „Stalker“-Thematik, welche in ihrer Bedrohlichkeit nicht voll zur Geltung kommt. Die Wahl des Lebensmittelchemiker-Berufsfeldes gefiel mir sehr gut, denn die Notwendigkeit einer ausgeprägten Sinneswahrnehmung unterstützt die Aspekte der zunehmenden Täuschung und Überlastung aufgrund des seltsamen Phänomens prima, woraus sich zudem die Manipulation der Emotionen glaubwürdig ableiten lässt. Selbst dieser Bereich weist jedoch (in meinen Augen) ungenutztes Potential auf, denn der Ernährungs-Tick von Jaime und Elaine kommt eher beiläufig daher. Ich hätte mir eine noch direktere Verknüpfung mit seinem Job gewünscht, denn statt echtes Obst in den Produkten zu verwenden, arbeitet er aktuell beispielsweise an einem künstlichen, weniger gesunden Mango-Aroma. Nett fand ich allerdings die Tatsache, dass Vanessa in der englischen OV statt „bless you“ tatsächlich „Gesundheit“ sagt. Es sind letztendlich eine ganze Reihe Kleinigkeiten, die das Gesamtbild für mich abwerten, wie etwa Jaimes wilde Autofahrt, als sein Sehvermögen plötzlich aussetzt (ich sag nur: Fuß vom Gas!), eine gedrehte Szene, bei der man die Schnelligkeit der einsetzenden Dunkelheit offensichtlich unterschätzt hat (Anschlussfehler der Lichtverhältnisse), das schemenhafte Auftauchen eines Crewmitglieds bei einer Reflektion im Bad, die Möglichkeit, Catherine derart schnell per Internet anhand eines Nummernschildes aufzuspüren und so weiter – etwas viel, um ignoriert zu werden, auch wenn die Story an sich interessant ist und die Inszenierung ansonsten hochwertig daherkommt (Kameraarbeit, Editing, Musikuntermalung passen hervorragend). Die primäre Ausrichtung auf eher psychologische Elemente ist durchaus löblich, aber das Gefühl der Oberflächlichkeit in Randbereichen wirft einen recht gewichtigen Schatten aufs Gesamtbild. Vielleicht hätte man mit mehr Spannungs-fördernden Szenen einiges übertünchen können – so bleibt am Ende jedoch nur ein bestenfalls solider Eintrag in die „MoH“-TV-Reihe.

Fazit: „Chocolate“ besitzt zwar eine clevere Story und einen überzeugenden Hauptdarsteller, allerdings auch etliche Schönheitsfehler, welche diese ruhige, vergleichsweise harmlose Episode (man bekommt mehr nackte Haut als Blut geboten – beides aber kaum wirklich der Rede wert) nicht über die Mittelmäßigkeit hinauskommen lassen … 5 von 10

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