„John Carpenter presents“ … Früher (ich würde sagen: so vor knapp 20 Jahren) war das dank Klassiker wie “Halloween“,“the Fog“ oder “Escape from N.Y.“ ein Gütesiegel – heutzutage, nach Werken wie “Village of the Damned“,“Escape from L.A.“ oder “Ghosts of Mars“, eher ein belangloser Titelzusatz (ähnlich wie im Fall von Wes Craven). Trotzdem: Aufgrund seiner Verdienste fürs Genre hat sich der Mann seine Beteiligung an der „Masters of Horror“-Reihe in meinen Augen wie kein zweiter verdient, weshalb ich mich auch, trotz einer angebrachten Portion Skepsis, auf seinen Beitrag „Cigarette Burns“ gefreut habe. Weitere persönliche Pull-Faktoren stellten die Verpflichtung des charismatischen Udo Kiers sowie die vielversprechend klingende Story dar. War mein vorsichtiger Optimismus letzten Endes angebracht? Die Antwort ist ein klares „Jein“.
Das Leben hat es mit dem Offbeat-Kinoliebhaber Kirby Sweetman (Norman Reedus) in jüngster Zeit nicht sehr gut gemeint: Die Drogensucht seiner großen Liebe war schon länger eine Belastung für die Beziehung gewesen, doch er hatte immer zu ihr gehalten sowie sie mit allen Kräften unterstützt. Aus Dankbarkeit hatte sie ihren Vater gar dazu überredet, Kirby 200.000 Dollar zu leihen, damit dieser seinen Traum von einem eigenen (Kunst-) Kino erfüllen kann. Alles schien sich allmählich zum Guten zu wenden, da verließen sie die Kräfte, worauf sie in der Badewanne zu einer Klinge griff und den Freitod als finalen Ausweg wählte. Etwas von ihm starb an jenem Tag mit ihr – seither versucht er, „ihr“ Kino vor der Schließung (aufgrund fehlender Besucher) zu bewahren, muss mit den eigenen Selbstvorwürfen leben und sich zudem mit ihrem Vater auseinandersetzen, der ihm die Schuld gibt und sein Geld zurückfordert, um selbst endlich einen Schlussstrich ziehen zu können. Um sich finanziell über Wasser zu halten, hat er sich nebenbei darauf spezialisiert, besonders seltene (filmische) Sammlerstücke für zahlende Auftraggeber ausfindig zu machen.
Eines Tages tritt der reiche, exzentrische Sammler Bellinger (Udo Kier) an ihn heran und unterbreitet ihm ein reizvolles wie lukratives Angebot: Als Gegenleistung für die komplette Summe all seiner Verbindlichkeiten soll er die einzige existierende Kopie des berüchtigten Experimentellfilms „La Fin Absolute du Monde“ beschaffen. Viele Gerüchte ranken sich um dieses Werk, das bei seiner ersten und einzigen öffentlichen Aufführung (vor rund 30 Jahren) die Premierengäste dazu „gezwungen“ haben soll, ihren Verstand zu verlieren sowie sich gegenseitig auf bestialische Weise zu zerfleischen. Angeblich wurde das Material im Anschluss daran vernichtet – doch Bellinger besitzt Beweise dafür, dass dem nicht so war: In einem Nebenraum seiner Villa hält er nämlich einen überlebenden Darsteller, seines Zeichens ein bläulicher, deformierter (echter!) Engel, welchem man vor laufender Kamera die Flügel abgeschlagen hatte, in Ketten gefangen. Da das Wesen untrennbar mit dem Film verbunden ist und noch immer lebt, muss zumindest eine Version irgendwo da draußen existent sein. Nicht nur wegen des Honorars ist Kirby stark an dem Auftrag interessiert, denn jener stellt für ihn quasi die Suche nach dem „cineastischen Heiligen Gral“ dar, weshalb er natürlich einwilligt – trotz (oder gerade wegen) der mysteriösen Umstände.
Seine Nachforschungen führen ihn an die unterschiedlichsten Orte (New York, Frankreich, Kanada) sowie zu den verschiedensten Menschen, welche alle voller Angst, Respekt und Faszination von „La Fin Absolute du Monde“ sprechen. Wer einen Blick auf das fertige Werk werfen konnte (und überlebt hat), den haben die Eindrücke nie losgelassen – beim Berühren der Filmrolle war die Hand eines Vorführers verschmolzen, der Regisseur hat sich später die Kehle durchgeschnitten, ein Kritiker versucht selbst nach all den Jahren seine Empfindungen in Worte (auf tausenden von Seiten) zu fassen. Unmittelbar seit Beginn der Suche leidet Kirby außerdem unter Visionen, die ihren Ursprung in Form von „Cigarette Burns“ zu haben scheinen, den kleinen Kreisen rechts oben im Kinobild, welche (bei Auftauchen) anzeigen, wann ein Rollenwechsel ansteht. Noch bevor er am Ziel seiner Suche ist, übt der Film einen schrecklichen Einfluss auf ihn aus: Die Grenzen zwischen Realität und Fiktion beginnen zu verwischen, er wird mit echten menschlichen Abgründen (u.a. die „Kunst“ eines Snuff-Regisseurs) sowie den eigenen, nach außen gekehrten inneren Dämonen konfrontiert. Mit der Zeit erlangt seine Faszination für die schier unfassbare Macht immer stärker die Oberhand. Zu welchem Opfer ist man in letzter Konsequenz bereit, um einen einmaligen Blick auf etwas wahrhaft Unglaubliches werfen zu können…?
Betrachtet man John Carpenter´s Filmographie mal unabhängig der o.g. Klassiker, wird wohl keinem in den Sinn kommen, sein Schaffen als sonderlich kreativ bzw einfallsreich zu bezeichnen – schließlich bestehen seine Regiearbeiten größtenteils „nur“ aus Remakes (“the Thing“,“Memoirs of an Invisible Man“ etc) oder Variationen des altbekannten „Rio Bravo“-Themas (“Assault on Pre.13“,“Prince of Darkness“ etc). „Cigarette Burns“ reiht sich nahtlos in dieses uneigenständige Schema ein, denn das Grundgerüst der Handlung deckt sich nahezu mit seinem 94er „In the Mouth of Madness“ (welcher ja selbst mit H.P.Lovecraft-Anleihen prall gefüllt war), nur dass die beiden Drehbuchautoren Drew McWeeny und Scott Swan zusätzlich noch mindestens ein halbes Dutzend weitere zentrale Ideen aus anderen Erfolgen der vergangenen Dekade (nicht gerade subtil) in ihr Skript integrierten: Elemente von „8mm“ (der Snuff-Filmer, der zudem genauso auftritt wie „Machine“ damals, also muskulös, oben-ohne sowie eine Leder-Gesichtsmaske tragend), „the Ring“ (die Tod-bringenden Folgen nach dem Betrachten des Werks, die Visionen, selbst die leuchtende Kreisform der hervorgehobenen „Cigarette Burns“) sowie Polanski´s „the 9th Gate“ (ein spezialisierter Nachforscher wird von einem reichen Sammler beauftragt, welcher die Macht des Objekts seiner Begierde spüren will, eine heiße Spur, die auch nach Frankreich führt usw) lassen sich bereits auf den ersten Blick entdecken. Genrefans können sich zusätzlich über diverse Anspielungen (u.a. in Richtung Dario Argento oder den (inzwischen) beliebten, weil kostengünstigen Drehort Vancouver) freuen, doch insgesamt beschleicht einen unweigerlich die Erkenntnis, dass frische Ideen seitens der Macher auf jeden Fall wünschenswerter gewesen wären. Ferner ist in diesem Zusammenhang noch der (Piano-) Score von John´s Sohn Cody zu erwähnen, welcher schön zur düsteren Stimmung beiträgt, allerdings starke Erinnerungen an die berühmten Musikuntermalungen seines Vaters erweckt – erneut so ein Faktor, der an sich qualitativ keinesfalls schlecht ist, jedoch das Gefühl der Uneigenständigkeit zusätzlich verstärkt. Genau dieser Eindruck stellt die größte Schwäche dieser Episode dar, denn eine gewisse Vorhersehbarkeit wird hervorgerufen, welche dem Aufbau eines effektiven Spannungsbogens nicht gerade dienlich ist.
Zwar ist die Handlung demnach wenig originell, doch die dichte Atmosphäre vermag es tatsächlich, über weite Teile erfolgreich davon abzulenken. Während man sich schon früh ausmalen kann, auf was die Geschehnisse aller Wahrscheinlichkeit nach hinauslaufen dürften, will man zugleich unter keinen Umständen darauf verzichten, wie genau sich das alles wohl im Finale entfaltet. Neben einigen Augenblicken, die schön creepy ausgefallen sind, wie etwa der Engel in Ketten oder die Erzählungen über den (angeblich) auf Zelluloid gebannten Wahnsinn, existieren bestimmte Sequenzen, die angesichts ihrer rohen Direktheit verstören. Ich beziehe mich damit hauptsächlich auf Kirby´s Begegnung mit einem Snuff-Director, der sich von dem legendären Werk inspiriert fühlt. Dieses Zusammentreffen resultiert in einer schockierenden Tat (die Hauptbeteiligten: eine gefesselte Frau und eine Machete), die extrem graphisch bzw explizit umgesetzt wurde. Es ist jedoch keinesfalls so, als wäre die gesamte Lauflänge nun ein einziges Gore-Fest – rein quantitativ gibt es sogar recht wenig Gewalt, welche dafür aber (bei Auftreten) qualitativ aus dem Vollen schöpft (gerade gegen Ende). Dazwischen ist das Tempo ruhig, Krimi-Elemente (mit einem gewissen „supernatural Touch“) treten verstärkt in den Vordergrund. Da die düstere Stimmung, getragen von den Bildern, Motiven und Eindrücken, zu überzeugen vermag, wird das Entstehen von Leerlauf oder Langeweile verhindert – und wem das trotzdem zu gedämpft ist, dem bieten die letzten 10 Minuten sicher eine Entschädigung: In ihnen demonstriert „La Fin Absolute du Monde“ eindrucksvoll seine vernichtende Wirkung auf den jeweiligen Betrachter. Auf kreative und wenig zimperliche Weise wird der selbstzerstörerische, übertragene Irrsinn aufgezeigt, doch gerade hier begeht Carpenter einen (in meinen Augen) gravierenden Fehler: Geschaffen, um den Zuschauer nicht nur zu verstören, sondern darüber hinaus gar (psychisch wie physisch) zu zerstören, müssen die Bilder von einer unbeschreiblichen Intensität sein – das Problem ist nur, dass man sich dafür entschieden hat, uns einige Fetzen davon zu präsentieren. Diese wirken wie eine ruhigere, dreckigere Version des „Ring“-Videos (weniger „flashy“), sind aber im Endeffekt in etwa so gruselig wie ein besserer Marilyn Manson MTV-Clip. Weniger ist mehr, John! Warum es nicht einfach der Phantasie und Vorstellungskraft überlassen, sich die kranken Images auszumalen? Früher war Carpenter ein Meister des subtilen Minimalismus – doch wie schon (u.a.) bei „In the Mouth of Madness“ zeigt er auch hier schlichtweg zuviel, wodurch ein Großteil des potentiell gewichtigen Effekts verpufft. Schade. Er hätte sich ausschließlich auf die Auswirkungen konzentrieren sollen, denn jene erfüllen in der gezeigten Art ihren Zweck und rufen kein Gefühl der Enttäuschung hervor…
Von den Figuren wird nur Kirby mit echter Charaktertiefe versehen: Per Rückblenden erfahren wir von seiner Vergangenheit – vornehmlich Details über den Freitod seiner Freundin, nach welchem sein Leben endgültig vom Pfad abgekommen ist. Alle Versuche, sich erneut in den Griff zu bekommen, scheitern an eigenen Vorwürfen sowie denen des Vaters der Verstorbenen, dessen Dasein ebenfalls in Trümmern liegt. Dieser Auftrag soll ihn wenigstens von den Schulden befreien und erweckt zugleich teilweise das innere Feuer, denn insgeheim sehnt sich jeder Fan nach diesem Fund – trotz der abschreckenden Gerüchte. Anfangs will er ihn (als Bedingung) nach dem Auffinden für zwei Wochen bei sich laufen lassen. Später, nachdem er stückweise den (noch immer theoretischen) Wahrheitsgehalt der Hintergründe vor Augen geführt bekommen hat, weicht er davon ab und will lieber nichts damit zutun haben – schließlich fördern die Visionen unaufgearbeitete Gefühle schmerzhaft zutage und steigern deren Einfluss auf ihn. Wenn die (Sirenen-hafte) Macht von „Le Fin Absolute du Monde“ (dieser Titel wird im Verlauf sehr, sehr oft ausgesprochen) bereits solch eine Wirkung zeigt, bevor man ihn überhaupt gesehen hat, was wird dann erst passieren? Irgendwann glaubt er jedoch, dass gerade ein Betrachten des puren Bösen einem aufzeigt, was man selbst für eine Person ist – quasi ein Spiegelbild der Seele. Norman Reedus („Boondock Saints“) nimmt man seinen Part problemlos ab (zum Glück ist er hier nicht so blass wie jüngst etwa in „Blade 2“) – eine wirkliche Verbindung zu ihm lässt sich allerdings nicht aufbauen, vielleicht weil man weiß, wie es wohl für ihn ausgehen wird. Udo Kier (“End of Days“/“Love Object“) füllt seine Rolle des obsessiven Sammlers perfekt aus, obwohl er (leider) nur in wenigen Szenen zu sehen ist: Dieses köstlich dekadente Auftreten beherrscht er makellos, und es ist eine Freude, ihn agieren zu sehen, da ihm genau die richtige Balance gelingt, Bellinger mitsamt seines makaberen Begehrens glaubhaft erscheinen zu lassen, ohne dass er zu einer Karikatur verkommt. Darüber hinaus bleiben seine letzten Momente mit Sicherheit jedem Betrachter noch lange im Gedächtnis…
„Cigarette Burns“ ist auf jeden Fall eine der besseren Folgen der „Masters of Horror“-Serie, nicht aber der erhoffte große Wurf – dafür ist das Werk (allein von seiner Grundkonzeption her) einfach zu uneigenständig. „In the Mouth of Madness“ meets „the Ring“ meets „the 9th Gate“ – diese Beschreibung trifft es, denke ich mal, recht gut, wobei die Parallelen zu letzterem Streifen noch am deutlichsten sind, sowohl in positiver als auch negativer Hinsicht: Zweifellos atmosphärisch und interessant, bleibt vor allem der letzte Akt hinter seinem Potential zurück, denn sobald die bedrohlich-unheilschwangere Suche vorüber ist, spielt sich der Horror weniger im Kopf als auf dem Bildschirm ab, was in einer Enttäuschung mündet, welche selbst die kreativen Manifestationen des Wahnsinns seitens der „Opfer“ nicht auszugleichen vermögen … 7 von 10