Würde man mich danach fragen, wer von den in den letzten Jahren auf der Bildfläche erschienen „neuen Talenten des Horror-Films“ in meinen Augen das Zeug dazu besitzt, ein echter „Meister des Genres“ zu werden, würde ich (neben Aja und Roth) auf jeden Fall noch einen Namen ganz oben auf meiner (recht kurzen) Liste stehen haben: Lucky McGee. „May“, seinem brillanten (Solo-) Regie-Debüt aus dem Jahre 2002, ist es inzwischen gelungen, einen soliden Kult-Status zu erreichen – vollkommen zurecht, denn mit jenem berührenden Horror-Drama bewies er ein unglaubliches Gespür für die Materie (mit starken Anleihen an die früheren Werke Argentos oder DePalmas) und erzeugte somit das Gefühl, dass man, trotz der eigentlich bekannten Handlungs-Versatzstücke, etwas „Frisches“ präsentiert bekommt. Mitentscheidend für die Wirkung und Ausdruckskraft des Films war zweifelsohne die Besetzung der Hauptrolle mit der bis dato verhältnismäßig unbekannten Angela Bettis („Bless the Child“) – seither bilden beide ein wahres Dream-Team (demnächst spielt er beispielsweise unter ihrer Führung in „Roman“). Unglücklicherweise wurde McGees Nachfolgewerk „the Woods“ (2004) ein Opfer der Übernahme von „MGM“ durch „Sony“ und wartet bis heute (Mitte 2006) noch immer auf einen Starttermin. Wie gut, dass die Verantwortlichen hinter der „Masters of Horror“-Reihe nach der Absage von B-Film-Urgestein Roger Corman (aus gesundheitlichen Gründen) entschieden, seinem Können im Rahmen ihres Projekts eine erneute Plattform zu bieten, denn mit „Sick Girl“ liefert er die wohl beste Episode der ersten Staffel ab, welche auch für sich allein vollkommen überzeugen kann und nicht nur im Vergleich davon profitiert, dass die übrigen Beiträge im Schnitt eher mäßig ausgefallen sind…
Dr. Ida Teeter (Angela Bettis) ist eine Entomologin aus Leidenschaft: Nicht nur beruflich bestimmen Insekten und Käfer ihr Leben – auch bei ihr zuhause hält und pflegt sie liebevoll diverse Exemplare exotischer Krabbeltiere, welche sie als ihre Freunde betrachtet. Abgesehen von ihnen gibt es da nur noch ihren hilfreichen wie witzigen Kollegen Max (Jesse Hlubik), der sie (trotz ihrer etwas steifen, leicht schrägen Art) ebenfalls sehr gern hat. Jedes Mal, wenn sie jemanden kennen lernt, scheitert es jedoch an ihren „Mitbewohnern“ (O-Ton einer Nachricht auf dem Anrufbeantworter: „I´m sorry – the whole bug-thing pretty much creeps the crap out of me and I just can´t…“), weshalb sie weiterhin einsam nach einem verständnis- und liebevollen Partner sucht. Man könnte nun vielleicht „das läuft bestimmt auf Max hinaus“ denken, doch dem ist nicht so, denn Ida ist lesbisch. Diese Tatsache stellt ein Dauerthema dar, u.a. weil Max immerzu alle Details als „stimulierendes Material für die morgendliche Dusche“ von ihr erfahren will (er besitzt eine klar chauvinistische Ader) – es ist also kein Geheimnis und sie geht damit ganz offen um. Sein Rat lautet, die Viecher loszuwerden, denn nur so hätte sie eine Chance auf eine funktionierende Beziehung (mal abgesehen davon, dass er eh nicht glaubt, dass das bei Frauen überhaupt möglich ist: „Connect? You're into chicks, darling. That's a scientific impossibility!“, scherzt er), doch das kann Ida natürlich nicht übers Herz bringen. Ihre Vermieterin (Marcia Bennett) macht sich ebenfalls Gedanken über sie und ihre „Haustiere“, hält sich allerdings (noch) einigermaßen zurück, was wohl vor allem daran liegt, dass ihre kleine Enkelin (Chandra Berg), welche übrigens laufend ein Maikäfer-Kostümchen trägt, sich so gut mit der (in ihren Augen) merkwürdigen Frau versteht.
Zwei unerwartete Ereignisse binnen weniger Tage sind es jedoch, die Idas Leben grundlegend verändern: Zum einen erhält sie ein Paket aus Brasilien, in dem sich ein übergroßes, bizarres Insekt befindet (beschreibbar als eine Kreuzung aus einem Riesenkäfer, einer Gottesanbeterin sowie einem Krebs). Es handelt sich anscheinend um eine bislang unbekannte Art – eine ziemlich aggressive zudem. Fasziniert und überglücklich bricht sie am nächsten Morgen zur Arbeit auf, wo sie sich von Max dazu bringen lässt, endlich mal die hübsche junge Dame anzusprechen, welche jeden Tag unten in der Lobby des Gebäudes sitzt und dort Pixies bzw Fantasy-Motive zeichnet. Ihr Name ist Misty (Erin Brown aka Misty Mundae!), und ein Blick in ihre Augen reicht aus, um Idas Zweifel verschwinden zu lassen – besser noch: Eine Verabredung zum Abendessen ist schnell beschlossene Sache, denn das ebenfalls zurückhaltende Mädel scheint genauso Interesse an ihr zu haben, was aus einem (anfangs unsicheren) ersten Gespräch klar hervorgeht. Trotz des auf Anhieb vorhandenen positiven Vibes zwischen ihnen, gehen Ida die Worte von Max nicht aus dem Sinn, weshalb sie ihre Wohnungsgenossen erst einmal verschweigt sowie allesamt ins Schlafzimmer verfrachtet. Das Date verläuft (von einigen anfänglichen Berührungsängsten mal abgesehen) sehr gut, gleichwohl die folgende (aufs Wohnzimmer beschränkte) Nacht – und am nächsten Morgen stellt sich sogar heraus, dass Misty ebenfalls großes Interesse an solchen Tierchen vorweist, denn ihr Vater ist ein angesehener Wissenschaftler auf diesem Gebiet.
Gemeinsam harmonieren sie wunderbar, die Chemie könnte nicht besser sein und Liebe kündigt sich spürbar an, was wohl mit einen Grund dafür darstellt, dass Ida wesentlich lockerer (als früher üblich) reagiert, als ihr Rieseninsekt ausbüchst und sich fortan im Haus herumtreibt. Sein erstes Opfer ist das kleine Hündchen der Vermieterin – jener Vierbeiner wird kurzerhand zum neuen Nistplatz (in einem von Idas großen Kissen) geschleppt und dort verspeist. Nachdem die beiden Frauen dann sogar zusammenziehen, scheint ihr Glück nichts mehr stören zu können – bis Misty auf einmal unter Stimmungsschwankungen zu leiden beginnt, (unbemerkt) einen Heißhunger auf Maden entwickelt und zudem von einer Kreatur träumt, welche sie schwängert. In einem weiteren Brief des anonymen Absenders lässt sich schließlich eine Warnung finden, welcher Ida (vorerst) jedoch keinen Glauben schenkt: Es heißt, der Käfer bzw das Insekt würde einen Parasiten übertragen können, der sich folgend im Blut mit den Proteinen des Wirts verbindet und letztendlich gar zu einer verändernden Mutation der DNA führt…
Wie schon „May“ damals, lässt sich „Sick Girl“ nicht wirklich als eine reine Horror-Story beschreiben. Das Skript hat McGee in Zusammenarbeit mit Sean Hood (“Cube 2“/“Crow 4“) verfasst, und gemeinsam erschufen sie eine wunderbare, einfühlsame Liebesgeschichte, die sich im Verlauf stetig (per Einbeziehen von „Parasiten“-Motiven á la „Body Snatchers“ oder „Slither“) in Richtung klassischer „Creature Features“ entwickelt. Der skurril-schräge Humor kommt dabei nicht zu kurz, welcher alles wohlig auflockert und zugleich verhindert, dass man den letzten Akt unangemessen ernst betrachtet. Zwischen den Zeilen lassen sich deutliche Kommentare zu Erkenntnissen aus typischen Beziehungen herauslesen, wie etwa dass der Schritt des Zusammenziehens fast zwangsläufig bislang unbekannte Eigenschaften des Partners zutage fördert, die dann meist zu einer Belastungsprobe führen, welche es zu bewältigen gilt. Unkonventionelle Sexualität ist ein weiterer Faktor, den der Regisseur scheinbar gerne in seinen Werken beleuchtet. Mit Hilfe der Figur des Max werden gängige Klischees eingebunden, über die man getrost schmunzeln kann – gleichzeitig aber bekommt der Betrachter (unaufdringlich subtil) den Eindruck vermittelt, dass es das Natürlichste auf der Welt ist, vermutlich weil man (ob nun Mann oder Frau, das ist egal) die Gedanken, Empfindungen und Situationen aus eigenen Erfahrungen nachvollziehen kann. Binnen kürzester Zeit gelingt es McGee, Charaktere aufzubauen, welche einen sympathischen, dreidimensionalen und schlichtweg „echten“ Eindruck erwecken – sie bilden das starke Fundament und simultan den Mittelpunkt der Ereignisse. Selbst das bösartige Tierchen ist eher nebensächlich, ohne dabei jedoch im Hintergrund zu verschwinden, denn einfach alle Aspekte sind geradezu optimal aufeinander abgestimmt und fügen sich so zu einem homogenen Gesamtbild zusammen. Sicher ist die ungewöhnliche Darbietungsweise von Bettis ein zentraler Faktor, der gewichtig übers persönliche Ge- oder Missfallen entscheidet – originell ist ihr hier präsentierter Stil zweifellos, welcher sich blendend mit dem vorherrschenden Gefühl verträgt, eine moderne Aufarbeitung „kultiger“ 50er Jahre B-Movies und Romantik-Komödien zu sehen. Von ihrem ersten Auftritt an, weckt Ida Erinnerungen an die damaligen Zeiten (Frisur, der Tanz vorm Date etc). Sie ist albern, clever, ehrlich, offen, direkt – zugleich aber auch schüchtern und ansatzweise verschlossen: Das passt nicht ganz in die heutige Zeit, weshalb sie ein Außenseiterdasein führt und sich nur bei ihren „Freunden“ wirklich wohl fühlt – bis Misty in ihr Leben tritt, die ebenfalls etwas introvertiert daherkommt, jedoch klar und deutlich das ausspricht, was sie denkt. Gemeinsam bilden sie das süßeste Paar, das ich seit Ewigkeiten filmisch präsentiert bekommen habe.
Es ist eine wahre Freude, den beiden Hauptdarstellerinnen beim (Inter-) Agieren zuzuschauen: Derartige Rollen liegen Angela Bettis allem Anschein nach im Blut – das hat sie in der Vergangenheit immer wieder eindrucksvoll bewiesen, allerdings ohne dabei einem konkreten Schema zu verfallen oder ihr Auftreten wie eine Masche bzw Typecasting-Form wirken zu lassen. Zwar waren die meisten ihrer Figuren in sich gekehrte, aber nette Außenseiterinnen, doch sowohl in „May“ als auch der TV-Version von Stephen King´s „Carrie“ wiesen jene eindeutige psychische Probleme auf, welche sich schließlich in Gewalttaten manifestierten, während ihr (für manche sicher eigentümlich wirkendes) Auftreten im „Toolbox Murders“-Remake (trotz ihrer Position der weiblichen Heldin des Films) leicht unsympathische Ausprägungen vorwies. Hier nun ist sie „einfach nur“ eine quirlige Gestalt, welche mit all ihren Sorgen, Schwächen und Faibles umso liebenswerter wirkt. Allein schon die Szenen, in denen sie in einer merkwürdig verstellten Tonlage mit ihren Haustierchen spricht, sind Gold wert – doch selbst sie werden spielend von den gemeinsamen Momenten mit Co-Star Brown übertroffen, denn die Chemie stimmt auf dieser Ebene (also nicht nur vom Storyverlauf her) ebenfalls perfekt. Zu keiner Sekunde zweifelt man daran, dass Misty und Ida verliebt sind – besser hätte man dieses Gefühl gar nicht vermitteln können. Das bringt mich nahtlos zu Erin Brown, die jedem echten Trash- und B-Film-Fan unter dem Namen Misty Mundae ein Begriff sein dürfte: In ihrem jungen Alter (sie ist Jahrgang 1979) hat sie bereits in mehr als 50 Softcore-Erotik-Streifen (lesbischer Ausrichtung) mitgewirkt und sich in jener Branche fest etabliert. Klangvolle Titel wie “Mummy Raider“,“I, Asphyxia: The Electric Cord Strangler III“ oder “Lord of the G-Strings: The Femaleship of the String“ schmücken ihre Filmographie – und nun versucht sie anscheinend unter anderem Namen ins „seriöse“ Fach überzuwechseln. Nach „Sick Girl“ wäre ich überrascht, wenn ihr das nicht gelingt, denn die Frau kann spielen – und wie! Ihre Performance ist klar auf einer Höhe mit der von Bettis, nur dass sie auf eine andere Art unschuldig und schüchtern auftritt. Sie ist eher ein Freigeist, was sich später bestätigt, nachdem sie dem Einfluss des Insekts verfällt. Misty/Erin meistert alle Facetten virtuos (von Scham bis Bedrohlichkeit), was zum Teil sicher damit im Zusammenhang steht, dass McGee ihr Markenzeichen, die unschuldige, aber intensive „Mädchen von nebenan“-Ausstrahlung (Zöpfchen und Lolita-Faktor inklusive), mitsamt der lesbischen Gesinnung geschickt verwendet. Sie ist süß und extrem hübsch – als man zum ersten Mal ihre Augen sieht (in einem toll eingefangenen Moment, in welchem sie erstmals ihre bis dato („Ring“-artig) vorm Gesicht hängenden, langen brünetten Haare nach hinten streicht), kann man problemlos verstehen, warum sich Ida auf der Stelle in ihnen verliert. Die übrigen Darsteller füllen ihre Parts ebenfalls positiv mit Leben, verblassen allerdings zwangsläufig gegen die Präsenz und Ausstrahlung der beiden Leads.
Die erste Hälfte konzentriert sich fast völlig auf die Beziehung, während der Ton später immer düsterer wird und schließlich in einem blutigen, grotesken sowie herrlich überzogenen Finale mündet, an welchem (nach einigen netten Einfällen und Erkenntnissen) der obligatorische Schlusskniff anschließt, der das Tüpfelchen auf dem „i“ markiert, nicht besser hätte ausfallen können und wunderbar die von Max aufgestellte Behauptung (Stichwort: „Connection“) widerlegt. Gleich die Anfangsszene führt das Krabben-große Insekt, genannt Mick (ein Tribut an „MoH“-Schöpfer Garris), ein – und zwar wie es sich (laut lärmend) gegen seine „Gefangennahme“ sträubt (der Zuschauer erlebt das aus seiner Sicht, quasi per Monster-Vision). Auf CGI-Arbeit hat man verzichtet, daher sieht das Vieh, wenn man es denn mal zu Gesicht bekommt, eher unecht aus, was wiederum zu dem altmodischen Konzept passt, zum allgemeinen Charme beiträgt sowie (nichtsdestotrotz) eine Mischung aus Ekel und Amüsement erzeugt. Die Kreation am Ende besitzt ebenso diesen herrlichen retro-Touch klassischer Trash-Streifen (vergleichbar mit dem Original von „the Fly“ oder ähnlichen Produktionen jener Ära), darüber hinaus wäre noch ein unappetitlich infiziertes, Flüssigkeit absonderndes Ohr oder ein interessant animierter Traum (im Stile der Pixies) zu nennen, doch vorwiegend dreht es sich um Misty´s Persönlichkeitsveränderungen. Gorehounds kommen nur in einer Sequenz ansatzweise auf ihre Kosten, wer bloß auf reinen Horror aus ist, wird ebenfalls enttäuscht. „Genre-Feinschmäcker“, die im Optimalfall schon „May“ angesichts der vergleichbaren Ausrichtung zu schätzen wussten, werden allerdings eine wahre Perle vorfinden, welche clever konstruiert und hervorragend inszeniert mit starken Dialogen, einer stimmigen Atmosphäre (unterstützt vom gut zusammengestellten Soundtrack), zwei fantastischen Darstellerinnen sowie einer ganzen Reihe von fabelhaften Momenten (das erste Date, die Suche nach Mick etc) aufzuwarten vermag.
Fazit: „Sick Girl“ ist eine hochwertige, äußerst unterhaltsame Episode, die Charakterstudie und Insektenhorror gleichermaßen in Form einer bizarren und herzigen (lesbischen) Liebesgeschichte vereint – uneingeschränkt zu empfehlen und daher verdiente 9 von 10